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Trump will Frieden in der Ukraine. Warum kommt er dann vor allem Putin entgegen?
Der amerikanische Präsident schmeichelt wieder einmal Russland und erhöht den Druck auf die Ukraine. Drei Erklärungsversuche.
Ulrich Speck
23.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Trump wollte Amerika wieder gross machen, nun könnten die Republikaner die Mehrheit im Kongress verlieren.
Jonathan Drake / Reuters
In der schon immer schwierigen Beziehung zwischen Selenski und Trump ist derzeit ein Allzeittief erreicht. Noch im Juni hatte Trump Selenski als «mutig» gelobt, er verteidige sein Land «ziemlich gut» gegen Russland. In den letzten Tagen klang der amerikanische Präsident anders. Er wolle nichts tun, was Russland vom Verhandlungstisch vertreiben würde. Selenski aber wolle den Krieg fortführen, weil Europa ihm so viel Geld gebe. Er habe einen Deal ausgeschlagen, statt auf Trump zu hören. Die Ukraine brauche jetzt einen neuen Präsidenten.
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Zeitgleich mit diesen verbalen Angriffen kamen Beschränkungen bei der amerikanischen Unterstützung. Die militärische Satellitenkommunikation über Starlink wurde eingeschränkt, was die ukrainische Drohnenabwehr beeinträchtigte. Zudem gibt es Berichte, dass die USA Fliegerabwehrraketen, insbesondere das Patriot-System, zurückhielten.
Während die Ukraine unter Druck gesetzt wird, überhäuft Trump Russland geradezu mit Freundlichkeiten. Mit Moskau hat Washington einen Deal über die Lieferung von Diesel abgeschlossen, zugleich hat Trump sich gegen die vom US-Kongress gewünschte Verschärfung von Sanktionen gewandt. Immer wieder wütete der US-Präsident gegen ukrainische Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur. Jüngst behauptete er sogar, Russland habe sich «in Bezug auf die Ukraine ganz gut verhalten».
Zuckerbrot für Russland und die Peitsche für die Ukraine: Was motiviert Trump zu seiner jüngsten Volte gegen die Ukraine? Es bieten sich drei Erklärungen an.
These 1: Trump will einen Friedensdeal vor den Kongresswahlen
Trump war angetreten als Friedenspräsident, der die USA aus Konflikten heraushalten und laufende Kriege beenden würde. Immer wieder drängte er darauf, den Friedensnobelpreis zu erhalten. Seine Basis ist zu einem grossen Teil frustriert durch die langen Kriege im Gefolge der Terroranschläge des 11. September 2001 in Afghanistan und im Irak. Jetzt hat Trump durch den Krieg gegen Iran selbst das Etikett «Kriegspräsident» bekommen, was ihn zusätzlich zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Bedrängnis bringt. Ein plakativer Erfolg beim Krieg in der Ukraine könnte ihm zumindest etwas aus der Patsche helfen.
Doch danach sieht es nicht aus. Zwar kam es am Dienstag zu einem Treffen zwischen Selenski und dem amerikanischen Unterhändler Steve Witkoff in Norwegen, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner war per Video zugeschaltet. Anschliessend ist Witkoff nach St. Petersburg für Gespräche mit Putin weitergereist. Russland habe sich für Verhandlungen mit Trump und Selenski offen gezeigt, heisst es jetzt.
Wenn man dem gewöhnlich gut unterrichteten David Ignatius von der «Washington Post» glauben kann, hat der Vorschlag der USA vier Komponenten: Wiederaufbau der Ukraine, westliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine, ein Einfrieren des Konflikts und ein Energieabkommen, das Russland wieder zum zentralen Lieferanten für Europa macht.
Die ukrainische Seite traut dem Angebot jedoch nicht. Kiew fordert zunächst eine Waffenruhe, um verhandeln zu können. Eine dauerhafte Gebietsabtrennung lehnt Selenski ab. Und Sicherheitsgarantien des Westens ohne eine formale Nato-Mitgliedschaft sehen aus ukrainischer Sicht wenig vertrauenswürdig aus.
Hinzu kommt: Auf russischer Seite ist bis jetzt kein ernsthafter Wille erkennbar, den Eroberungskrieg abzubrechen. Moskau glaubt sich vielmehr in einer Position der Stärke und setzt offenbar darauf, dass die westliche Unterstützung für die Ukraine bröckelt und schliesslich in sich zusammenfällt.
