Swiss Ice Hockey positioniert sich in der Russland-Causa doch noch – und hantiert mit Gratismut

Die Schweizer U-20-Nationalmannschaft werde an der WM nicht gegen Russland antreten, schreibt der Eishockeyverband am Samstagabend. Es ist ein spätes Bekenntnis.

08.11.2026, 10.12 Uhr

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Kein Duell mit Russland: Swiss Ice Hockey und der Präsident Marc Lüthi schliessen ein Kräftemessen mit den Russen an der U-20-WM aus.

Kein Duell mit Russland: Swiss Ice Hockey und der Präsident Marc Lüthi schliessen ein Kräftemessen mit den Russen an der U-20-WM aus.

Peter Schneider / KEYSTONE

Sieben Nationen haben in der vergangenen Woche angekündigt, an der Eishockey-WM 2027 ein allfälliges Duell mit Russland zu boykottieren: Dänemark, Finnland, Lettland, Norwegen, Österreich, Schweden und Tschechien. Der Verband Swiss Ice Hockey tat das, was die öffentliche Schweiz in solchen Fällen fast immer tut: Er schwieg. Nicht allen gefiel das, «Watson» titelte am Freitag schrill: «Der Verband und Marc Lüthi machen sich mit ihrer Feigheit lächerlich». Lüthi, der im Sommer zum Präsident aufgestiegene Strippenzieher, hatte gegenüber SRF gesagt: «Jetzt vorzupreschen wäre der falsche Weg.»

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Es ist eine Haltung, die man vertreten kann – zumal angesichts des Aktionismus des Weltverbands IIHF, der innert acht Tagen drei «Statements» veröffentlichte und jedes Mal das gleiche schrieb: Man arbeite an einer Lösung.

Die IIHF befindet sich in einer unmöglichen Lage: Die Allianz der Eishockey-Nationen des Westens gegen den Kriegstreiber Russland ist breit und umfasst auch wichtige Sponsoren. Es ist nach heutigem Stand unmöglich, den Entscheid des internationalen Sportgerichtshof TAS mit einer sofortigen Wiedereingliederung Russlands durchzudrücken. Erst recht nicht mit Deutschland als Austragungsort. Ob der frisch (und auch mit russischer Unterstützung) gewählte IIHF-Präsident Franz Reindl das Fingerspitzengefühl hat, um die Russen zum Einlenken zu bewegen,  frühestens 2028 wieder an Weltmeisterschaften teilzunehmen?

Kein kanadisches Visum für die russischen Teenager

Eigentlich hätte das TAS-Urteil zur Folge, dass Russland bereits für die U-20-WM in Kanada wieder zugelassen werden müsste. Sie beginnt am 26. Dezember in Edmonton und Red Deer. Aber eher schwört der Durchschnittsschweizer seinem Lieblingsgewürz Aromat ab als dass Russland dieses Turnier spielt. Der kanadische Premierminister Mark Carney hatte das bereits vor Tagen unmissverständlich klargestellt und gesagt: «Solange Russland und Belarus diesen illegalen, ungerechtfertigten, schrecklichen Krieg in der Ukraine unterstützen, wird kein Athlet diese Länder in Kanada vertreten.» Und auf eine Nachfrage antwortete er: «Russland wird an der U-20-WM nicht dabei sein.»

Die kanadische Regierung kündigte an, die russischen Teenager notfalls nicht einreisen zu lassen. Gleichzeitig sind etliche russische Profis auch in kanadischen NHL-Teams engagiert – es ist eine Doppelmoral, die etwa der frühere Weltklassetorhüter Dominik Hasek scharf kritisiert. Hasek stellt sich auf den Standpunkt, dass nur jene Spieler in der NHL zum Einsatz kommen sollten, die den Krieg aktiv ablehnen. Solche Fälle gibt es kaum, im Gegenteil: Der mehrfache Torschützenkönig Alexander Owetschkin ist einer der ergebensten Cheerleader des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

An der U-20-Weltmeisterschaft würden die Russen den Platz des Aufsteigers Norwegen übernehmen. Zwar ist der offizielle Spielplan der IIHF ist nie abgeändert worden; Norwegen ist am 27. Dezember weiterhin der zweite Gruppengegner der Schweizer Equipe um den Trainer Luca Cereda. Aber intern zirkuliert offenkundig ein angepasstes Dokument, das vorsieht, dass die Schweiz in Edmonton auf Russland träfe.

Swiss Ice Hockey wagte sich deshalb am Samstagabend doch noch aus der Deckung. «Der Verwaltungsrat von Swiss Ice Hockey hat entschieden, dass die Schweizer U-20-Nationalmannschaft angesichts des anhaltenden Ukraine-Konfliktes und der gegenwärtigen Umstände an der kommenden Weltmeisterschaft nicht gegen die russische U-20-Nationalmannschaft antreten wird», heisst es in einer Medienmitteilung. Und auch: «Dieser Entscheid ist ausdrücklich nicht mit einem Verzicht auf die Teilnahme an der IIHF World Junior Championship 2027 gleichzusetzen. Die Schweizer U-20-Nationalmannschaft hält an ihrer Teilnahme am Turnier in Edmonton fest.»

Nur die Slowakei und die USA haben sich noch nicht positioniert

Es sind Worte, die vor Gratismut triefen, denn die übrigen Teams in der Gruppe B sind Kanada, Lettland und Tschechien. Also der Gastgeber, der sich weigert, ein russisches Team einreisen zu lassen. Und zwei Nationen, die Duelle mit dem Aggressor längst auf allen Ebenen kategorisch ausgeschlossen haben. Russland dank vier Forfaitsiegen als Gruppensieger, die Jünglinge beseelt und ergriffen feiernd auf dem Roten Platz in Moskau? Das klingt wie der Plot einer Episode von «South Park». Von den teilnehmenden Nationen haben sich einzig die Slowakei und die USA bisher nicht positioniert.

Der Puck liegt weiterhin bei der IIHF, die wie bis zum Wochenende auch die Schweiz auf Zeit zu spielen scheint. Bisher schrieb der Weltverband stets, dass er den Entscheid des TAS zwar nicht gutheisse, ihn aber respektiere. Die Frage ist, ob sich an dieser Haltung angesichts des globalen Sturms der Entrüstung etwas verändert hat. Ob die IIHF es wagen könnte, sich über das Urteil hinwegzusetzen. Das wäre Neuland, hätte aber kaum Konsequenzen. Womöglich ist es der einzige Weg, die
U-20-WM nicht zur totalen Farce verkommen zu lassen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Nicola Berger

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