Thomas Aeschi ist der «attack dog» der SVP. Kann er auch Bundesrat?

Je näher die Anmeldefrist rückt, desto mehr wird der Fraktionspräsident als Kandidat gehandelt.

22.10.2026, 05.30 Uhr

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Avanciert Thomas Aeschi zum Favoriten der SVP für die Bundesratswahl?

Avanciert Thomas Aeschi zum Favoriten der SVP für die Bundesratswahl?

Karin Hofer / NZZ

Die Suche nach einer Nachfolge für Guy Parmelin scheint für die SVP noch immer harzig zu verlaufen. Mehrere namhafte Kandidatinnen und Kandidaten haben abgesagt. Bis Mittwochabend haben erst zwei Personen offiziell ihre Kandidatur angekündigt: die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz und der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann.

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Beide Kandidaten haben einen Haken: Amaudruz hat bei den Deutschschweizer SVP-Parlamentariern einen schweren Stand, es heisst gar, sie solle verhindert werden. Wyssmann ist ein Leichtgewicht und mit seiner staatskritischen Haltung der Vereinigten Bundesversammlung nur schwer zu vermitteln.

Am Freitag endet die Anmeldefrist. Mit jedem Tag, der vergeht, fragt man sich in Bundesbern mehr: Tritt mit Thomas Aeschi der Chef höchstpersönlich an? Er, der Präsident der Fraktion, die am 20. November über das Ticket entscheiden wird. Er, der in der Findungskommission sitzt, die der Fraktion vorab Vorschläge unterbreitet.

Aeschi kandidierte schon 2015

Aeschi kennt die Eigenheiten einer Bundesratswahl. Er war schon einmal Kandidat. Im Jahr 2015 war das, als er bei der SRF-Satiresendung «Giacobbo/Müller» zunächst sagte, er habe «überhaupt kein Interesse an einer Bundesratswahl». Wenige Monate später kandidierte er dann doch und schaffte es auf das Dreierticket mit dem Tessiner Lega-Staatsrat Norman Gobbi und dem Waadtländer Nationalrat Guy Parmelin, der schliesslich gewählt wurde.

Um die damalige Bundesratswahl ranken sich mehrere Gerüchte. Hartnäckig hält sich die Behauptung, die Vereinigte Bundesversammlung habe sich für Parmelin entschieden, um Aeschi zu verhindern, der der Wunschkandidat des SVP-Übervaters Christoph Blocher gewesen war. Eine andere Lesart: Aeschi ist nur eingesprungen, damit der Bündner Nationalrat Heinz Brand nicht ins Rennen steigt.

Aeschi jedenfalls machte nicht den Eindruck, als schmerze ihn die Wahl Parmelins, im Gegenteil. Er prägte Bundesbern in den nächsten Jahren auch ohne Bundesratsamt mit: als Fraktionspräsident, so zumindest die offizielle Bezeichnung von Aeschis Rolle. Linke Politiker sehen in ihm eher einen «attack dog», wie ein SP-Parlamentarier sagt. Aeschi sei machtbewusst und halte seine Leute kompromisslos auf Linie. Ansatzweise sichtbar wurde das während der Sommersession, als er im Rahmen der AKW-Abstimmung deutlich auf den Genfer Fraktionskollegen Daniel Sormanni einredete.

Aeschi kennt die Eigenheiten von Bundesbern und nutzt sie für seine Interessen. Einmal provozierte er, indem er das Quorum verlangte, eine Art Anwesenheitscheck, der kaum je angefordert wird. Selbst langjährige Nationalräte waren überrascht.

Mehr Chefbeamter als Bundesrat?

Aeschi hat sich mit solchen «Manövern» oder «Tricksereien», wie es nicht nur von links heisst, in den vergangenen Jahren einige Feinde gemacht. Diese Kritiker würdigen Aeschi gleichzeitig aber auch und betonen seine Kompetenz. Er sei intelligent, sehr fleissig und detailversessen, das erwähnen selbst sehr linke Nationalräte. Wenn sie über Aeschi sprechen, erinnert dieser an die Figur des Draco Malfoy aus den Harry-Potter-Filmen: Man hält ihn für durchaus schlau und talentiert, er habe sich aber für die falsche Seite entschieden.

