Thailand gehen die Kinder aus
Dass die Geburtenrate in Japan, Südkorea und Taiwan sinkt, ist bekannt. Besonders frappant ist der Einbruch aber in Thailand. Die Politik ist alarmiert.
22.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Kleinkinder werden in Thailands Hauptstadt Bangkok immer seltener.
Lauren Decicca / Getty
Im September hat das Unterhaus in Thailand ein Forum für die Parlamentarier organisiert. Thema des Anlasses war der Geburtenrückgang. Die Anwesenden sprachen darüber, wie man thailändische Familien unterstützen könnte, damit sie wieder Kinder bekommen. Schon Anfang Jahr hatte ein Vertreter des Gesundheitsministeriums an einer Medienkonferenz vor einer demografischen Krise gewarnt. Er stellte das Programm «every birth matters» vor, jede Geburt zählt.
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Die Entwicklung der Geburtenrate in Thailand ist tatsächlich erstaunlich. Schon länger ist bekannt, dass ostasiatische Staaten wie Japan, Südkorea und Taiwan mit tiefen Geburtenraten kämpfen. Der Einbruch der Geburten in Thailand allerdings ist frappant: Wurden 2015 noch 736 352 Babys geboren, waren es eine Dekade später noch 416 574 (2025). Es sterben mehr Thailänder, als geboren werden. Noch eindrücklicher sind die langfristigen Zahlen. Die Weltbank hat die Geburtenzahlen ab 1960 erfasst: 2024 wurden in Thailand pro tausend Einwohner weniger Kinder geboren als in der Schweiz.
Sinkende Geburtenraten sind in Europa und Ostasien schon länger ein Problem. Die Länder stiegen wirtschaftlich auf, und mit dem Wohlstand sank die Zahl der Kinder. In Thailand aber ist es anders: Das Land hat den wirtschaftlichen Aufstieg noch nicht geschafft. Thailand ist zwar nach Indonesien und Singapur die drittgrösste Volkswirtschaft in Südostasien, aber laut der Klassifizierung der Weltbank noch immer ein Schwellenland.
Noch in den neunziger Jahren wurde Thailands Geburtenrückgang international gelobt, es war eine Zeit, in der Forscher vor der Überbevölkerung warnten. Thailand mit seinem liberalen Zugang zu Verhütungsmitteln schien ein gutes Beispiel für ein Land im wirtschaftlichen Aufstieg. Mittlerweile hat sich der Blick auf den Geburtenrückgang verändert. Thailand droht alt zu werden, bevor es reich wird.
Rasante Urbanisierung
Forscher führen Thailands rapide sinkende Geburtenrate immer wieder auf die schnelle Urbanisierung zurück. Menschen zogen in die Städte, immer mehr Frauen begannen in den Bürotürmen zu arbeiten. Heute leben rund 60 Prozent der Bevölkerung in den Städten, 1990 waren es noch 19 Prozent. Junge Menschen in Bangkok führen ein völlig anderes Leben als ihre Grosseltern, die in Dörfern von der Landwirtschaft lebten. Während dieser Entwicklung ist den Frauen die Lust vergangen, Kinder zu bekommen.
Frauen seien heute sehr präsent an Universitäten, sagt Jongjit Rittirong, die am Institut für Bevölkerungs- und Sozialforschung der renommierten Bangkoker Mahidol-Universität lehrt. Mit der Ausbildung sei für die Frauen die Erwartung verbunden, eine erfolgreiche Karriere zu machen; das sei nicht nur ihre eigene Erwartung, sondern auch die der Familie. «Wir müssen uns selbst priorisieren», sagt Rittirong.
Ein Hauptgrund, den Beruf über die Familie zu stellen, seien die Finanzen. Diese Antwort bekommt Rittirong in den Umfragen ihres Instituts. Die thailändische Wirtschaft wächst seit Jahren nur schleppend, und das Leben wird teurer. «Beide Partner müssen arbeiten», sagt Rittirong. Bevor sich ein Paar für ein Kind entscheide, wolle es ein Haus und ein Auto kaufen und genug gespart haben, um das Kind auf eine gute Schule schicken zu können. Weil das Sparen aber schwierig sei, würden sich Junge gegen Kinder entscheiden.
Theoretisch könnte hier der thailändische Staat eingreifen: mit finanziellen Anreizen oder Initiativen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Solche Initiativen existieren zum Beispiel in Südkorea, Japan und in Singapur. Auch in Thailand gibt es Initiativen, aber sie sind wenig ausgereift. Eltern erhalten pro Kind bis zu dessen sechstem Lebensjahr 1600 Baht monatlich, umgerechnet knapp vierzig Franken. Das deckt nur einen Bruchteil der anfallenden Kosten. Die Regierung hat zudem 2025 den Mutterschaftsurlaub verlängert – von 98 auf 120 Tage. Allerdings sind nur 60 Tage davon voll bezahlt, in der zweiten Hälfte erhalten die Frauen nur den halben Lohn.
«Wir brauchen mehr als das», so fasst die Bevölkerungsforscherin Rittirong die Bemühungen der Regierung zusammen.
Die Geburtenkrise ist längst zur Bedrohung geworden für die thailändische Wirtschaft. Die Politiker haben erkannt, dass es bald an Arbeitskräften fehlen könnte und dass sich das Wirtschaftswachstum weiter verlangsamt.
Skeptisch gegenüber Immigration
Andere Länder mit sinkenden Geburtenzahlen, beispielsweise die Schweiz, holen die für das Wirtschaftswachstum nötigen Arbeitskräfte aus dem Ausland. In Thailand ist das schwieriger. Das Land hat in den vergangenen Jahren Hunderttausende geringqualifizierte Arbeiter aus Laos, Myanmar und Kambodscha angelockt. Sie arbeiteten im Service oder auf Baustellen. Die Stimmung gegenüber den Migranten aber hat sich in den vergangenen Monaten gedreht: Spätestens seit dem Grenzkonflikt mit Kambodscha sandte Thailand Tausende Arbeiter zurück in ihre Heimat. Auch mit hochqualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland tut sich das Land schwer: Sie sind zwar als Touristen oder Expats auf Zeit willkommen; wer langfristig in Thailand bleiben will, muss aber hohe Visahürden überwinden.
Rittirong zitiert eine Umfrage ihres Forschungsinstituts: Laut dieser haben besonders ältere Personen Mühe damit, wenn Jobs nicht von Thailändern, sondern von Ausländern ausgeführt würden.
Während die Geburtenraten zurückgehen, werden die Thailänder immer älter. Thailand ist auf dem Weg, eine «super-aged society» zu werden. Die Uno definiert superalte Gesellschaften als solche, in denen zwanzig Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sind. Thailand könnte dies bereits 2030 erreichen. In Kombination mit dem Geburtenrückgang stellt sich auch in Thailand die Frage, wer sich um die Alten kümmern soll.
Die traditionellen Strukturen, in denen Kinder in den Dörfern für die alten Eltern sorgten, sind erodiert. An ihre Stelle sind Dorfgemeinschaften getreten, die Programme für Senioren anbieten. Aber auch dieses Problem dürfte sich in den kommenden Jahren verschärfen: Im ganzen Land stehen gerade einmal 25 vom Staat betriebene Altersheime für Geringverdiener bereit.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Babst
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