Trumps Koalition zerbricht – es ist mehr als ein Backlash, im politischen Fundament der USA ist etwas in Bewegung geraten

Die Demokraten erringen in den amerikanischen Zwischenwahlen einen historischen Sieg und bestrafen die Republikaner für ihre Loyalität zu Trump. Eine neue politische Dynamik ist entstanden.

04.11.2026, 14.01 Uhr

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Der amerikanische Kongress wird für Präsident Donald Trump zum Korrektiv für den Rest seiner Amtszeit.

Der amerikanische Kongress wird für Präsident Donald Trump zum Korrektiv für den Rest seiner Amtszeit.

Jonathan Ernst / Reuters

Es war schon früh am Abend klar, dass es für die Republikaner eine bittere Nacht werden würde. Auf dem konservativen Sender Fox News versuchten sich die Moderatoren und ihre Gäste gegenseitig Mut zuzusprechen. Etwas gar ausgelassen feierten sie die Siege der Republikaner in Florida: Byron Donalds ist der erste afroamerikanische Gouverneur von Florida, und Ashley Moody behält ihren Senatssitz. Dann schaltete Fox News in eine Bar in Cocoa Beach, tief im Trump-Land Florida, wo betrunkene Gäste «America-First»-Parolen ins Mikrofon riefen.

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Doch spätestens, als sich der Trump-Freund und Fox-News-Star Sean Hannity der Gesprächsrunde anschloss, war Schluss mit dem Feiern. Er begann, die sich abzeichnende Niederlage wegzuerklären und damit implizit einzugestehen: Midterms seien immer brutal, vor allem für «dominate Persönlichkeiten» im Weissen Haus. Obama sei 2014 genau dasselbe widerfahren wie jetzt Trump. Larry Kudlow, der frühere Wirtschaftsberater von Donald Trump, sah die USA schon im Sozialismus, Kommunismus und Faschismus versinken. Die Trump-nahe Parteistrategin Kellyanne Conway beklagte sich derweil über eine Generation von Wählern, die «augenblickliche Bedürfnisbefriedigung» verlange. Die Lebenshaltungskosten könne man nicht mit einem Fingerschnippen senken.

Es war etwa 20:30 Uhr in Washington. Für die Republikaner kam danach alles noch schlimmer. Den Demokraten gelang ein Sieg von historischer Dimension. Sie rannten alle Gerrymandering-Mauern ein, mit denen die Republikaner durch die Neuziehung von Wahlkreisen ihre Sitze absichern wollten. Sie gewannen sieben Senatssitze hinzu – in konservativen Teilstaaten, die bis vor kurzem noch als uneinnehmbar gegolten haben wie South Carolina, Texas, Kansas und Iowa. Die Demokraten errangen auch eine solide Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Bis das Endresultat feststeht, kann es noch Tage dauern. Doch es ist klar, dass die Demokraten in beiden Kammern eine starke Mehrheit haben werden, die es ihnen erlauben wird, als Korrektiv zur Trump-Regierung zu wirken.

Trump hatte die Hand im Spiel

Ein solches Fiasko der Republikaner hat kaum jemand vorhergesehen, obwohl viele Prognostiker eine mögliche «blaue Welle» in Aussicht gestellt hatten. Am Ende gingen die als knapp beschriebenen Rennen erstaunlich klar aus. Nach dem breiten Sieg von Donald Trump vor zwei Jahren flüchten die Amerikaner nun in die gegensätzliche Richtung: weg von der Partei des Präsidenten.

Dieser gestand die Niederlage umgehend ein: «Ich denke, dass wir mit den Demokraten gut zusammenarbeiten und mit ihnen auskommen werden.» Falls die Kooperation nicht klappe, werde es aber sehr hart zu- und hergehen, fügte der Präsident hinzu. Die Schuld für die Niederlage seiner Partei suchte er nicht bei sich: «Ich stand nicht zur Wahl, das war das grösste Problem», sagte er dem «Wall Street Journal». In der Nacht auf den Wahltag hatte das Oberste Gericht der USA einen Eilantrag der Regierung im Streit um kalifornische Briefwahlstimmen abgelehnt. Mit allfälligen Klagen gegen die Resultate in den Teilstaaten dürfte die Trump-Regierung es nicht leicht haben.

