Ukrainisches Foltergefängnis oder russische Desinformation? Was ein virales Video über den Informationskrieg in der Ukraine aussagt

Aufnahmen von einem angeblichen Geheimgefängnis der ukrainischen Armee haben in den sozialen Netzwerken ein riesiges Echo ausgelöst. In Kiew vermutet man eine russische Desinformationskampagne. Der Unmut über die Rekrutierungsmethoden in der Ukraine ist jedoch real.

05.11.2026, 13.45 Uhr

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Sicherheitskräfte und Demonstranten geraten Anfang November vor einem ukrainischen Rekrutierungszentrum in der Nähe von Kiew aneinander.

Sicherheitskräfte und Demonstranten geraten Anfang November vor einem ukrainischen Rekrutierungszentrum in der Nähe von Kiew aneinander.

Reuters

Die Zwangsrekrutierung von Wehrpflichtigen ist in der Ukraine eine der heikelsten innenpolitischen Fragen überhaupt. Wie explosiv und somit auch wie leicht instrumentalisierbar das Thema ist, zeigt ein noch nicht restlos aufgeklärter Vorfall, der sich am Montag in der Nähe von Kiew zutrug und besonders in den sozialen Netzwerken ein riesiges Echo auslöste, das weit über die Ukraine hinausreichte. Ein Beitrag auf X zum Thema wurde bis Mittwoch 14 Millionen Mal angesehen.

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Worum geht es: Am Montagabend kam es in Petropawliwska Borschtschahiwka, einem Vorort im Westen von Kiew, bei Protesten zu gewaltsamen Ausschreitungen. Mehr als hundert Personen hatten sich vor einem Gebäude des Asow-Korps versammelt, in dem Wehrdienstpflichtige festgehalten wurden, und forderten deren Freilassung. Das Asow-Korps ist eine der bekanntesten Militäreinheiten des Landes.

Proteste mit Live-Stream

Eine Teilnehmerin des Protests, die sich als Ärztin ausgab, behauptete in einem Live-Stream, dass sich im Gebäude Insassen mit gebrochenen Wirbelsäulen und anderen schweren Verletzungen befänden, und forderte deren Freilassung. Das Schlagwort vom «Foltergefängnis der ukrainischen Armee» machte die Runde. Einige Demonstranten versuchten, sich gewaltsam Zutritt zum Gelände zu verschaffen. Die wachhabenden Soldaten feuerten Tränengaspatronen und Warnschüsse in die Luft ab.

Aufnahmen eines jungen Mannes, der sich beim Sturz von einer Mauer verletzt hatte und daraufhin sichtlich benommen weggeführt wurde, verstärkten den Eindruck von übermässiger Gewalt durch die Sicherheitskräfte. Um die Lage zu beruhigen, begab sich Kirilo Budanow, der Stabschef von Präsident Wolodimir Selenski, zum Ort des Geschehens.

Rekruten und Fahnenflüchtige

Dass in dem Asow-Gebäude junge Männer festgehalten wurden, ist bestätigt. Wehrpflichtige Männer, die einen Stellungsbefehl missachten, können in der Ukraine bei Kontrollen an Ort und Stelle verhaftet werden. Weil diese Personen in der Regel in Minibussen weggebracht werden, gibt es für die umstrittene Praxis sogar eine eigene Wortschöpfung: Busifizierung. Bis zum Beginn der militärischen Ausbildung werden sie wegen Fluchtgefahr in der Regel festgehalten.

Zudem kommt es nicht selten vor, dass Rekruten während ihrer Grundausbildung aus der Kaserne fliehen. Werden sie erneut aufgegriffen, landen sie ebenfalls vorübergehend in Haft. Unter den Insassen in Petropawliwska Borschtschahiwka gab es sowohl Zwangsrekrutierte wie Fahnenflüchtige. Beides entspricht geltendem Recht.

Unklar ist jedoch, ob es zu übertriebener Gewaltanwendung oder sonstigen Misshandlungen der Insassen gekommen ist. Die Regierung nimmt die Vorwürfe durchaus ernst, wie nicht zuletzt Budanows persönliche Intervention zeigt, und kündigte eine Untersuchung an.

