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Strom und Erdgas werden auf dem europäischen Markt massiv teurer. Das schmerzt Schweizer Unternehmen
Die Preise an den Energiebörsen haben sich in kurzer Zeit fast verdoppelt. Laut Experten ist keine Entspannung in Sicht. Die Schweizer Industrie fordert Entlastung bei den Kosten des Stromnetzes.
28.10.2026, 05.29 Uhr
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Alternative zu Lieferungen aus Russland: Der Tanker «LNG Enterprise» entlädt in einem Hafen nahe von Athen amerikanisches Erdgas.
Nicolas Koutsokostas / NurPhoto / Getty
Trotz den Kriegen in Iran und in der Ukraine ist es in einem Teil von Europas Energiemärkten lange Zeit erstaunlich ruhig geblieben. Die Preise für Strom und Erdgas bewegten sich vor allem seitwärts. Doch damit ist es nun vorbei. Die Notierungen haben in den vergangenen Wochen an den Energiebörsen massiv angezogen und sorgen in den Chefetagen vieler Schweizer Unternehmen für wachsende Nervosität und Planungsunsicherheit.
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«Auf dem Strommarkt herrschen derzeit die höchsten Preise seit drei Jahren», sagt Dominik Wipfli vom Energieberatungsunternehmen Ompex. Laut Wipfli sind die Preise im gesamten Markt angestiegen: Nicht nur der sogenannte Spotmarkt wurde teurer, an dem sich Grossverbraucher kurzfristig mit Strom eindecken, den sie in den nächsten Stunden oder Tagen verbrauchen. Auch bei den Preisen am Terminmarkt ist eine massive Erhöhung zu beobachten. Dort sichern sich Verbraucher Elektrizität, die ihnen erst in den kommenden Quartalen oder spätestens in drei Jahren geliefert wird.
«Die gegenwärtigen Preise tun weh»
René Baggenstos vom Energiedienstleister Enerprice bestätigt den Preisschub. «Wir sprechen im Vergleich zum Frühling von einer Verdoppelung der Preise am Strommarkt», erklärt er. Das lasse sich zwar nicht mit der Situation nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs vergleichen, als sich die Preise verzehnfachten. Der Druck auf die Grossverbraucher steige aber spürbar. «Die gegenwärtigen Preise sind nicht unmittelbar existenzbedrohend, aber sie tun weh.»
Entsprechend gross ist die Verunsicherung in der Schweizer Wirtschaft. Bei Enerprice laufen die Telefone der Berater heiss. «Es melden sich Unternehmen querbeet – von Logistikfirmen über Hotels bis hin zu Industrieunternehmen», berichtet Baggenstos. Sie können ihren Strom im Gegensatz zu den kleinen Konsumenten auf dem freien Markt einkaufen.
Einige Firmen haben dabei aus den Preissteigerungen der Vergangenheit offenbar keine Lehren gezogen. Laut Baggenstos rufen teilweise genau dieselben Unternehmen an wie schon in der vom Angriff Russlands verursachten Energiekrise vor vier Jahren. Sie hätten sich in der Zwischenzeit nicht um die strategische Energiebeschaffung gekümmert und seien nun wieder in derselben misslichen Situation. «Wer seine Energie nicht vorausschauend beschafft, hat jetzt ein Problem», sagt Baggenstos.
Fehleinschätzung des Marktes
Experten wunderten sich schon seit längerem über die trotz Kriegen und Krisen lange Zeit stabilen Energiepreise an Europas Märkten. Laut Dominik Wipfli von Ompex lag das an einer Fehleinschätzung vieler Marktteilnehmer. Die meisten Akteure gingen davon aus, dass sich die Situation im Nahen Osten innerhalb einiger Wochen oder höchstens Monate wieder beruhigen werde.
Doch diese Hoffnung hat sich zerschlagen. Mit der Sperrung der Strasse von Hormuz fielen auf einen Schlag rund zwanzig Prozent der Kapazitäten für den Export von verflüssigtem Erdgas weg. Dass nun die Erdgaspreise steigen, hat auch direkte Auswirkungen auf den Strommarkt, wie Dominik Wipfli von Ompex erklärt: «Der Gaspreis ist der wichtigste Treiber für den Strommarkt.»
