Texas gilt als Hochburg der Republikaner.
Seit über dreissig Jahren sind beide Senatssitze von Texas in republikanischer Hand. Einer davon steht nun zur Wahl.
Isabelle Jacobi: Zum ersten Mal haben die Demokraten eine reale Chance, diesen konservativen Südstaat zu gewinnen. Das wäre eine Sensation.
Das könnte auch über die Mehrheitsverhältnisse im US-Senat entscheiden.
Weshalb droht Texas zu kippen? Und wie stark stehen die Republikaner in diesen Zwischenwahlen wirklich unter Druck?
James Talarico ist Abgeordneter im texanischen Parlament und tritt für die Demokraten an. Ken Paxton, Justizminister von Texas, geht für die Republikaner ins Rennen um den freien Sitz im amerikanischen Senat.
Die jüngsten Umfragen zeigen: Talarico liegt knapp vor Paxton.
Isabelle Jacobi: Er präsentiert sich als Politiker des Anstands. Und er redet erstaunlich oft von der Bibel. Er ist studierter Theologe, und das spielt er im Wahlkampf voll aus. Er hofft, damit auch gemässigte Republikaner und christliche Konservative anzusprechen.
Um das enge Rennen für sich zu entscheiden, muss er verschiedene Wählergruppen mobilisieren können.
Isabelle Jacobi: Er muss in erster Linie seine eigene Basis an die Urnen bringen. Das ist zum Teil eine sehr linke Basis. Und das scheint ihm zu gelingen. Dann muss er die Latinos an der Südgrenze zurückholen, die vor zwei Jahren für Donald Trump gestimmt haben. Und in den Vorstädten muss er unabhängige Republikaner für sich gewinnen. Die Hürden sind relativ hoch.
Einen Vorteil hat er aber: Paxton ist ein umstrittener Kandidat.
Isabelle Jacobi: Ken Paxton ist in den letzten Jahren in verschiedene Skandale verwickelt gewesen. Er wurde sogar einmal fast «impeacht» von einem republikanisch dominierten Kongress. Er hatte auch Korruptionsprozesse am Hals.
Die vorzeitige Stimmabgabe läuft auf Hochtouren. Bis zum 29. Oktober haben in Texas rund 6,9 Millionen Menschen vorzeitig gewählt. Zum selben Zeitpunkt bei den Zwischenwahlen 2022 waren es 4,8 Millionen.
Isabelle Jacobi: Die Demokraten sind natürlich extrem motiviert, wählen zu gehen. Sie möchten gerne die Mehrheit im Kongress zurückgewinnen. Die Republikaner wissen das natürlich und fühlen sich bedrängt. Die Wahlbeteiligung wird diese Wahlen bestimmen.
Texas ist nicht der einzige Gliedstaat, in dem die Republikaner unter Druck stehen.
Isabelle Jacobi: Die Republikaner müssen Gebiete verteidigen, in denen sie sonst leicht gewinnen. Das ist nicht nur in Texas so, sondern auch in Iowa, in Kansas, in Alaska. Selbst in Florida zeigen sich die Demokraten kompetitiv.
Der Grund liegt im Weissen Haus.
Isabelle Jacobi: Viele Amerikaner leiden unter den hohen Lebenskosten. Die Inflation hat wieder angezogen, und der Iran-Krieg von Donald Trump ist sehr unpopulär. Er treibt die Energiepreise an und bringt Bauern und den unteren Mittelstand in Bedrängnis. Die Lage ist prekär, für viele in den USA.
Isabelle Jacobi: Trumps Zustimmungswerte sind grottenschlecht. Das ist ein Problem für Republikaner, die in Swing States oder Swing-Bezirken kandidieren, die Trump nur sehr knapp gewonnen hat vor zwei Jahren. Für solche Republikaner ist Trump eine klare Hypothek. Und Trump macht es ihnen nicht leicht, er bekämpft Kritiker bekanntlich mit aller Kraft. Er führt dort derzeit auch überall Wahlkampf. Und das finden Republikaner problematisch.
Das ist auch im Wahlkampf sichtbar: Mehrere republikanische Abgeordnete haben sich von Donald Trump und seiner Politik distanziert.
Carlos de la Cruz, republikanischer Kongresskandidat, hat zum Beispiel seine Website angepasst.
Früher hat er sich als «Trump-Konservativen» beschrieben. Heute steht dort «langjähriger Republikaner».
Umfragen zeigen: Landesweit liegen die Demokraten bei der Kongresswahl im Schnitt vorne.
Isabelle Jacobi: Es ist relativ realistisch, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus zurückholen. Die Frage ist, wie stark ihre Mehrheit ausfallen wird: 30 Sitze oder nur 9. Beim Senat ist es viel knapper.
Eine demokratische Mehrheit würde die Dynamik in Washington verändern.
Isabelle Jacobi: Die Demokraten können Trumps Politik ausbremsen und blockieren, sie werden Untersuchungen lostreten, vielleicht sogar ein Amtsenthebungsverfahren anstrengen. Und sie könnten einen weiteren konservativen obersten Richter verhindern, wenn sie im Senat die Mehrheit gewinnen. Das wäre eine relativ schwerwiegende Konsequenz.
Source: Neue Zürcher Zeitung · Michelle Amstutz, Isabelle Jacobi
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