Verdacht auf russische Desinformation

Mittlerweile wird aber auch immer deutlicher, dass der Vorfall zumindest in Teilen künstlich angefacht – um nicht zu sagen: inszeniert – wurde. Insbesondere die Rolle der vermeintlichen Ärztin mit dem Live-Stream, Walentina Moloda, wirft Fragen auf. Moloda kam mit einem Krankenwagen zum Asow-Gebäude und gab sich als Notärztin einer privaten Firma für Krankentransporte aus.

Das Unternehmen existiert allerdings bereits seit zwei Jahren nicht mehr, der Krankenwagen war nicht mehr zugelassen. Zudem stellte sich heraus, dass Moloda für ihren Auftritt Geld bekommen hatte, umgerechnet etwa 2000 Euro. Mit ihrem Fahrer hatte sie einige Tage vor dem Protest die Gegend um das Asow-Gebäude ausgekundschaftet. Die beiden wurden mittlerweile mit einer dritten Person wegen Behinderung der Streitkräfte und weiterer Tatbestände verhaftet.

Laut Medienberichten war Moloda Anfang Oktober auch an einer Demonstration beteiligt, die ein sofortiges Kriegsende und eine Parlamentswahl forderte. Mutmassungen über eine Verbindung zum Kreml gibt das weiteren Auftrieb.

Budanow sagte am Dienstag vieldeutig, dass der Vorfall in Petropawliwska Borschtschahiwka «nicht ohne Einflussnahme» habe stattfinden können. Das ukrainische Parlament appellierte am Mittwoch in einem Aufruf an alle Medienschaffenden im Land, sich der Gefahr von Manipulationen stets bewusst zu sein und unbestätigte Behauptungen nicht als Fakten zu präsentieren.

Mobilisierung ist ein heisses Eisen

Es ist unbestritten, dass Kontroversen in der Ukraine um die Zwangsrekrutierung Russland in die Hände spielen. Russische Propagandasender greifen das Thema regelmässig auf, um Zweifel am Wehrwillen der Ukraine zu säen und die westliche Unterstützung für das überfallene Land zu delegitimieren.

In Deutschland schlug der Vorfall in Petropawliwska Borschtschahiwka in russlandfreundlichen Kreisen die höchsten Wellen. Die Politikerinnen Alice Weidel von der AfD und Sahra Wagenknecht vom BSW forderten Bundeskanzler Friedrich Merz auf, den Vorfall bei Selenskis Besuch in Berlin zur Sprache zu bringen.

Die mögliche Verwicklung Russlands bedeutet jedoch nicht, dass der Unmut über die Zwangsmobilisierung in der Ukraine nicht echt ist. Instrumentalisieren lässt sich nur, was in Grundzügen auch existiert. Viele Menschen empfinden die Mobilisierungspraxis als ungerecht. Alle Reformversuche sind bisher gescheitert.

Doch selbst in einem transparenten, nachvollziehbaren Rekrutierungssystem bliebe ein Dilemma bestehen. Im Abnützungskrieg gegen das viel grössere Russland kann die Ukraine nicht auf Zwang verzichten, um den Personalbedarf ihrer Streitkräfte zu decken.

Verschärfter Kampf um Deutungshoheit

Dennoch zeigt die Affäre um das vermeintliche Foltergefängnis, dass in der Ukraine nicht nur der militärische Kampf, sondern auch der Informationskrieg an Schärfe zunimmt. Gleich mehrere Vorfälle der letzten Tage belegen dies.

Am Sonntag warnte nach einem Hackerangriff, hinter dem Russland vermutet wird, das Alarmsystem für die ukrainische Bevölkerung vor einem unmittelbar bevorstehenden Nuklearschlag gegen die Ukraine. Am Montag manipulierte die Ukraine spiegelbildlich das russische System.

Kurz darauf wurde das E-Mail-System des «Kyiv Independent» gehackt. Abonnenten der wichtigsten englischsprachigen Publikation in der Ukraine erhielten am Mittwoch Nachrichten mit offensichtlichen Falschmeldungen über den Krieg.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Volker Pabst

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