Der Grund liegt in den Spielregeln der Strombörse: Verbraucht Europa mehr Strom, als Quellen wie Kohle- und Kernkraftwerke oder Sonne und Wind liefern können, müssen Gaskraftwerke zugeschaltet werden. Da an der Börse immer das teuerste benötigte Kraftwerk den Preis für den gesamten Markt bestimmt, zieht teureres Gas den Strompreis automatisch mit nach oben.
Ein weiterer Grund für die gestiegene Nervosität an den Märkten sind die tiefen Energiereserven. «Die Gasspeicher in Europa sind für diese Jahreszeit auf einem historischen Tiefstand», hält Wipfli fest. Anders als im Krisenjahr 2022 habe die Politik bisher aber auf staatliche Eingriffe verzichtet, um sie für die kalte Jahreszeit zu füllen.
Weiter verschärft wird die Lage durch die Trockenheit, die zu tiefen Pegelständen in den Flüssen und den Speicherkraftwerken führt. Für den bevorstehenden Winter birgt das erhebliche Risiken. Zwar sei die Verfügbarkeit der französischen Atomkraftwerke derzeit gut, sagt Wipfli. Doch die Vergangenheit habe gezeigt, wie schnell sich dies ändern könne. Komme es zu Ausfällen bei den französischen Kernkraftwerken oder einer ausgeprägten Kältewelle, «könnte sich die Preissituation nochmals deutlich verschärfen».
Problem für die Industrie
Für die Schweizer Industrie ist der heftige Preisanstieg ein gravierendes Problem. Laut Jean-Philippe Kohl vom Branchenverband Swissmem ist Strom für viele Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ein relevanter Kostenfaktor. Für vierzig Prozent ist er gar standortrelevant: Steigen die Preise dauerhaft zu stark, müssen sich diese Unternehmen eine Verlagerung von Teilen der Produktion ins Ausland überlegen.
Viele Firmen spüren den Anstieg derzeit noch nicht in voller Härte, weil sie ihren Bedarf strukturiert und über Jahre gestaffelt im Voraus beschaffen. «Wer hingegen jetzt am Spotmarkt einkaufen muss, den trifft es direkt», sagt Kohl.
Weil sich gegen Preisanstiege an den internationalen Märkten nichts ausrichten lässt, will der Industrieverband an einem anderen Punkt ansetzen: bei den Kosten für das Stromnetz. Sie können für Schweizer Unternehmen bis zur Hälfte der gesamten Stromkosten ausmachen, wie Kohl erklärt. Weil die Netzgebühren staatlich reguliert sind, lässt sich politisch etwas gegen sie ausrichten.
Swissmem fordert darum, die Netzkosten verursachergerechter zu verteilen – zahlen soll, wer die Kosten auslöst. Hintergrund ist der Umbau des Energiesystems: Weil unzählige neue Solaranlagen oder künftig Windräder Strom produzieren sollen, müssen vor allem die lokalen Verteilnetze in den Quartieren und Dörfern massiv verstärkt werden. Dafür sieht sich die Industrie ungerechtfertigt zur Kasse gebeten. «Viele Industriebetriebe müssen die höheren Kosten für diesen Netzausbau mittragen, obwohl sie ihn gar nicht verursacht haben», kritisiert Kohl.
Keine Entlastung in Sicht
Dass der Industrieverband die Netzkosten ins Visier nimmt, kommt nicht von ungefähr: An den Strombörsen zeichnet sich mittelfristig keine Entlastung ab. Laut Dominik Wipfli von Ompex ist in den vergangenen Wochen «die Angst gestiegen, dass die Preise noch bis Ende 2028 auf einem deutlich höheren Niveau bleiben werden». Damit sich die Lage auf dem Weltmarkt wieder entspanne, brauche es zwingend eine stabilere Situation im Nahen Osten. Doch das sei momentan leider nicht absehbar.
Auch laut René Baggenstos von Enerprice ist eine Rückkehr zu einem deutlich tieferen Preisniveau auf absehbare Zeit nicht realistisch. Neben den ungelösten geopolitischen Konflikten spreche auch die steigende Nachfrage gegen tiefere Tarife. Der künftige Mehrbedarf an Strom infolge der weltweiten Dekarbonisierung und des Booms energiehungriger Rechenzentren dürfte das Preisniveau laut Baggenstos weiter antreiben.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jürg Meier
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