Donald Trump ist – entgegen seiner Behauptungen – direkt verantwortlich für die Niederlage der Republikaner in den Südstaaten Texas, Georgia und South Carolina. Er unterstützte Kandidaten, die allesamt scheiterten. Er hat in den republikanischen Vorwahlen den Hardliner Ken Paxton gegen den langjährigen Senator John Cornyn durchgedrückt, spaltete damit die Partei und verhalf dem Demokraten James Talarico zum Sieg. Sowohl in Texas und Georgia gewannen im Windschatten der siegreichen Senatskandidaten die Demokratinnen Gina Hinojosa und Keisha Lance Bottoms die Gouverneurssitze. Eine  Latina und eine Afroamerikanerin übernehmen die Regierung in Austin und Atlanta.

Gescheitert ist auch in South Carolina Trumps Kandidatin für den Senat, Darline Graham. Niemand hatte damit gerechnet, dass im ultrakonservativen South Carolina die Demokratin Annie Andrews in den Senat gewählt werden würde.

Ein breiter nationaler Backlash

Die AP-Nachwahlbefragung von 80 000 Wählern zeigt bereits auf, wie sich Wählergruppen, die vor zwei Jahren für Trump votierten, von den Republikaner abgewendet haben. Besonders deutlich ist der Trend bei den jungen Wählern. Ein Grossteil gab an, sich bewusst gegen Trump entschieden zu haben.

Auch bei den hispanischen Wählern verlor die Partei im Vergleich zu Trumps Zugewinnen vor zwei Jahren wieder an Boden. Besonders relevant war das beim Senatsrennen in Texas. Im Rio Grande Valley holte der Sängers Bobby Pulido mit grossem Abstand den Kongresssitz. Aber auch die bevölkerungsreichen Vorstädte um Dallas ermöglichten den Sieg von Senatskandidat James Talarico. Er sprach junge, linke und urbane Wähler an, erreichte aber ebenso unabhängige Wähler, die bisher republikanisch gewählt hatten.

Derweil siegten gemässigte Demokraten in den Senatsrennen im Mittleren Westen, so Josh Turek in Iowa und Adam Hamilton in Kansas, wo zum letzten Mal 1932 ein Demokrat in die kleine Kammer gewählt wurde. Der paralympische Sportler und der methodistische Pastor präsentierten sich als Kandidaten, die über die Parteigrenzen hinweg für eine Politik der Vernunft und des Anstands eintreten. Die linken Kandidaten Abdul El-Sayed im Swing State Michigan und Troy Jackson in Maine gingen ebenfalls siegreich aus ihren Senatsrennen hervor. Den Demokraten – ob vom linken Flügel oder aus dem Zentrum – schien in diesen Zwischenwahlen einfach alles zu gelingen.

Mehr als eine Retourkutsche

Der Triumph der Demokraten lässt sich mit den weitverbreiteten Sorgen über den Iran-Krieg, den hohen Benzinpreisen und den Lebenshaltungskosten erklären. Zahlreiche Umfragen bestätigen diesen Befund. Auch die harte Immigrationspolitik der Trump-Regierung hat insbesondere die lateinamerikanische Bevölkerung ernüchtert, wenn nicht verstört. Unter jungen Wählern hat die No-Future-Stimmung seit zwei Jahren noch zugenommen. Diese Wählergruppen, die sich erst 2024 dem Trump-Lager zuwandten, haben die Koalition, die Trump 2024 erneut an die Macht brachte, wieder verlassen.

Doch vielleicht vollzieht sich, wie der Meinungsforscher Nate Silver kurz vor den Zwischenwahlen im Podcast der «New York Times» vermutete, unter der Oberfläche der amerikanischen Wählerschaft ein tieferer Wandel: eine Entpolarisierung, die sich bereits 2024 andeutete, als Trump bei jungen Wählern, Latinos und Afroamerikanern zulegen konnte. Der Widerstand gegen die Datenzentren und die Ängste vor den gesellschaftlichen Folgen der künstlichen Intelligenz rüttle zudem die Bevölkerung ungeachtet der Parteizugehörigkeit auf, sagt Silver. Er glaubt, dass das Thema auch bei den nächsten Präsidentschaftswahlen an den politischen Gewissheiten rütteln könnte.

Das Ergebnis der Zwischenwahlen scheint Silvers These zu stützen: Wenn Demokraten plötzlich auch in Kansas und Texas gewinnen, dürfte dahinter mehr stecken als bloss der Protest gegen einen unbeliebten Präsidenten. Da hat sich der Zement des politischen Gefüges der USA gelockert.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Jacobi

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