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Wochenlang verändert ein russischer Militärsatellit seinen Kurs, bis er einem amerikanischen Radarsatelliten gefährlich nahe kommt. War die Annäherung gezielt? Die NZZ hat das Manöver mithilfe der Bahndaten der Satelliten rekonstruiert.
24.10.2026, 12.00 Uhr
3 Leseminuten
Im Weltall findet ein ungewöhnliches Katz-und-Maus-Spiel statt. Seit Wochen verfolgt der russische Militärsatellit Kosmos 2612 den amerikanischen Radarsatelliten Iceye-X36.
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Mitte Oktober schrumpfte ihr Abstand auf wenige hundert Meter. Eine solche Annäherung an einen ausländischen Satelliten ohne Zustimmung des Betreibers habe es noch nie gegeben, sagt der Satellitenexperte Marco Langbroek der NZZ. Bei früheren russischen Annäherungsmanövern seien die Abstände deutlich grösser gewesen.
Die Krim-Brücke auf einer Radaraufnahme des Raumfahrtunternehmens Iceye. Radarsatelliten können auch nachts und bei Bewölkung Aufnahmen der Erdoberfläche machen.
Iceye
Der Vorfall fällt in eine Zeit zunehmender militärischer Spannungen im Weltraum. Erst im September bestätigten die USA, Waffen im Orbit stationiert zu haben.
Die Annäherung sorgt auch wegen einer Verbindung zum Krieg in der Ukraine für Aufsehen: Iceye-X36 wird von einer US-Tochterfirma des finnischen Raumfahrtunternehmens Iceye betrieben. Das Unternehmen versorgt die Ukraine seit 2022 mit hochauflösenden Satellitenbildern, mit denen sich russische Truppenbewegungen beobachten lassen.
So kam der russische Militärsatellit dem US-Satelliten gefährlich nahe
Ob auch Aufnahmen des amerikanischen Radarsatelliten Iceye-X36 an die Ukraine gelangen, ist nicht bekannt. Der russische Militärsatellit Kosmos 2612 näherte sich ihm jedoch gezielt. Das zeigen wiederholte Änderungen seiner Umlaufbahn, die die NZZ anhand öffentlich verfügbarer Bahndaten rekonstruiert hat.
Wie nah sich die beiden Satelliten tatsächlich gekommen sind, ist nicht genau bekannt. Zwar werden in manchen Berichten metergenaue Abstände genannt, doch Satellitenpositionen lassen sich nicht immer präzise bestimmen, besonders wenn sie ihre Umlaufbahn verändern. Bei Kosmos 2612 und Iceye-X36 können die berechneten Positionen um mehrere hundert Meter von den tatsächlichen abweichen.
An der Gefahr des russischen Manövers ändert diese Unsicherheit wenig. Selbst ein Abstand von einem Kilometer wäre aussergewöhnlich. Langbroek vergleicht die Annäherung mit einem Auto, das auf der Autobahn bis auf zehn Zentimeter an ein anderes Fahrzeug heranfährt. Schon ein kleiner Fehler könnte zu einer Kollision führen.
Laut Iceye wird die Situation genau beobachtet. Ob die Annäherung den Betrieb des Satelliten beeinträchtigt hat, lässt das Unternehmen offen.
Was bezweckt Russland mit dem riskanten Manöver?
Am 21. Oktober warfen die USA Russland vor dem Uno-Abrüstungsausschuss vor, sich einem amerikanischen Satelliten absichtlich und auf gefährliche Weise genähert zu haben. Das Manöver sei mit dem Einsatz einer Weltraumwaffe vereinbar. Russland wies die Vorwürfe zurück. Die Aktivitäten von Kosmos 2612 seien friedlich und richteten sich gegen keinen Staat.
Für den Sicherheitsexperten Clayton Swope vom amerikanischen Center for Strategic and International Studies (CSIS) gibt es allerdings keinen harmlosen Grund, sich einem fremden Satelliten ohne Zustimmung des Betreibers so stark zu nähern. Eine mögliche Erklärung sei eine Machtdemonstration: Russland könnte zeigen wollen, dass es sich einem westlichen Satelliten ungehindert nähern könne.
Auch Langbroek hält eine gezielte Provokation für möglich. Denkbar sei aber auch ein Test für einen späteren Angriff, bei dem Russland die Reaktion des Satellitenbetreibers beobachten könne. Bereits 2022 warnte ein Vertreter des russischen Aussenministeriums vor den Vereinten Nationen davor, dass zivil genutzte Weltrauminfrastruktur, die militärischen Zwecken diene, zum Ziel von Vergeltungsschlägen werden könne.
Mittlerweile sind die Satelliten wieder mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt. Mit weiteren Kursänderungen könnte sich Kosmos 2612 dem amerikanischen Satelliten jedoch rasch wieder nähern.
Daten und Methodik: So hat die NZZ die Satellitenbewegungen rekonstruiert
Die Animation basiert auf öffentlich zugänglichen Bahndaten der Satelliten Kosmos 2612 und Iceye-X36. Diese beschreiben ihre Umlaufbahnen um die Erde.
Mithilfe eines mathematischen Modells (SGP4) hat die NZZ daraus die Positionen der Satelliten berechnet und ihre Bewegungen dreidimensional dargestellt. Bei der Entwicklung der Berechnungen kamen KI-gestützte Werkzeuge zum Einsatz. Die Ergebnisse wurden stichprobenartig mit unabhängigen Analysen abgeglichen, darunter einem Bericht von Leo Labs, das mit einem weltweiten Radarnetzwerk Objekte im Erdorbit überwacht.
Die Animation zeigt berechnete Flugbahnen, keine direkt gemessenen Positionen. Insbesondere bei Änderungen der Umlaufbahn können die tatsächlichen Positionen von den berechneten abweichen. Die dargestellten Abstände sind deshalb Schätzungen.
Zum besseren Verständnis wurden in der Animation einzelne Zeitabschnitte herausgeschnitten und die Satelliten vergrössert dargestellt.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jessica Eberhart, Jasmine Rueegg, Leila Epprecht
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