Es gibt auch die Geschichte von Aeschis erster Budgetdebatte in der Finanzkommission. Der Erzählung nach soll er fünfzig Anträge eingereicht und sich irgendwann gar nach einzelnen Buchungssätzen erkundigt haben. Sein Arbeitseifer ist riesig, und in Bern fragen sich so manche, wann der Vater einer zweijährigen Tochter überhaupt schlafe. Der «Schweizer Illustrierten» sagte er 2017: «Ich arbeite sehr gern. Würde ich gezwungen, mein Arbeitspensum zu reduzieren, wäre ich weniger glücklich.» Wohl geben ihm die gekochten Rüebli mit Butter Energie, die er einmal als eines seiner Lieblingsgerichte bezeichnete und die er einst bei Michael Elseners Satire-Show auf SRF verköstigte.

Der Unternehmensberater Aeschi hat diese nahbaren Momente durchaus, er kann auch rührend von seiner Familie erzählen oder seinen Reisen – im Alter von 40 Jahren hatte der heute 47-Jährige schon fast achtzig Länder bereist. All das aber meist, wenn Mikrofon und Kamera aus sind und der «attack dog» Sendepause hat. Fragt sich, ob er diese Rolle ablegen könnte. Oder entspricht sie schlicht seinem Wesen? In Bern zweifeln viele, ob Aeschi das Format eines Bundesrats hat. Man hätte ihn sich gut vorstellen können als Chefbeamten unter dem früheren Justizminister Christoph Blocher, sagt etwa ein Mitte-Schwergewicht.

Dass Aeschi als verlängerter Arm ebendieses Blochers gilt, mag parteiintern von Vorteil sein, ist in der Vereinigten Bundesversammlung aber ein Nachteil – genauso übrigens wie Aeschis Heimat: Der Kanton Zug ist mit Martin Pfister bereits im Bundesrat vertreten. Sollte Aeschi ebenfalls in die Landesregierung einziehen, hätte der Kanton mit seinen gut 130 000 Einwohnerinnen und Einwohnern nur drei Sitze im Nationalrat, aber zwei im Bundesrat. Und da ist auch noch die Rauferei mit einem Polizisten im Bundeshaus im Jahr 2024, die Aeschi wieder einholen könnte.

Kritik an Amaudruz nimmt zu

Sollte Aeschi kandidieren, hängen seine Chancen natürlich vom Ticket ab, wenngleich er gerade bei den Linksparteien nicht besonders wählbar scheint. Wobei aus SP-Kreisen vermehrt Kritik an Amaudruz zu vernehmen ist und selbst Sozialdemokraten es für möglich halten, dass Aeschi gegen die Genferin Chancen hätte. Insbesondere ihre Verbindung zu den Banken kommt gar nicht gut an, auch wird ihr vorgeworfen, politisch kaum grosse Stricke zerrissen zu haben.

Zu hören ist aber auch dies: Sollte die SVP neben Aeschi einen Hardliner wie zum Beispiel Thomas Matter aufs Ticket setzen, könnten sich die Linksparteien eine Sprengkandidatur überlegen. In den Augen von Mitte- und FDP-Politikern ist Aeschi jedoch nicht zwingend ein Hardliner, wohl aber auf der Wählbarkeitsskala nicht besonders weit oben, wie es etwa aus der Mitte heisst.

Zuerst einmal aber müsste Aeschi als Bundesrat kandidieren. «Pick your battles wisely» sei der beste Rat, den er bisher bekommen habe, sagte Aeschi einmal. Am Mittwoch gab er am Telefon an, sich bereits entschieden zu haben. Kommunizieren werde er aber erst, wenn es etwas zu kommunizieren gebe.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Renato Schatz

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