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«Antisemitismus wird zum Instrument, um die westliche Lebensart zu bekämpfen»
Seit dem 7. Oktober 2023 herrsche bei der Frage des Umgangs mit militanten Palästinensern Konsens in Israel, sagt die Strategieexpertin Melody Sucharewicz. Dem Rest des Westens drohe eine tiefgreifende Spaltung.
26.10.2026, 05.30 Uhr
Der 7. Oktober 2023 hat die israelische Gesellschaft traumatisiert. Nach dem Pogrom auf Boden des einzigen jüdischen Staats der Welt folgte ein zweiter Schock: die Geschwindigkeit, mit der westliche Gesellschaften in eine neue Welle des Judenhasses hineingezogen worden seien, sagt die deutsch-israelische Politikberaterin und Terrorismus-Expertin Melody Sucharewicz in NZZ Standpunkte.
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Extremisten sei erschreckend rasch eine breite Mobilisierung gelungen, bis tief in akademische und bürgerliche Kreise hinein. Judenhass werde dabei gezielt eingesetzt. «Antisemitismus ist vom Virus zum Instrument mutiert», so Sucharewicz weiter. «Zum Instrument für die Kräfte, die die Lebensart, für die wir in westlichen Gesellschaften gekämpft haben, zerstören möchten.»
Diverse zivilgesellschaftliche Anliegen seien systematisch gekapert worden: Demonstrationen für Frauenrechte, Klimaschutz, LGBTQ-Anliegen oder Sozialreformen in Europa und den USA – nahezu jede Protestbewegung werde von linksradikalen und islamistischen Gruppierungen mit Palästina-Flaggen vereinnahmt. Der offene Flirt von Teilen der Politik und Kultur mit Islamisten und Clanchefs habe den Antisemitismus fast zu einem Teil der Popkultur verkommen lassen.
Diese Entwicklung, die zur Polarisierung westlicher Gesellschaften geführt habe, sei bedauerlich und ein Grund zur Sorge für alle Menschen, «denen ihre Freiheit lieb ist». Der entgrenzte Hass auf den Strassen von Berlin, Paris oder New York offenbare Respektlosigkeit gegenüber den Werten und Rechtsordnungen jener Staaten, die den Protestierenden Schutz und Heimat böten.
Keine vernünftige Alternative zum entschlossenen Vorgehen
Sucharewicz hofft, dass die vernünftige Mitte der Bevölkerung dies erkennt und sich nicht von Extremisten in die Irre führen lassen wird. Israel selbst könne sich nicht primär damit beschäftigen, wie das Geschehen in Nahost in westlichen Wohnzimmern wahrgenommen werde. Das Land befinde sich in einem existenziellen Verteidigungskampf.
Wichtig sei dabei die enge strategische und militärische Zusammenarbeit mit den USA. Mit Blick auf die Kritik an der israelischen Kriegsführung fordert Sucharewicz eine klare Trennung zwischen Empathie und militärischer Notwendigkeit. Jedes einzelne zivile Opfer sei eine Tragödie und wecke Mitleid, auch bei ihr.
Doch habe die Hamas während Jahrzehnten inmitten der zivilen Bevölkerung eine Infrastruktur für ihren Terror aufgebaut – finanziert mit internationalen Hilfsgeldern und mit der Hilfe Irans. Sie verweist ausserdem darauf, dass das Verhältnis von getöteten Zivilisten zu getöteten Terroristen deutlich geringer sei als bei vergleichbaren Operationen westlicher Alliierter, etwa beim Kampf gegen den Islamischen Staat in Mosul.
Für Israel gebe es keine vernünftige Alternative zum entschlossenen Vorgehen. Nach Ereignissen wie jenen am 7. Oktober könne kein souveräner Staat hinnehmen, seine Bürger schutzlos zu lassen. «Es muss getan werden, was getan werden muss, um dafür zu sorgen, dass die Israeli nie wieder etwas wie den 7. Oktober erleben müssen», sagt Sucharewicz.
Die heutige israelische Haltung sei das Ergebnis bitterer Erfahrungen. Schon der vollständige Abzug aus dem Gaza-Streifen im Jahr 2005 und andere israelische Vorleistungen seien von den Palästinensern nicht mit Frieden, sondern mit der Errichtung einer Terror-Hochburg beantwortet worden.
Noch kurz vor dem 7. Oktober habe die israelische Regierung die Zahl der Arbeitsgenehmigungen für Palästinenser erhöht. Einige dieser Arbeiter hätten die Hamas später mit detaillierten Informationen über die Kibbuzim versorgt, deren Bewohner bei dem Pogrom dann abgeschlachtet wurden.
Diese Kette von Vertrauensbrüchen habe Israel ins Mark getroffen. Menschen in den Grenzregionen, die sich jahrelang für palästinensische Nachbarn eingesetzt und sie medizinisch versorgt hätten, mussten mit ansehen, wie am 7. Oktober auch palästinensische Zivilisten mordend und plündernd über sie und ihre Häuser herfielen.
In der Frage des Umgangs mit den Palästinensern gebe es einen breiten Konsens im Land. Auch Linke und die Friedensbewegung hätten erkannt, mit welcher zerstörerischen Kraft Israel konfrontiert sei. «Das ist vielleicht eine der tragischsten und traurigsten Konsequenzen des 7. Oktober», sagt Sucharewicz. «Versöhnung (mit diesen Kräften) ist leider utopisch.»
Solange jedenfalls, bis die Kultur des Hasses nicht grundlegend überwunden ist. Der Todeskult der Hamas, ihre Verherrlichung des Märtyrertums und die Erziehung palästinensischer Kinder zum Hass hätten tiefe Spuren hinterlassen. Dass selbst nach dem 7. Oktober eine breite Mehrheit der Bevölkerung im Gaza-Streifen das Massaker gutgeheissen habe, mache eine schnelle Wiederannäherung unmöglich.
Dennoch gibt Sucharewicz nicht alle Hoffnung auf. Die weitere Entwicklung hänge von der vollständigen Entwaffnung der Hamas ab. Wenn gesichert sei, dass zivile Infrastruktur nicht erneut als Machtzentrum einer Terrororganisation diene, sei ein nachhaltiger Wiederaufbau möglich.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Melchior Poppe
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