Teheran triumphiert, die Araber schweigen: So reagiert der Nahe Osten auf den Wahlerfolg der Demokraten
Die arabischen Staaten befürchten eine neue Eskalation im Krieg gegen Iran. In der Golfregion sorgt die Wahlniederlage der Republikaner in den USA nun für einen Moment der Entspannung.
04.11.2026, 14.05 Uhr
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Iranische Propaganda: Ein riesiges Plakat im Zentrum von Teheran zeigt unter anderem den amerikanischen Präsidenten Trump und den israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu in schmutziger und beschädigter Kleidung.
Vahid Salemi / AP
Irans Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf liess es sich nicht nehmen, die herben Verluste der Republikaner bei den amerikanischen Zwischenwahlen persönlich zu kommentieren. Kurz nachdem die ersten amerikanischen Medien ihre Hochrechnungen bekanntgegeben hatten, schrieb Ghalibaf auf X: «Ob aus Gewissensgründen oder wegen der Lebenshaltungskosten: Die Amerikaner haben Nein zum Krieg gesagt, und wir unterstützen diese Botschaft.»
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Zugleich drohte Ghalibaf Washington: Sollte die amerikanische Regierung den Willen ihrer Bevölkerung missachten, werde sie erfahren, dass Irans Nein mit einem «Albtraum» einhergehe. Was genau er damit meinte, erläuterte Ghalibaf nicht. Klar ist jedoch: Der Iraner deutet den Ausgang der Wahl als eine Niederlage für Trumps Krieg gegen Iran und signalisiert gleichzeitig militärische Abschreckung.
Mit dem Wahlerfolg der Demokraten ist die Gefahr einer neuen Eskalation im Krieg gegen Iran zwar nicht gebannt. Er erhöht aber die politischen Hürden für eine Ausweitung des Krieges. Mit ihrer neuen Mehrheit im Kongress könnten die Demokraten die Finanzierung des Krieges erschweren, und neue Angriffe dürften grösseren innenpolitischen Widerstand hervorrufen.
Deeskalation oder Rache?
Das Wahlergebnis in den USA könnte auch eine Verhandlungslösung begünstigen. Die iranische Führung könne nun die Erzählung verbreiten, sie habe den Krieg gewonnen und Trumps politisches Projekt zerstört, schreibt der Politikwissenschafter und Iran-Experte Esfandyar Batmanghelidj auf X.
«Diese Erzählung von Trumps Niederlage wird es erleichtern, innerhalb der iranischen Führung einen Konsens über ein Abkommen mit den USA herzustellen – insbesondere über eines, das Zugeständnisse verlangt», argumentiert der Leiter der Denkfabrik Bourse & Bazaar Foundation in London, die sich mit Wirtschaftsdiplomatie und ökonomischer Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten beschäftigt.
Farzan Sabet, Iran-Experte und einer der leitenden Forscher am Geneva Graduate Institute, hält es jedoch auch für möglich, dass sich Trump in den verbleibenden zwei Jahren seiner Amtszeit ganz auf die Aussenpolitik und dabei besonders auf Iran konzentriert. «Trump könnte das Land für seine Wahlniederlage verantwortlich machen und auf Rache sinnen – und auf einen Sieg, mit dem er sein politisches Vermächtnis retten kann», schreibt Sabet auf X.
Aufatmen am Golf
Anders als die Iraner halten sich die arabischen Staaten auf der anderen Seite des Persischen Golfs mit Reaktionen auf das Wahlergebnis zurück – aus gutem Grund: Sie wissen, dass sie nicht nur in der Sicherheitszusammenarbeit und in Hinblick auf Rüstungsgeschäfte auf die USA angewiesen sind. Die Golfmonarchien brauchen amerikanische Unterstützung, um Raketen- und Drohnenangriffe aus Iran oder dem benachbarten Jemen abzuwehren.
Hinzu kommt, dass der Wahlsieg der Demokraten den arabischen Staaten noch keine klare Perspektive aufzeigt. Deshalb dürften sie versuchen, jedes Risiko zu vermeiden und sich alle Zugänge in Washington offenzuhalten. Dennoch dürfte das Wahlergebnis vor allem in den Golfstaaten kurzfristig für ein Aufatmen sorgen, da es die nächste Eskalation im Krieg gegen Iran zumindest nicht beschleunigt.
In letzter Zeit erschien ein weiterer heftiger Schlagabtausch zwischen Washington und Teheran immer wahrscheinlicher – und damit iranische Angriffe auf die überlebenswichtige Energieinfrastruktur und Entsalzungsanlagen in den Petromonarchien. «Kriege führen nur zu weiteren Krisen», hatte der Präsidentenberater der Vereinigten Arabischen Emirate, Anwar Gargash, noch vor Veröffentlichung der Wahlergebnisse erklärt. «Diplomatie ist der wirksamste Weg.» Für die Araber bedeutet das also erst einmal: Schweigen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Anne Allmeling
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