Verunsicherte Freunde und Bewunderung für die Demokratie – was die amerikanischen Wahlen im Nahen Osten auslösen
Die siegreichen Demokraten wollen Donald Trumps Nahostpolitik am liebsten auf den Kopf stellen. Das wird ihnen nicht so rasch gelingen. Trotzdem hat die Wahl Auswirkungen.
07.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Es wird komplizierter: Donald Trump mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman.
ABACA via Imago
Zu Beginn des Jahres stand Donald Trump auf dem Gipfel seiner Macht. Zu Hause konnte er durchregieren. International hatten seine Spezialkräfte in Venezuela gerade Nicolás Maduro gestürzt und nach Amerika gebracht. Nun, so der Präsident, solle das nächste Problem gelöst werden.
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Doch sein Regimewechsel-Krieg, den er gemeinsam mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu gegen Iran vom Zaun brach, verlief nicht nach Wunsch. Acht Monate nach dem Angriff steckt Trumps Armee am Golf fest. Weder mit Gewalt noch mit Verhandlungen lässt sich das Teheraner Regime zum Einlenken bewegen.
Schlimmer noch: Wegen des unbeliebten Krieges, der Blockade der Strasse von Hormuz und des damit verbundenen Chaos auf den Erdölmärkten muss Trump jetzt auch an der Heimatfront ein Debakel hinnehmen. Bei den Zwischenwahlen fegten die Demokraten seine Republikanische Partei in beiden Kammern regelrecht von der Macht.
Eine Abfuhr für Trumps Nahostpolitik
Trump, der angeblich so starke Präsident, der alles anders machen wollte, droht in den verbleibenden zwei Jahren seiner Amtszeit zur «lame duck», zur lahmen Ente, zu werden. Seine Getreuen wissen ganz genau, wie die Niederlage zustande kam. «Schuld war der Krieg in Iran», donnerte Trumps Vize J. D. Vance bereits einen Tag nach der Schlappe.
Tatsächlich haben die von der Teuerung gebeutelten Amerikaner nicht nur auf die hohen Ölpreise, das Chaos und die Selbstherrlichkeit der republikanischen Führung reagiert. Sie haben auch Trumps Nahostpolitik eine Abfuhr erteilt. Aber was bedeutet das für die Region selbst?
Geht es nach den siegreichen Demokraten, bleibt nichts, wie es ist. Ihre Abgeordneten in Repräsentantenhaus und Senat wollen den Krieg am liebsten so schnell wie möglich beenden, Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth und weitere Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen und die Geschäfte des Präsidenten mit den Golfstaaten prüfen.
Manche Demokraten würden gerne noch weiter gehen und Amerikas Unterstützung für Israel einstellen. Das würde die Verhältnisse im Nahen Osten auf den Kopf stellen. Die Palästinenser und ihre Unterstützer könnten Oberwasser erhalten. In Teheran wird der Sieg der Demokraten von der Führung schon jetzt als «Regimewechsel» gefeiert.
An der militärischen Lage ändert die Wahl nichts
Doch auch wenn die Demokraten hochmotiviert ans Werk gehen – bis ihre Massnahmen Wirkung zeigen, wird Zeit vergehen. Denn Trump kann seinen Krieg vorerst auch ohne Zustimmung der Volksvertreter weiterführen. Will er etwa, wie in letzter Zeit immer wieder gemunkelt, eine weitere Angriffswelle gegen iranische Ziele fliegen, kann er das tun.
«Die Demokraten können ihm auf die Nerven gehen», sagt ein Politikberater aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Trump positiv gegenübersteht, bei einem Essen in Abu Dhabi. «Aber grundsätzlich ist ihr Einfluss auf den Krieg vorerst gering.» An der militärischen Lage ändert die Wahl sowieso nichts. Trumps Generäle fanden auch zuvor schon kein Mittel, um die Iraner zur Aufgabe zu zwingen.
Entsprechend zurückhaltend waren auch die Reaktionen in den meisten arabischen Hauptstädten auf den Triumph der Demokraten. Die fiebrige Krieg-in-Sicht-Stimmung, die hier unmittelbar vor den Wahlen geherrscht hatte, ebbte nach der Schlappe des Präsidenten zwar etwas ab.
Mit einer Wiederaufnahme der Kampfhandlungen rechnen viele Beobachter aber immer noch. Dass die von einem erneuten Krieg bedrohten Golfherrscher ihre Fühler in Richtung Iran ausstrecken, hat deshalb nur bedingt mit den Wahlen zu tun, sondern ganz einfach mit Selbsterhaltungstrieb.
Zweifel an der Treue
Trotzdem wird die «blaue Welle» nicht spurlos am Nahen Osten vorübergehen. Denn die Wahlergebnisse sind durchaus Teil eines langfristigen Trends. Seit Jahren schon sind die Amerikaner müde von den ewigen blutigen Konflikten im Nahen Osten. Donald Trump ist daher nicht der erste Präsident, der im arabischen Sand stecken bleibt.
Entsprechend sind alte Gewissheiten und Bündnisse nicht mehr in Stein gemeisselt. Die Unterstützung für die enge Allianz mit Israel etwa bröckelt nicht erst seit dem Iran-Krieg. Schon Jerusalems brutaler Feldzug in Gaza entfremdete viele Amerikaner. In Zukunft dürfte diese Tendenz noch zunehmen. Teheran hofft, aus dem Überdruss Kapital schlagen zu können.
Zunehmende Zweifel an Washingtons Treue sind aber nicht nur für die Israeli ein Problem. Auch am Golf gelten die Amerikaner inzwischen als unsichere Kantonisten. Manche der Herrscher dort haben den Iran-Feldzug zu Beginn hinter vorgehaltener Hand unterstützt. Sollte Washington sie nun auf halber Strecke alleinlassen, käme das für die Petrostaaten einem Debakel gleich.
Zudem haben die Monarchien mit den Demokraten keine guten Erfahrungen gemacht. Saudiarabiens mächtiger Kronprinz Mohammed bin Salman etwa erinnert sich noch ganz genau, wie Präsident Biden ihn zu Beginn seiner Amtszeit als Paria bezeichnete. Trump mag zwar unzuverlässig sein. Wenigstens fordert er aus Sicht der Monarchen aber nicht die Einhaltung der Menschenrechte ein und ist offen für Geschäfte.
«Bei uns gibt es nur Diebe»
Vielen arabischen Staaten ist allerdings nicht erst seit dieser Woche klar, dass sie sich in Zukunft vermehrt selbst um ihre Sicherheit kümmern müssen. Auch deshalb schlossen sich etwa Saudiarabien, Pakistan und die Türkei im Mekka-Pakt zusammen. Als Abschreckung gegen die Iraner und ihre ausländischen Milizen wirken solche pompös verkündeten Abkommen bis heute aber nur begrenzt.
Trotz allem Überdruss sind die Amerikaner immer noch die bestimmende Macht in Nahost. Das zeigt sich nicht nur in militärischen Dingen – wo amerikanische Technik und Expertise für die Verteidigung der Golfstaaten nach wie vor unerlässlich sind.
Auch beim Systemwettbewerb haben sie trotz allen Abgesängen auf die Demokratie nicht verloren. Zwar sind starke Männer wie Wladimir Putin oder Xi Jinping mit seiner chinesischen Entwicklungsdiktatur im Nahen Osten beliebt. Gleichzeitig schauen viele Araber aber fasziniert auf Amerika, wo ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt von seinem Wahlvolk filetiert wird.
«Bei uns gibt es nur Diebe. Sie machen, was sie wollen, ohne dass sie je zur Verantwortung gezogen werden», so kommentiert eine junge Frau aus Libanon – einem jener machtlosen Chaos-Länder der Region – die Vorgänge im fernen Amerika. «Umso mehr fasziniert uns, dass dort trotz allem ein echter Wandel möglich ist.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Böhm
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