Sunderland steckt in der Krise. Und selbst der Captain Granit Xhaka weiss nicht, wo er ansetzen soll

Vor wenigen Monaten spielte der Sunderland AFC als Aufsteiger überraschend um die Europacup-Plätze. Nun kämpft der Klub gegen den Abstieg. Die Probleme gehen über ein Formtief hinaus.

Sven Haist, London

05.11.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Sunderland im freien Fall: Auch Granit Xhaka scheint ratlos.

Sunderland im freien Fall: Auch Granit Xhaka scheint ratlos.

Lee Smith / Reuters

Nach der vergangenen Saison wagte Régis Le Bris eine bemerkenswerte Prognose. Der Trainer des Sunderland AFC erklärte im Gespräch mit dem «Telegraph», dass Europacup-Teilnehmer aufgrund der zusätzlichen Belastung im Verlauf einer Premier-League-Saison statistisch gesehen «10 Punkte» einbüssten. Für den englischen Fussballklub könnte dies weitreichende Folgen haben.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Als Aufsteiger hatte sich der Klub des Schweizer Milliardenerben Kyril Louis-Dreyfus am letzten Spieltag beinahe sensationell für die Europa League qualifiziert. Das ursprüngliche Saisonziel hatte einzig im Klassenerhalt bestanden. Sunderland schloss die englische Beletage nach achtjähriger Abstinenz jedoch mit 54 Punkten auf Platz sieben ab.

Zöge man von dieser Ausbeute die von Le Bris veranschlagten 10 Punkte ab, blieben 44. Damit hätte man in der Vorsaiso­n tief unten in der Tabelle gesteckt und den Abstieg nur knapp vermieden. Und genau in diesem Bereich bewegt sich der Sunderland AFC momentan.

Sunderland verliert seine Underdog-Mentalität

Nach dem ersten Viertel der Saison steht der Verein von der Nordostküste mit gerade einmal 5 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz. Seit sieben Ligaspielen wartet die Mannschaft auf einen Sieg. Am vergangenen Samstag gab es ein 1:3-Debakel bei Coventry City – bereits der zweite Rückschlag gegen einen Aufsteiger nach der Pleite zum Auftakt bei Ipswich Town.

Das Kader um den Schweizer Anführer Granit Xhaka hat bisher die zweitwenigsten Tore erzielt und zugleich die drittmeisten Gegentreffer kassiert. Dabei war der Erfolg der Vorsaison vor allem auf die defensive Stabilität zurückzuführen: Die «Black Cats» formierten die viertbeste Abwehr.

Den Absturz nahm Le Bris zum Anlass, jüngst den Ton zu verschärfen. Auf die Frage, ob der Klub inzwischen gegen den Abstieg kämpfe, antwortete er knapp: Das sei «offensichtlich». Gleichzeitig forderte er seine Spieler auf, sich wieder auf die «Mentalität eines Aussenseiters» zu besinnen. Tatsächlich scheint die Equipe den eigenen Erfolgsweg ein Stück weit verlassen zu haben. Statt den pragmatischen, kompromisslosen Stil fortzuführen, versucht sich Sunderland vermehrt spielerisch weiterzuentwickeln.

Das Risiko dieses Ansatzes zeigte sich nicht nur in der auffälligen Häufung kapitaler individueller Fehler im Abwehrverhalten und im Spielaufbau, sondern auch in der taktischen Herangehensweise. Im Auswärtsspiel beim Titelanwärter Manchester City liess sich Sunderland auf einen offenen Schlagabtausch ein und wurde am Ende mit 3:5 deklassiert.

Schon vor zwei Wochen hatte der Routinier Nordi Mukiele angesichts der Entwicklung eine Warnung an seine Mitspieler ausgesprochen. «Vielleicht sind wir überheblich geworden», sagte er. Abgeseh­en von Mukiele und seinem seit September verletzungsbedingt ausfallenden Abwehrpartner Dan Ballard lastet die Krisenbewältigung innerhalb des Teams auf den Schultern des Ausnahmespielers und Captains Granit Xhaka.

