Als der Iran-Krieg losgeht, ist im Radio plötzlich diese Stimme zu hören. Die Stimme zählt scheinbar zufällige Zahlen auf Persisch auf.

Mithören kann grundsätzlich jeder. Alles, was man dazu braucht, ist so ein Kurzwellenradio. Und trotzdem sind diese Zahlen wohl nur für ein paar ganz bestimmte Menschen bestimmt. In der Fachwelt beobachtet man dieses Phänomen schon länger. Diese Sender tauchen nämlich schon seit Jahrzehnten überall auf der Welt auf: mal auf Englisch, mal auf Deutsch, mal auf Chinesisch. Und trotzdem weiss man nur sehr wenig über diese sogenannten Zahlensender.

In diesem Video schauen wir uns an, was hinter diesen Zahlen steckt. Warum jeder sie hören kann, aber fast niemand weiss, was sie bedeuten. Und warum ausgerechnet eine Technik aus dem Kalten Krieg bis heute erstaunlich schwer zu schlagen ist.

Um einen solchen Zahlensender abzuhören, braucht man nur ein Radio, das Kurzwellen empfängt. Es gibt zum Glück eine riesige, weltweite Kurzwellen-Community. Und die schreiben sich ziemlich genau auf, welcher Zahlensender wann auf welcher Frequenz sendet. «Attention! 16525 ...» Das ist also die ganze Nachricht.

Nur verstehe ich von dem hier kein Wort. Genau das ist die Idee dahinter: Die Botschaft ist öffentlich, der Schlüssel nicht. Und das aus gutem Grund: Es wird nämlich vermutet, dass Geheimdienste über diese Zahlensender mit ihren Agenten kommunizieren. Das Prinzip dahinter ist eigentlich recht einfach.

Stellen wir uns vor, ich bin ein Agent im Ausland. Meine Zentrale will mir das Wort «Angriff» übermitteln. Dafür braucht es zwei Schritte. Erster Schritt: Das Wort wird in eine Zahlenfolge umgewandelt. Das geschieht mit einer sogenannten Substitutionstabelle.

Dennis Hofheinz: Also bei dem A wäre das zum Beispiel hier die Eins, die schreibe ich mal als null eins. N wäre dann eine 14. Das G wäre eine sieben, also null sieben. Das R wäre eine 18. Dann kommt null neun. Und für das F zweimal sechs.

Aus «Angriff» wird diese Zahl. Und jetzt kommt der zweite Schritt: Das Verschlüsseln mit dem One Time Pad – kurz OTP.

Dennis Hofheinz: Das hier ist das One Time Pad. Das ist einfach eine Folge von zufälligen Zahlen. Jetzt benutzen wir das One Time Pad, also diese Zufallszahlen und nehmen einfach genügend von diesen Zahlen. Das wären in diesem Fall 14. Und addieren diese Ziffer für Ziffer auf diese Nachricht. Und was dann da rauskommt, das ist tatsächlich das sogenannte Chiffrat. Also das ist das, was dann übertragen wird.

Und genau diese Zahlenfolge schickt mir die Zentrale über Kurzwelle. Diese Übertragung kann jeder mithören. In diesem Fall habe aber nur ich das passende OTP. Deswegen kann ich die Nachricht ganz einfach wieder entschlüsseln.

Die Nachricht ist ohne dieses OTP unknackbar. Selbst mit allen technischen Hilfsmitteln, die uns jetzt oder auch in der Zukunft zur Verfügung stehen, gibt es keine Möglichkeit von einem Chiffrat auf die Nachricht zurückzuschliessen. Wer herausfinden will, welche Nachricht verschickt wurde, muss zu anderen Mitteln greifen.

Dennis Hofheinz: Also man kann natürlich den Leuten, die in der Wohnung sitzen, die Spione, die man vermutet, denen kann man mit einem Gummiknüppel über den Kopf hauen und das Buch abnehmen. Dann findet man die Nachricht. Aber jetzt rein vom Chiffrat gibt es keine Möglichkeit.

Dieses Verschlüsselungsverfahren hat auch Nachteile. Jede OTP-Zahlenfolge darf nur ein einziges Mal benutzt werden. Und ein weiterer Nachteil: Weil Sender und Empfänger dasselbe OTP nutzen, muss es vorher irgendwie übergeben werden.

Dennis Hofheinz: Das bedeutet insbesondere, dass sie sich vorher schon mal getroffen haben müssen, dass sie sich in irgendeiner Weise sicher ausgetauscht haben müssen, um sich auf dieses Blatt zu einigen.

In der Realität sehen OTPs deswegen übrigens nicht so aus, sondern wahrscheinlich eher so. Klein, handlich und gut zu verstecken – perfekt für Spione.

Dass Zahlensender von Geheimdiensten genutzt werden, wissen wir, weil Agenten in der Vergangenheit tatsächlich schon dabei erwischt worden sind.

Zum Beispiel in den USA: Dort wird im Jahr 2001 Ana Montes verhaftet. Sie arbeitet für den Militärnachrichtendienst des Pentagons, spioniert aber gleichzeitig für den kubanischen Geheimdienst. Die Instruktionen aus Kuba erhält sie per Zahlensender. Später finden die Behörden bei ihr ein Kurzwellenradio und dieses Zahlenraster. Damit hat sie zum Beispiel diese Nachricht empfangen: Und Ana Montes ist kein Einzelfall.

2011 wird in Deutschland ein Ehepaar verhaftet, das sich Heidrun und Andreas Anschlag nennt. Die Namen sind falsch. Die beiden spionierten über 20 Jahre lang für Russland.

Laut «Spiegel» stürmt die Polizei die Wohnung des Ehepaares genau in dem Moment, als die Frau am Radio eine Nachricht aus Russland empfängt. Das war 2011.

Heute gibt es verschlüsselte Messenger, Satellitenkommunikation oder Smartphones. Und trotzdem senden viele Zahlensender weiter – vielleicht gerade deshalb. Denn wer Zahlensender empfängt, hinterlässt keine Spuren.

Aber: Woher die Nachrichten kommen, lässt sich meistens herausfinden. Indem man den Sender von mehreren Orten aus anpeilt, lässt sich sein ungefährer Standort ermitteln.

Den Sender mit den englischen Zahlen vermuten sie hier – in der Nähe von Warschau auf einem Militärgelände. Diese Stimme auf Mandarin wiederum sendet mutmasslich von diesem Standort in Taiwan aus.

Direkt daneben befindet sich ein Gebäude des taiwanischen Radiosenders «Voice of Han», der dem taiwanischen Verteidigungsministerium untersteht.

Und die Stimme vom Anfang mit den persischen Zahlen? Dieser Sender wurde ungefähr hier geortet. In der Nähe eines amerikanischen Armeestützpunktes in Stuttgart.

Die persischen Zahlen sollen von hier nach Iran gesendet worden sein. Vermutet wird, dass US-Geheimdienste damit Informanten in Iran kontaktieren.

Auffällig ist: In all diesen Fällen führt die Spur zu Militär und Geheimdiensten. Satelliten können ausfallen, Messenger gehackt und Handys geortet werden. Ein Kurzwellensignal dagegen reicht über Tausende Kilometer, und wer es empfängt, bleibt unsichtbar.

Genau deshalb ist diese Technik aus dem Kalten Krieg auch im Zeitalter von autonomen Kampfdrohnen und KI noch nicht überholt.

Solange Geheimdienste Agenten im Ausland haben, werden wohl auch diese Zahlensender weitersenden. Hören kann sie jeder. Verstehen nur wenige.

Source: Neue Zürcher Zeitung · Raca Wita

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira