Thomas Mann hat den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nichts vergeben: Er hielt die Mehrheit von ihnen für unverbesserliche Nazis
Der Film «Vaterland» schildert Thomas Manns Deutschlandreise von 1949. Doch die Stimmungslage war völlig anders, als der Regisseur Pawel Pawlikowski suggeriert: Der Nobelpreisträger und die Deutschen blieben auf Distanz.
Hans Woller22.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten
Anfang August 1949 reiste Thomas Mann nach Gotha und wurde von der Bevölkerung gefeiert: Der Besuch in der Sowjetischen Besatzungszone löste im Westen heftige Kritik aus.
Thomas Mann Archiv / ETH-Bibliothek
Ein Jahr nach dem Feierreigen zum 150. Geburtstag beherrscht Thomas Mann schon wieder die Schlagzeilen der Feuilletons. Diesmal macht ein Film Furore: «Vaterland» behandelt die erste Deutschlandreise von Mann und seiner Tochter Erika von 1949 und scheint damit einen Nerv zu treffen. Die Presse ist schier ausser sich: Ein Triumph, ein Höhepunkt der Film- und Erzählkunst, das Werk eines Meisters. Spätlese, so scheint es, gilt auch hier als Prädikat für höchste Qualität.
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Pawel Pawlikowski, der Regisseur, nennt seinen Film eine «dokumentarische Fiktion». Was immer er darunter versteht, musste es gleich eine Lizenz für freieste Erfindung sein? Fast alle Einzelheiten des Films widersprechen nämlich der verbürgten Realität, während er gleichzeitig suggeriert, präzise und authentisch zu sein. Aber sei’s drum, Kunst darf vieles, auch die Quellen ignorieren, die in grosser Zahl leicht zugänglich sind. Aus Tagebüchern, Briefen, Zeitungsberichten und Tonaufnahmen lässt sich die Deutschlandreise von 1949 in ihrer globalen politischen Dramatik minuziös rekonstruieren.
Dabei zeigt sich: Thomas Mann verschob seinen ersten Besuch nach der nationalen «Exkommunikation» von 1933 und seiner Ausbürgerung von 1936 Jahr um Jahr. Der emigrierte Zauberer zauderte aus guten Gründen, denn die erste Deutschlandreise war eine hochpolitische Angelegenheit – und zwar dies- und jenseits des Atlantiks.
In den Vereinigten Staaten, deren Bürger er seit 1944 war, fühlte sich Thomas Mann längst nicht mehr wohl. Nach dem Tod des von ihm vergötterten Präsidenten Franklin D. Roosevelt hatte sich Amerika in seinen Augen in einen imperialistischen, halbfaschistischen Polizeistaat verwandelt, in dem ein hemmungsloser Antikommunismus blühte. Thomas Mann hielt die antikommunistische Hexenjagd für die kindische «Grundtorheit unserer Epoche», weshalb auch er rasch in den Verdacht geriet, Stalins nützlicher Idiot oder gar Kommunist zu sein.
Nichts vergessen, nichts vergeben
Er wurde im «Gangsterland» Amerika zwar anders als Bert Brecht nicht vor das «Komitee für unamerikanische Umtriebe» zitiert, musste aber ebenso mit einer Vorladung rechnen wie seine Tochter Erika und sein Sohn Klaus, die sich bereits seit längerem im Visier des FBI befanden; der Vater stand als Verdachtsfall übrigens auch schon seit Jahren unter Beobachtung.
Den Mund verbieten liess sich Thomas Mann deswegen nicht. In einem Radiobeitrag und bei anderen Gelegenheiten las er den Amerikanern immer wieder gehörig die Leviten: «Geistige Intoleranz, politische Inquisition und schwindende Rechtssicherheit – und all das im Namen eines angeblichen ‹Ausnahmezustandes›. So begann es auch in Deutschland. Was folgte, war Faschismus, und was auf den Faschismus folgte, war Krieg.» Kein Wunder, dass man in Washington jede seiner politischen Äusserungen und namentlich sein Engagement für Weltfriedensinitiativen aufmerksam registrierte.
Genauso kritisch wie die Situation in den USA betrachtete Thomas Mann die Entwicklung in den westlichen Besatzungszonen des untergegangenen Deutschen Reiches, aus denen im Sommer 1949 die Bundesrepublik hervorging. Anlässe für Skepsis gab es viele, der wichtigste war der Streit mit Vertretern der inneren Emigration, die in ihrer nationalen Egozentrik und ebenso grossen Larmoyanz nur die eigene Not- und Trostbedürftigkeit sahen und nichts von eigener Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes wissen wollten.
Sie denunzierten Thomas Mann 1945/46 als Landesverräter und Lakai der Amerikaner und sprachen ihm das Recht ab, mangels eigener Erfahrungen im «Dritten Reich» über das Schicksal Deutschlands mitzusprechen. Das Tischtuch schien zerschnitten, auch weil Thomas Mann nichts vergessen konnte und nichts vergeben wollte und deshalb in dem hässlichen Schlagabtausch sein gereiztes polemisches Talent nie zu zügeln vermochte.
Schmeicheleien aus dem Osten
1949 stellte sich so die Frage: War die Zeit schon reif für einen Besuch? Hatte sich die Stimmung gegen den ungeliebten Emigranten schon wieder so weit beruhigt, dass er – ohne neue Eskalationen fürchten zu müssen – reisen konnte? Sollte er nur in den Westen fahren oder auch den Osten bei seinem Besuch beehren?
Thomas Mann ging trotz vielen Warnungen aufs Ganze und besuchte zum Anlass von Goethes 200. Geburtstag Frankfurt am Main und Weimar. Er empfand sich als Repräsentant der gesamtdeutschen Kultur und wollte sich von niemandem seine Reiseroute vorschreiben lassen, am wenigsten von den Antikommunisten, die in Washington und in den westlichen Bundesländern den Ton angaben. Ausserdem beeindruckte ihn die Überdosis an Schmeicheleinheiten, mit denen ihn die kommunistische Führung im Osten Deutschlands bedachte, und schliesslich waren auch geschäftliche Interessen im Spiel, sprich der Buchmarkt in der späteren DDR und im gesamten Ostblock, der beträchtliche Gewinne abzuwerfen versprach.
Im Westen kreidete man ihm die Stippvisite nach Thüringen als Aufwertung der SED-Diktatur und als sträfliche Missachtung der jenseits der Zonengrenze drangsalierten Landsleute an, zumal sich Thomas Mann auch noch weigerte, die sowjetischen Lager auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald zu besuchen, in denen auch unbotmässige Sozialdemokraten und sonstige Dissidenten einsassen und zu Tausenden starben.
Es war kein Geringerer als der Soziologe Eugen Kogon, selbst lange Häftling in Buchenwald, der den NS-Gegner Thomas Mann drängte, die Existenz dieser Lager anzuprangern und damit seinem Ruf als moralische Instanz gerecht zu werden. Thomas Mann aber schwieg, als er mit Offizieren der sowjetischen Besatzungsmacht speiste, und er sagte nichts, als er mit Repräsentanten der SED seine gross inszenierten Auftritte absolvierte, die nur einem Zweck dienten: der bald kommenden DDR internationale Reputation zu verschaffen.
Thomas Mann und seine Frau Katia im Juni 1953 auf dem Hamburger Bahnhof: In einer Rede an der Universität trat Thomas Mann damals für ein «europäisches Deutschland» ein und wandte sich gegen ein «deutsches Europa».
Ullstein / Getty
Die riesige Kluft
Offiziell um Äquidistanz zwischen Ost und West bemüht, gab Thomas Mann unter dem Druck der Medien häufig zu erkennen, dass ihm das «rote» Deutschland sympathischer sei als die Bonner Republik, diese amerikanische Kolonie mit den alten Nazis auf ihren früheren Posten. Nach einigen ruppigen westlichen Pressekommentaren liess er sich 1949 sogar zu dem ungeheuerlichen Satz hinreissen: Der «autoritäre Volksstaat» der SED möge seine «schaurigen Seiten» haben, eine Wohltat sei es aber, dass die Presse dort so in Zaum gehalten werde, dass Dummheit und Frechheit endlich einmal «das Maul zu halten haben».
Wer Pawlikowskis Film anschaut, erfährt von den Hintergründen der Reise, den Stellungnahmen Thomas Manns in Frankfurt und Weimar und dem wilden Echo in den Blättern der westlichen Welt nicht viel. Die politische Brisanz der Deutschlandreise wird höchstens angedeutet, die riesige Kluft, die ihn von den Deutschen trennte, lässt sich nicht einmal erahnen. Thomas Mann hielt alle für schuldig und zumindest die Westdeutschen in ihrer übergrossen Mehrheit für unverbesserliche Nazis – und dachte nach 1945 nie daran, sich mit den Deutschen, dieser «race maudite», auszusöhnen.
Am Ende ging er in die Schweiz, wo er auch begraben werden wollte. Nach Deutschland bringen ihn keine zehn Pferde, wie er Theodor W. Adorno schrieb. Daran änderte sich bis zu seinem Tod 1955 auch deshalb nichts, weil ihn die offiziellen Stellen der Bundesrepublik lange fast wie Luft behandelten. Er hätte besser in die «Soffjetzone» gepasst, soll Bundeskanzler Konrad Adenauer gesagt haben.
Thomas Mann war als Homo politicus und Privatperson stets ein Testfall für gesellschaftliche Ambiguitätstoleranz. Er tat in seiner schillernden Grösse den meisten Deutschen weh und tut es immer noch, der Film «Vaterland» nicht. Im Gegenteil! Und genau hier liegt wahrscheinlich das Politikum eines scheinbar fast unpolitischen Films und vermutlich die fragwürdige Quelle seines Erfolgs: Er richtet gegen alle Evidenz ein Thomas-Mann-Bild auf, das bestens zur Gemütslage der verunsicherten liberalen deutschen Gesellschaft passt, die nach Rückhalt und Heilung sucht und sich anscheinend einen Nationaldichter wünscht, der gleichermassen Antifaschismus und Demokratie verkörpert.
Über den Wassern
Thomas Mann soll die Brandmauer gegen die Nazis hochhalten, und er tut das (wenn auch in frei erfundenen Szenen) ebenso entschieden und glaubwürdig wie seine Tochter, die Gustaf Gründgens ohrfeigt, während er selbst, stellvertretend für alle Ewiggestrigen, die Wagner-Erben herunterputzt.
Darüber hinaus will man vom politischen Mann nur wissen, dass er sich in schweren Zeiten für die Demokratie aufgerieben hat – als Herzensdemokrat oder Apostel der Demokratie, der in der gefährdeten Gegenwart als Vorbild dienen soll, obwohl der elitäre Patrizier in der Realität nie mehr als Lippenbekenntnisse für die Demokratie aufbrachte und mit dem Wahlvolk wenig anzufangen wusste.
Diesem Trend entsprechend erscheint er im Film nicht als schwankender und irrender Streiter, sondern als über den Wassern schwebender, versöhnlicher Politsoftie, der den Deutschen mit Goethe und einem neuen Humanismus kommt, ihnen aber in puncto Vergangenheit alles erspart und sie auch sonst nicht behelligt.
Der Flirt mit dem Kommunismus, das Verständnis für die Freibeuterei Stalins in Osteuropa, das Schweigen über die Hölle des Gulags, der Hohn auf die Bonner Republik und die Insistenz, mit der er an die Menschheitsverbrechen der Deutschen erinnerte – alles, was das frisierte Thomas-Mann-Bild des Films beeinträchtigen könnte, wird ausgeblendet. Es hätte die bequeme höhere Wahrheit, die der Film zum Zwecke der Heilung der deutschen Seele transportiert, stören können.
Der Historiker Hans Woller war lange Chefredaktor der «Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte». Im Verlag C. H. Beck ist soeben sein Buch «Thomas Mann. Biografie eines Politischen» erschienen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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