Trump warnt vor brennenden Kirchtürmen in Amerika: Die Krawalle in Frankreich und der US-Präsident befeuern eine Debatte über den Untergang des Westens
Was ist der Westen? Darüber streiten republikanische Politiker, Journalisten und Experten. Die einen warnen vor Migration, die anderen vor einem amerikanischen Präsidenten, der den Westen selbst zerlegt.
24.10.2026, 05.30 Uhr
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Präsident Trump nutzt die Krawalle in Frankreich, um im Wahlkampf vor der Migrationspolitik der Demokraten zu warnen.
AP
Die gewaltsamen Proteste, die Plünderungen und die Zerstörungswut auf Frankreichs Strassen sind für Donald Trump vor den Zwischenwahlen im November ein Geschenk des Himmels. Das Chaos, an dem auch viele Jugendliche mit Migrationshintergrund beteiligt sind, bringt sein liebstes Wahlkampfthema zurück in die Schlagzeilen: die Zuwanderung.
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Wer keine französischen Zustände wolle, dürfe die Demokraten nicht wählen, sagte der amerikanische Präsident kürzlich warnend an einem Rally. «Schaut nur, was in Frankreich passiert. In einer einst grossartigen Nation, die von Migranten, Jihadisten und Kommunisten erobert, geplündert und niedergebrannt wird, die das Christentum und – ehrlich gesagt – die westliche Zivilisation hassen», rief Trump seinen jubelnden Anhängern zu. Genau solche Zustände mit «brennenden Kirchtürmen» wollten die Demokraten auch Amerika antun.
Rubio ruft zum Kampf
Auf ähnliche Weise äusserte sich auch der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance: «Die Linken im Westen importierten die Dritte Welt nach Frankreich und in andere Länder im Namen der Diversität und des Mitgefühls. Sie ignorierten dabei fundamentale Fragen der Assimilation und Kompatibilität», schrieb Vance auf X und teilte dabei ein Video des brennenden Rathauses in Limoges. «Ich hoffe, die Amerikaner sind sich bewusst: Das ist die Zukunft für euer Land, nach der die Demokraten im Kongress streben.»
Die Zuwanderung, insbesondere aus kulturfremden Ländern, sehen Trump und seine Regierung als selbstmörderische Schwäche des Abendlandes. In ihren Augen führt sie unweigerlich in den Untergang der «westlichen Zivilisation». Wobei sie diese vor allem als eine überlegene Hochkultur verstehen, deren Bürger ihre Charakterzüge von den alten Griechen und ihren christlichen Nachfahren geerbt haben.
Der amerikanische Aussenminister Marco Rubio hat diese Weltsicht kürzlich in einer Rede in Athen vor den Kulissen des Parthenon-Tempels auf der Akropolis ausführlich erläutert. Er sprach dabei auch über den Ursprung der Demokratie, der westlichen Philosophie und der wissenschaftlichen Suche nach der Wahrheit im alten Griechenland. Aber das westliche Erbe gehe viel tiefer als ein bestimmtes politisches System, betonte Rubio. «Das, was die alten Griechen ‹thymos› nannten – Leidenschaft, Kraft, Mut, Stolz –, ist das Herz von grossartigen Zivilisationen.» Ohne diesen Charakterzug verlören Nationen ihren Willen, zu kämpfen und zu überleben.
Zu viele im Westen hätten heute diese Qualität eingebüsst, sagte der amerikanische Aussenminister. «Wir begannen uns für die Dinge zu schämen, die uns einzigartig machten. Wir fühlten uns schuldig für unseren Wohlstand.» Das Wort «Nationalismus» sei zu einem «schmutzigen Wort» geworden. «In der Folge haben wir unsere Grenzen geöffnet, unsere Industrien ausgelagert und unsere Armeen verfallen lassen.»
Rubio versteht die Zuwanderung als Folge der eigenen Schwäche, nicht als Zeichen der eigenen Anziehungskraft für ausländische Arbeitskräfte und Schutzbedürftige. Dabei suchten auch seine kubanischen Eltern einst ein besseres Leben in Amerika. Nun sieht auch Rubio dieses Amerika und die westliche Zivilisation insgesamt in Gefahr. «Eine Zivilisation, für deren Verteidigung wir mit derselben Leidenschaft kämpfen müssen wie unsere Vorfahren.» Unter Trump hätten sich die USA deshalb dafür entschieden, «kompromisslos nach nationaler Macht zu streben».
Angriff auf universale Ideale
Auch konservative Kommentatoren in den USA kritisierten Rubios Rede. «Alle Menschen, auch Nichtwestler, sollten die westliche Zivilisation feiern, verteidigen und bewahren», schrieb der Kolumnist Bret Stephens in der «New York Times». Aber dafür müsste man zuerst ein grundlegendes Verständnis dieser Zivilisation haben. «Vor allem für die Trump-Regierung könnte eine Gebrauchsanleitung nützlich sein.»
Gemäss Stephens beruht die westliche Zivilisation auf drei Pfeilern: «Der erste ist die Suche nach der Wahrheit.» Diese beruhe auch auf dem Verständnis, dass niemand die ganze Wahrheit besitzen könne. Und sie setze die Freiheit des Gewissens, der Meinung und der Wissenschaft voraus. Der zweite Pfeiler seien der Wert und die Würde jedes Menschenlebens: egal ob reich oder arm, klug oder dumm, stark oder schwach, schwarz oder weiss.
«Der letzte Pfeiler ist die Herrschaft des Rechts», schreibt Stephens. Der frühere Chefredaktor der «Jerusalem Post» ist in Mexiko aufgewachsen. Wo Gesetze und Regulierungen existiert hätten, um mit Schmiergeldern gedehnt oder gebrochen zu werden. Und wo Politik ein Mechanismus zur Selbstbereicherung gewesen sei. Fast so wie in Trumps Amerika, meint Stephens: «Mehr und mehr erinnern mich die Vereinigten Staaten unter dieser Regierung an das Mexiko meiner Jugend.»
In irgendeiner Form sägt Trump praktisch an allen dreien von diesen Pfeilern. Das Justizministerium hat unter ihm die Unabhängigkeit verloren. Niemand wagt es dort, seine Börsengeschäfte auf Insiderhandel zu überprüfen oder die milliardenschweren Krypto-Deals der Präsidentenfamilie zu untersuchen. Trump gängelt die Presse, verklagt unliebsame Medienhäuser oder beschimpft Journalisten, die ihm unbequeme Fragen stellen. Fast jeder Satz, den er sagt, besteht aus Halbwahrheiten oder Falschinformationen.
Im Krieg gegen die Ukraine macht sich Trump gegen den Willen des Kongresses immer wieder zum Werkzeug des Putin-Regimes. Bei seinem jüngsten Besuch in Moskau nannte der amerikanische Unterhändler Steve Witkoff den Kremlchef «einen Menschenfreund». Obwohl Putin mit andauernden Kriegsverbrechen gegen ukrainische Zivilisten versucht, das Nachbarland in die Knie zu zwingen. Nur damit Kiew seinen Traum aufgibt, ein unabhängiger und demokratischer Teil der europäischen und westlichen Wertegemeinschaft zu werden.
Auch der Journalist Fareed Zakaria, der Sohn indischer und muslimischer Eltern, kann mit Rubios und Trumps Verständnis der «westlichen Zivilisation» wenig anfangen. «Mut, Stärke, Ehrgeiz und Stolz sind alles Qualitäten, über die auch Dschingis Khan, die persischen Imperatoren oder die russischen Zaren reichlich verfügten», sagte Zakaria kürzlich in seiner wöchentlichen Sendung zur Weltlage auf CNN. Was den Westen von andern Zivilisationen unterscheide, sei nicht seine militärische Stärke, «sondern eine Reihe von Ideen, welche die willkürliche Ausübung von Macht einschränken».
Dazu gehörten etwa die Menschenrechte und die Vorstellung, dass Regierungen diese schützen müssten, meinte Zakaria. Die radikalste und revolutionärste Eigenschaft dieser westlichen Überzeugungen sei aber die Idee, dass diese Prinzipien universal für alle Menschen gelten sollten. Und auch wenn der Westen – etwa zu Zeiten der Sklaverei in den USA – seine eigenen Ideale nicht immer hochgehalten habe, sei dies oft korrigiert worden. «Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist keine Schwäche. Sie ist eine der grössten Stärken des Westens.»
Unterschiedliche Bauanleitungen
Der Politologe Leonard Schuette von der Carnegie-Denkfabrik geht jedoch davon aus, dass sich Trump und einzelne seiner Mitstreiter dieser Zusammenhänge durchaus bewusst sind. In seinen Augen kennt der amerikanische Präsident die liberale Bauanleitung für die «westliche Zivilisation». Aber der Neuen Rechten in Amerika, die Trump stark beeinflusst, gehe es im Grunde darum, eine eigene, illiberale Bauanleitung zu kreieren, erklärte Schuette im September in einem Interview mit der «New York Times».
In dieser Weltsicht beruhe die «westliche Zivilisation» nicht auf universalen Prinzipien: «Stattdessen gründet diese westliche Zivilisation in vererbten Charakteristiken wie Religion, Sprache oder Territorialität. Der Westen ist ein Ort.» Die eigene Identität habe ethnoreligiöse Wurzeln: «Amerikaner sind Weisse, Christen und europäischer Herkunft.»
Aussenpolitisch würde dies eine Abwendung von der Idee einer am Ende globalisierten Welt mit universalen Werten bedeuten. Stattdessen soll der Erdball in unterschiedliche Einflusssphären aufgeteilt werden, von denen jede von einer zivilisatorischen Grossmacht dominiert wird: etwa Amerika, China und Russland. Wobei die Neue Rechte dabei auch das Ziel verfolge, den Liberalismus in Europa zu bekämpfen, sagt Schuette. Für sie sei dieser nicht das Fundament, sondern «der Krebs der westlichen Zivilisation».
Schuette nennt diese Weltsicht «civilisationalism». Er stellt dabei aber auch fest, dass gerade Trump dieser nicht immer stringent folge. «Der Iran-Krieg und die besondere Beziehung zu Israel widersprechen der Idee, sich auf den westlichen Zivilisationsraum zu fokussieren.» Persönlichkeiten wie Vizepräsident J. D. Vance und allgemein jüngere Republikaner stünden der Neuen Rechten aber näher als Trump oder das Parteiestablishment. Auf längere Sicht könnten sie den internen Richtungskampf deshalb gewinnen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Weisflog
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