Nach dem zweiten Gegentreffer gegen den Aufsteiger Coventry City ist der Sunderland-Captain Granit Xhaka bedient.

Nach dem zweiten Gegentreffer gegen den Aufsteiger Coventry City ist der Sunderland-Captain Granit Xhaka bedient.

Jake Youle / Imago

Xhaka kann die Krise nicht allein tragen

In einem Interview mit den Klubmedien wurde Xhaka auf die Misere angesprochen. Zunächst strich er sich über die Stirn und pustete einmal kräftig durch. Anschliessend zählte er die zahlreichen Unzulänglichkeiten in den Spielen auf. Sein ernüchterndes Fazit: Er wisse nicht, wo anzusetzen sei.

Xhaka, der dank seiner Erfahrung und seinem feinen Gespür normalerweise Probleme frühzeitig erkennt und ihnen entgegenwirkt, vermittelt derzeit den Eindruck, dass die Herausforderungen auch an ihm nicht spurlos vorübergehen. Er stellt sich der Verantwortung, hinterlässt aber einen ausgelaugten Eindruck. Die Affäre um sein gefälschtes Covid-Zertifikat, für das ihn die Luzerner Staatsanwaltschaft nach seinem Geständnis strafrechtlich verurteilte, sorgte wochenlang für Unruhe. Das dürfte selbst den abgehärteten Vollprofi belastet haben.

Sein Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft hat in letzter Zeit nachgelassen. Das liegt zum einen an seinem hohen Pensum. Zum anderen lässt sich mit 34 Jahren auf der laufintensiven Position im zentralen Mittelfeld eine Ausnahmesaison wie die vergangene auch nicht ohne weiteres wiederholen. In der Liga hat Xhaka bislang jedes Spiel über die volle Distanz bestritten, in der Europa League wird er ebenso kaum geschont. Unter diesen Umständen hätte es für Sunderland dringend Verstärkungen gebraucht.

Mitbedingt durch die gewaltigen Transferausgaben des Vorjahres, die ähnliche Investitionen angesichts der Finanzregeln der Premier League diesmal verhinderten, konnte der Klub nur wenige Zugänge präsentieren. Erst spät kamen der Flügelspieler Malick Fofana und der Verteidiger Dayann Méthalie aus Frankreich – für jeweils rund 30 Millionen Euro.

Die beiden Talente haben sich noch nicht durchgesetzt und zusammen gerade einmal 238 Einsatzminuten in der Liga absolviert. Le Bris hatte im Vorfeld darauf hingewiesen, es werde «drei oder vier weitere konstante Spieler auf verschiedenen Positionen benötigen», um die enge Spieltaktung zu meistern. Erschwerend wirken sich der Weggang mehrerer Mitarbeiter im Transferbereich sowie personelle Veränderungen auf der Führungsebene aus. In deren Folge nimmt der Besitzer Louis-Dreyfus derzeit selbst eine operativ aktivere Rolle als zuvor ein.

Kommt noch nicht auf Touren: Sunderlands Malick Fofana – hier im Zweikampf mit Brentfords Michael Kayode.

Kommt noch nicht auf Touren: Sunderlands Malick Fofana – hier im Zweikampf mit Brentfords Michael Kayode.

Richard Lee / Imago

Zu den wichtigen Entscheidungen von Louis-Dreyfus gehört die Zukunft des Trainers. Vor den beiden Heimspielen gegen Dinamo Zagreb und gegen den Chelsea FC in dieser Woche liess Régis Le Bris verlauten, er habe «keinen Zweifel» an seinem Verbleib. Immerhin in der Europa League ist seine Mannschaft mit zwei Siegen und einem Remis gut platziert. Punkte, die der Sunderland AFC derzeit allerdings viel eher in der Liga benötigte.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Sven Haist

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira