Vermittlungserfolg von Melania Trump in der Ukraine: Für die Frontstadt Oleschki gilt eine humanitäre Waffenruhe
Wohl nirgends in der Ukraine ist die humanitäre Lage so dramatisch wie in Oleschki. Auf Vermittlung der amerikanischen First Lady wollen die beiden Kriegsparteien nun eine gemeinsame Hilfsaktion ermöglichen. Fallstricke bleiben aber bestehen.
27.10.2026, 16.04 Uhr
4 Leseminuten
Ukrainische Drohnen werfen in der Nähe von Oleschki Lebensmittelpakete ab, um die Bevölkerung zu versorgen.
Oleksandr Prokudin Via Telegram via Reuters
Am Ort der wohl prekärsten humanitären Lage im ganzen ukrainischen Kriegsgebiet ist am frühen Dienstagmorgen eine Waffenruhe in Kraft getreten. Vertreter von Regierung und Armee beider Seiten bestätigten, dass in der Umgebung der südukrainischen Frontstadt Oleschki seit drei Uhr Kiewer beziehungsweise vier Uhr Moskauer Zeit alle Angriffe eingestellt worden seien. Dadurch sollen dringend benötigte Hilfslieferungen und Evakuierungen ermöglicht werden.
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In Oleschki herrschen katastrophale Zustände. Die gegenüber von Cherson am linken Ufer des Dnipro gelegene und seit den ersten Kriegstagen russisch besetzte Stadt ist schon monatelang faktisch von der Aussenwelt abgeschnittenen. Der letzte reguläre Lebensmitteltransport erreichte Oleschki im Mai. Von den 24 000 Bewohner vor Kriegsbeginn leben noch schätzungsweise 1500 bis 2000 in der schwer zerstörten Stadt, unter ihnen 40 Kinder. Die Gefahr einer Hungersnot ist gross.
Prominente Rolle von Melania Trump
Die dramatische Versorgungslage in Oleschki erregt schon seit einiger Zeit internationale Aufmerksamkeit. Papst Leo XIV. hatte nur wenige Tage nach seiner Lungenoperation in einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin um eine Waffenruhe gebeten. Dass ein Durchbruch gelang, ist laut beiden Kriegsparteien aber der persönlichen Initiative einer anderen prominenten Person zu verdanken: der amerikanischen First Lady Melania Trump.
Das Büro der Präsidentengattin hatte bereits am Freitag eine Einigung in den Verhandlungen um eine Waffenruhe verkündet, damals allerdings noch mit einem späteren Starttermin. «Die First Lady hat in ihrer offiziellen Funktion als alleinige Vermittlerin Gespräche mit beiden Parteien aufgenommen und dafür gesorgt, dass sich diese über die Ziele, technischen Verfahren und die Bedingungen des Abkommens einig werden», heisst es in der Erklärung.
Frau Trump setzt sich schon länger für humanitäre Belange im Krieg ein, vor allem für die Rückführung von Kindern, die von ihren Eltern getrennt wurden. Auf die Lage in Oleschki soll sie bei einer Veranstaltung am Rande der letzten Uno-Generalversammlung aufmerksam gemacht worden sein.
Russland lobt oft und ausdrücklich das humanitäre Engagement von Melania Trump. Als der russische Präsidentenberater Juri Uschakow vor zwei Wochen die Medien über das Telefongespräch zwischen Wladimir Putin und Donald Trump unterrichtete, das zum sogenannten Dieselabkommen zwischen Washington und Moskau führte, ging er ausführlich auf die First Lady ein.
Dass dies mit dem Ziel geschieht, beim amerikanischen Präsidenten zu punkten, ist nicht auszuschliessen. Angesichts der durchzogenen Bilanz seiner Vermittlungsbemühungen im Ukraine-Krieg ist der Verhandlungserfolg seiner Frau unmittelbar vor den Zwischenwahlen auch für Donald Trump eine gute Nachricht.
Menschen in Kiew fordern an einer Kundgebung Hilfe für die Bewohner von Oleschki.
