Verschleppt in Mexiko: Überlebende berichten von Folter in einem Kartell-Camp

In Mexiko gelten mehr als 133 000 Personen als vermisst. Viele wurden von Drogenkartellen verschleppt. Menschenrechtler werfen der Regierung Untätigkeit vor.

27.10.2026, 06.57 Uhr

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«Wo sind sie?», fragt dieser Mann bei einer Demonstration in Mexiko-Stadt mit seinem Shirt.

«Wo sind sie?», fragt dieser Mann bei einer Demonstration in Mexiko-Stadt mit seinem Shirt.

Toya Sarno Jordan / Reuters

Das Schicksal von 8 entführten Bauern aus dem Gliedstaat Guerrero bewegt derzeit ganz Mexiko. Eine Gruppe von rund 80 Bewaffneten sei Ende September in ihr Dorf eingedrungen und habe sie gezwungen, auf die Ladefläche eines Pick-up-Trucks zu steigen, berichtet nun einer der Bauern gegenüber den Medien. Man habe sie in ein Camp in den Bergen gefahren, in dem sich neben 200 Drogengangstern auch rund 130 entführte Zivilisten befunden hätten.

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Der Bauer beschreibt den Terror in dem Camp. «Die nackte Wahrheit ist: Es ist die Hölle. Sie sagen, dass sie dich töten werden. Sie schlagen dich mit Gewehren. Sie stossen dich. Sie richten Gewehre auf dich. Sie stecken dir ein Gewehr in den Mund und sagen, dass es hier vorbei sein wird.»

In dem Camp seien neben Männern und Frauen auch Kinder festgehalten worden. Alle hätten gehungert, nur ab und zu habe man ihnen Wasser und Tortillas gegeben. Zur psychologischen Folter habe gehört, die Familien zu trennen – was zu der Ungewissheit führte, ob die Angehörigen noch lebten. Junge Männer hätten berichtet, dass sie von der Drogengang zwangsrekrutiert worden seien, um gegen rivalisierende Gruppen zu kämpfen.

Neben Personen aus diversen Regionen Mexikos habe er in dem Camp auch Mexikaner getroffen, die eigentlich im amerikanischen Gliedstaat Kalifornien wohnten, berichtet der Bauer. Einige Personen befänden sich bereits seit Jahren in Gefangenschaft.

Dass man sie nach drei Wochen freiliess, führen die Bauern auf die Proteste von Anwohnern sowie die Berichterstattung über ihren Fall in den mexikanischen Medien zurück. Jetzt wollen die Opfer der Drogenkartelle die mexikanische Regierung darum bitten, ihnen dabei zu helfen, politisches Asyl in den USA zu erhalten.

Drogen und Schutzgeld

Bei der Bande soll es sich um das Kartell La Nueva Familia Michoacana handeln, das auch in Schutzgelderpressungen und den illegalen Bergbau involviert ist. Zudem entführt es Migranten, um Lösegelder zu erpressen. Die Bande operiert in Gliedstaaten Zentralmexikos wie Michoacán und Guerrero wie auch in Mexiko-Stadt. Anfang 2025 stufte der amerikanische Präsident Donald Trump das Kartell als terroristische Organisation ein.

Trump wirft Mexikos Regierung vor, nicht entschieden genug gegen solche Kartelle vorzugehen, die Drogen und Migranten in die USA schmuggeln. Auch mexikanische Menschenrechtsaktivisten werfen der Zentralregierung in Mexiko-Stadt vor, zu wenig gegen den Terror der Kartelle zu unternehmen. Zudem machten die Polizei sowie lokale Amtsträger oft gemeinsame Sache mit den Banden.

Für weltweites Aufsehen sorgte 2024 die Entdeckung eines als Pferderanch getarnten «Rekrutierungscamps» im Gliedstaat Jalisco durch Eltern, die nach ihren verschleppten Kindern suchten. Dort wurden Jugendliche gezwungen, Fusssoldaten des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación zu werden. Wer sich weigerte, wurde getötet, und die Leichen wurden in Öfen verbrannt. Behörden und Polizisten sollen von der Existenz des Camps gewusst haben, behaupten die Aktivisten.

«Wo sind die 16 000 Verschwundenen?», fragt eine Frau während der Fussball-Weltmeisterschaft im Juni 2026 in der Stadt Guadalajara. In dem Gliedstaat Jalisco gelten Tausende als verschwunden.

«Wo sind die 16 000 Verschwundenen?», fragt eine Frau während der Fussball-Weltmeisterschaft im Juni 2026 in der Stadt Guadalajara. In dem Gliedstaat Jalisco gelten Tausende als verschwunden.

Michelle Freyria / Reuters

Untätige Regierung

In ganz Mexiko gelten über 133 000 Personen als verschwunden. Die Zentralregierung der linken Präsidentin Claudia Sheinbaum sei nicht an der Aufklärung der Fälle interessiert, sagen Menschenrechtler. Dass die Leichen der vermissten Personen nicht gefunden würden, verbessere die offiziellen Todesstatistiken. Die Regierung rühme sich, dass die Zahl der Morde in Mexiko rückläufig sei.

In der vergangenen Woche zeigte sich der Uno-Ausschuss gegen gewaltsames Verschwindenlassen (CED) in New York besorgt über die Situation in Mexiko. Es gebe Indizien dafür, dass es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handle, wobei die Täter praktisch nie belangt würden.

Ein Vertreter Mexikos verteidigte seine Regierung vor dem Uno-Ausschuss. So habe man im laufenden Jahr bereits 16 000 Verschwundene ausfindig gemacht, die meisten lebend. Allerdings gab er zu, dass lokale Amtsträger in viele Fälle verwickelt seien. Während seiner Ausführungen kam es zu Protesten von Angehörigen, die Fotos der Verschwundenen hochhielten. Sie wurden des Saales verwiesen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Thomas Milz

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