Insofern bleibt es unwahrscheinlich, dass Trump mit seinen Friedensbemühungen Fortschritte machen wird.
These 2: Trumps Neigung zu autokratischen Machthabern
Selenski selbst hat jüngst in einem Interview mit der «Financial Times» eine Antwort auf die Frage nach der Nähe zwischen Trump und Putin gegeben. Der US-Präsident schätze starke Anführer, die sich seit Jahrzehnten an der Macht hielten und zudem grossen Reichtum angehäuft hätten.
Immer wieder hat Trump auf das Machtgefälle zwischen Russland und der Ukraine hingewiesen. Im Februar 2025 schleuderte der US-Präsident dem ukrainischen Präsidenten in einem erregten Wortwechsel vor laufenden Kameras entgegen, dass er «im Moment nicht die Karten in der Hand» habe. Internationale Beziehungen sind für Trump Machtverhältnisse. Und die Machtressourcen Russlands sind grösser als die der Ukraine.
Insofern gibt es aus Sicht von Trump wenig Grund, sich mit der Ukraine abzugeben. Die machtpolitisch relevantere Adresse für ihn ist Russland: energiereich, militärisch stärker geworden und politisch verbündet mit einer Reihe von Ländern, mit denen die USA in einem Konflikt stehen, von China bis Iran.
These 3: Trump will ein globales Dreier-Direktorat etablieren
Putin hat jüngst im Telefongespräch mit Trump seinen Vorschlag wiederholt, ein Dreiertreffen mit Washington und Peking am Rande des Apec-Gipfels in China Mitte November abzuhalten. Der US-Präsident hat sich offen für diese Idee gezeigt. Er wolle dabei aber weniger die Ukraine in den Vordergrund stellen als vielmehr die Denuklearisierung. Schon beim Gipfel mit Xi Jinping im September in Washington hat Trump das Thema einer trilateralen Rüstungskontrolle aufgebracht.
Das «Wall Street Journal» spekuliert nun, dass Trump einen «Jalta 2»-Gipfel mit Putin und Xi plane – also eine Neuaufteilung der Welt gemäss den Interessen der Grossmächte und über die Köpfe der amerikanischen Verbündeten hinweg.
Ob Trump tatsächlich so weitreichende Ambitionen hat, bleibt bis auf weiteres unklar. Für Russland, das so ein Treffen angestossen hat, wäre es auf jeden Fall ein enormer Gewinn, schon allein auf der Ebene des Prestiges: gemeinsam mit den wirklich Grossen gleichberechtigt an einem Tisch zu sitzen.
Aus Sicht Pekings könnte die Hinzunahme des engen strategischen Partners Russland in ein solches Format einerseits die eigene Position stärken: zwei gegen einen. Andererseits dürfte es Xi weiterhin vorziehen, mit den USA bei entscheidenden Fragen allein am Tisch zu sitzen. Von den USA als gleichrangig anerkannt zu werden, gehört für China zu den grossen Erfolgen während Trumps zweiter Amtszeit.
In jedem Fall: Dass sich Trump offen für ein solches symbolträchtiges Dreiertreffen zeigt, bestätigt ein weiteres Mal, dass er Russland nicht als feindselige Macht sieht, die amerikanische Interessen bedroht, sondern als potenziellen Partner.
Fazit
Alle drei Vermutungen über Trumps Motivationen ergänzen sich. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine behindert seine Bemühungen, konstruktive Beziehungen zu Russland aufzubauen.
Schon in seiner ersten Amtszeit hat Trump um Putin geworben. Doch seine Versuche wurden durch Gegenkräfte im Zaum gehalten: Minister im eigenen Kabinett, der Kongress, europäische Verbündete. Trumps Russlandpolitik steht im Widerspruch zur öffentlichen Meinung in den USA und zur vorherrschenden Auffassung im US-Kongress. Und sie steht im Widerspruch zu den europäischen Alliierten, die die Ukraine massiv unterstützen und sich von Russland zunehmend bedroht sehen.
Auch der neueste Vorstoss Trumps für eine Neuorientierung der Russlandpolitik dürfte an diesen Gegenkräften scheitern. Und an der Entschlossenheit der Ukraine, sich nicht zu einem faulen Frieden zwingen zu lassen.
Vermutlich wird der Druck auf die Ukraine nach den Kongresswahlen Anfang November wieder nachlassen. Sollten die Demokraten gewinnen, dürfte Trumps Machtbasis zu Hause erodieren.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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