Alina Smutko / Reuters
Delegationen aus Russland und der Ukraine
Die humanitäre Mission in Oleschki wird von den Menschenrechtsbeauftragten der beiden Länder, dem Ukrainer Dmitro Lubinez und der Russin Jana Lantratowa, koordiniert. Welche konkreten Schritte seit Inkrafttreten der Waffenruhe unternommen wurden, ist nicht bekannt. Eine Priorität dürfte die Entminung der Zufahrtsstrassen haben, ohne die der Ort gar nicht sicher erreicht werden kann.
Laut Melania Trumps Büro sollen zivile Delegationen beider Länder die Bedürfnisse der verbliebenen Bewohner abklären. Wer eine Evakuation wünsche, erhalte entsprechende Unterstützung, um sich in das Land seiner Wahl zu begeben.
Um eine Beeinflussung der betroffenen Personen auszuschliessen und einen fairen Prozess zu gewährleisten, begleite eine «unabhängige amerikanische Medienorganisation» die Teams vor Ort. Um welche Organisation es sich dabei handelt, ist nicht bekannt.
Streit um Evakuierungen
Die Evakuierungsfrage bietet Konfliktstoff. Oleschki befindet sich unter russischer Kontrolle. Die Ukrainer halten das Gebiet jenseits des Dnipro. Die ukrainische Seite befürchtet, dass Russland die Ausreise dorthin behindert, etwa indem es auf einer Route über Russland nach Weissrussland besteht, wo die Grenze in die Ukraine überquert werden kann.
Für reguläre Ausreisen aus den besetzten Gebieten ist dies der einzige zugelassene Weg. Es gibt viele Berichte von behördlichen Schikanen und anderen Problemen unterwegs. Aus Moskaus Perspektive ist Oleschki wie die gesamte Oblast Cherson russisches Territorium. Russland hat die Provinz im September 2022 völkerrechtswidrig annektiert.
Uneinigkeit besteht auch über die Bedeutung von Evakuierungen im Allgemeinen. Die Ukraine würde es bevorzugen, dass die gesamte Zivilbevölkerung die Ortschaft verlässt. Zumindest Familien mit Kindern sollten im Zweifelsfall auch dazu gezwungen werden können. Die russische Menschenrechtsbeauftragte Lantratowa weist dies zurück. Die Menschen könnten selber entscheiden. Wer die Stadt verlassen wolle, habe dies ohnehin längst getan, sagte sie am Wochenende.
Die Frontstadt Oleschki ist schwer zerstört, wie diese Aufnahme vom September dieses Jahres zeigt.
34th Separate Marine Brigade via Reuters
Gefahr der Instrumentalisierung
Dahinter steht letztlich die Frage der Verantwortlichkeit für die Lage in Oleschki. Russland instrumentalisiert die Not der Menschen, um die ukrainische Kriegsführung als unmenschlich anzuprangern. Kaum zufällig veröffentlichte Margarita Simonjan, die Chefredaktorin des Kreml-Senders RT, vergangene Woche einen Bericht, in dem Bewohner Oleschkis erzählen, wie sie von ukrainischen Drohnen terrorisiert würden.
Der russisch besetzte Ort gerät zwar tatsächlich regelmässig unter ukrainischen Beschuss. Grund dafür ist allerdings, dass russische Drohneneinheiten sich in den Ruinen von Oleschki verschanzt haben und von dort ihre Angriffe auf die Grossstadt Cherson ausführen, wo sie regelrechte Jagd auf Zivilisten machen.
Laut humanitärem Völkerrecht ist eine Kriegspartei verpflichtet, die Zivilbevölkerung aus dem Kampfgebiet zu evakuieren. Russland hätte dies längst tun sollen. Stattdessen wurden ukrainische Drohnen, die Lebensmittelpakete nach Oleschki bringen sollten, abgeschossen.
Raketenangriffe auf Kiew
Trotz vielen offenen Fragen kommt die Waffenruhe für die leidgeprüften Menschen in Oleschki keinen Tag zu früh. Im Rest des Landes geht der russische Angriffskrieg aber mit ungebremster Gewalt weiter. Nur kurze Zeit nach Inkrafttreten der Waffenruhe in der Kleinstadt im Süden der Ukraine griff Russland Kiew mit Drohnen und ballistischen Raketen an. Dabei wurde unter anderem eine wichtige Brücke über den Dnipro beschädigt. Mindestens eine Person wurde getötet.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Volker Pabst
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