«The Times» entschuldigt sich bei Gianni Infantino – dennoch bleiben Fragen zur Lohntransparenz
Das britische Medienhaus krebst zurück: Der Fifa-Präsident hat keinen geheimen Zweitlohn bezogen und war nicht in einen Immobilien-Deal in Miami verwickelt. Die Fifa muss einen Lohnteil in Millionenhöhe nicht offenlegen.
21.10.2026, 16.35 Uhr
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Der Jahreslohn des Fifa-Chefs Gianni Infantino wächst stetig.
Yoan Valat / EPA
Nicht zum ersten Mal stehen im Weltfussballverband (Fifa) ein Millionensalär eines hochrangigen Funktionärs und fehlende Transparenz zur Debatte. Vor einigen Tagen schrieb die britische Zeitung «The Times», dass der Fifa-Präsident Gianni Infantino 2024 ein «zweites Salär» erhalten habe, das im Jahresbericht des Verbandes nicht deklariert worden sei. Die Höhe: 1,7 Millionen Dollar.
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Diese zusätzliche Summe wurde Infantino von der im Zusammenhang mit der WM 2026 gegründeten Fifa-Tochtergesellschaft überwiesen. Dies belegen Auszüge der US-Steuerbehörden. Also addiert sich zu den im Fifa-Jahresbericht 2024 säuberlich ausgewiesenen 4,27 Millionen Schweizerfranken ungefähr ein Drittel dazu. Umgerechnet 1,4 Millionen. Das ergibt in der Summe fast 5,7 Millionen.
Obschon die Zahlen bestätigt sind, muss sich die «Times» entschuldigen und den Text offline nehmen. Der Grund: Im Fifa-Jahresbericht ist in der Fussnote erwähnt, dass neben Sozial- und Versicherungsleistungen «zusätzliche Zahlungen» an den Präsidenten möglich seien. Der in den USA als Einkommen deklarierte Teil darf in den Fifa-Zahlen gemäss Schweizer Recht nicht zur Vergütung des Fifa-Chefs hinzugezählt werden.
Die Zeitung entschuldigt sich für «Irrtümer»
«The Times» muss dazu zum Mea Culpa schreiten und sich bei Infantino und der Fifa für die «Irrtümer» entschuldigen, weil die Zeitung im gleichen Artikel einen obskuren Immobilien-Deal Infantinos in den USA in den Raum gestellt hat. Das entspricht nicht den Tatsachen.
Dass ein solch grosses Medienhaus öffentlich um Verzeihung bittet und einen Text verschwinden lässt, ist selten. Gerade für die Fifa, die vor allem in Westeuropa seit Jahren am Pranger steht. Sosehr die Lohn-Episode Infantino zu schaden schien, so sehr dürfte ihm der Rückzieher der reuigen Briten nun helfen. Im nächsten Jahr will sich der Schweizer abermals zum Fifa-Präsidenten wählen lassen.
Bis am 18. November muss die Person bestimmt sein, die ihn herauszufordern gewillt ist. Seit seinem klandestinen und inzwischen sistierten WM-Rechtehandel spürt Infantino kräftigen Gegenwind, vor allem in Europa und aus der Zentrale des europäischen Fussballverbands Uefa. Noch nie waren die Fronten im Fifa-Kosmos derart verhärtet wie jetzt. Neben der Uefa wenden sich die Nord- und Mittelamerikaner (Concacaf) sowie die Asiaten (AFC) in aller Öffentlichkeit von Infantino ab und entziehen ihm die Unterstützung.
Doch das muss im Hinblick auf die Fifa-Wahl am 18. März in Marokko nichts heissen. Nicht die Kontinentalverbände stimmen ab, sondern die 211 der Fifa angeschlossenen Landesverbände auf der ganzen Welt.
Der Infantino-Lohn steigt von 4,3 auf 5,7 Millionen
Trotz allem bleibt in Bezug auf die Vergütung Infantinos ein schaler Geschmack. Die Fifa tut jedenfalls gut daran, künftig den Lohn ohne Wenn und Aber zu veröffentlichen. Auch wenn der Verband im Recht ist: Es ist stossend und der Transparenz abträglich, wenn ein solch hoher Lohnbestandteil erst hinterher bekannt wird. Die Verschleierung ergibt keinen Sinn und nährt vielmehr Skepsis.
Der Verdacht: Man möchte den Lohn des Fifa-Chefs möglichst klein halten. 4,3 statt der tatsächlichen 5,7 Millionen: So ist zum Beispiel die Differenz zum Jahreseinkommen des Uefa-Vorsitzenden Aleksander Ceferin (3,25 Millionen) weniger gross. Laut dem Uefa-Finanzbericht hat Ceferin darüber hinaus «keinen Anspruch auf Bonuszahlungen».
Für die Fifa, die gemäss Statuten die Entschädigung des Fifa-Chefs «öffentlich machen» muss, bleiben zwei Varianten: Entweder sie publiziert den Lohn wie bisher – und man denkt sich jeweils einen Millionenbetrag dazu – , oder sie kommuniziert die Totalsumme. Davon auszugehen ist, dass Infantino nicht nur 2024, sondern auch 2025 ein satter Millionenzustupf zugekommen ist. Auch 2026 dürfte das so sein.
Die Fifa hebt die Cheflöhne weiter an
2025 war die Klub-WM in den USA, 2026 die WM. 2025 erhöhte sich der im Jahresbericht deklarierte Infantino-Lohn ohnehin von 4,3 auf 4,8 Millionen. Der Fifa-Generalsekretär Mattias Grafström ist bei knapp 2 Millionen angelangt. Zum Vergleich: Der Uefa-Generalsekretär Theodore Theodoridis verdiente zuletzt brutto 1,5 Millionen, dazu kam ein Bonus von 560 000 plus – aus welchen Gründen auch immer. Laut dem Uefa-Jahresbericht von 2024/25: «Schulgeld für seine Kinder».
Wie die Fifa ihren hohen Angestellten, so bezahlt auch die Uefa sowohl Ceferin wie Theodoridis’ Beiträge an die Sozialleistungen. Keine Seltenheit ist offenbar auch, dass eine Institution wie die Fifa für Kaderangestellte mit Millionensalär Wohnkosten übernimmt. Das wäre für Infantino offenbar im Kanton Zug.
Diese Vergleichszahlen weisen darauf hin, dass das Generalsekretariat in der Uefa mehr Gewicht hat als in der Fifa, die – wie schon zu den Zeiten des Infantino-Vorgängers Joseph Blatter – ein auf den Präsidenten ausgerichteter Verband ist. Das widerspricht den vor zehn Jahren postulierten Fifa-Reformen, die grösstenteils ohnehin Schall und Rauch geworden sind.
Eine Errungenschaft, eigentlich: Lohntransparenz in der Chefetage.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Peter B. Birrer
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