Strom sparen, bei den Eltern wohnen, ewig arbeiten: Die hohen Lebenshaltungskosten sind das bestimmende Thema der Midterms – drei Amerikaner erzählen

Die Wähler in den USA leiden unter steigenden Preisen. Der Krieg in Iran und Trumps Handelskriege haben die Preise für Benzin, Flüge und unzählige Waren steigen lassen. Wir porträtieren drei Bürger.

02.11.2026, 15.57 Uhr

8 Leseminuten


DANVILLE, PENNSYLVANIA, UNITED STATES - 2026/10/19: An American flag is displayed at a gas pump at a Giant grocery store. (Photo by Paul Weaver/SOPA Images/LightRocket via Getty Images)

DANVILLE, PENNSYLVANIA, UNITED STATES - 2026/10/19: An American flag is displayed at a gas pump at a Giant grocery store. (Photo by Paul Weaver/SOPA Images/LightRocket via Getty Images)

Paul Weaver / Sopa / LightRocket /  Getty

Die Wirtschaft ist das alles dominierende Thema bei den diesjährigen Zwischenwahlen zum Kongress. Zwar treiben auch andere Sorgen die Amerikaner um, doch Republikaner und Demokraten sind sich gemäss Umfragen für einmal einig: Die Wirtschaftslage beschäftigt sie wie nichts anderes.

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Die Inflation ist in letzter Zeit wieder gestiegen, und zwar schneller, als dies die Löhne tun. Die Zinsen ziehen an, was Schulden teurer macht. Die Handelskriege von Trump haben den Import vieler Güter stark verteuert. Gleichzeitig treibt der Krieg mit Iran den Ölpreis in die Höhe, was wiederum die Kosten für Benzin, Heizöl und Flugtickets steigen lässt. Die Unzufriedenheit darüber spielt den Demokraten in die Hände: Stimmen die Prognosen, dürften sie bei den Zwischenwahlen das Repräsentantenhaus und vielleicht auch den Senat zurückgewinnen.

«Affordability», also die Erschwinglichkeit des täglichen Lebens, ist für viele Amerikaner zum echten Problem geworden. Viele leiden unter Geldsorgen, wie Umfragen zeigen. Wie sich dies im Alltag konkret spiegelt, erklären drei Wähler aus verschiedenen Ecken des Landes im Gespräch.

Für Randy Lyman, 66, aus Oakland ist die Rente in weiter Ferne

Randy Lyman lebt alleine im kalifornischen Oakland.

Randy Lyman lebt alleine im kalifornischen Oakland.

NZZ

Früher dachte Randy Lyman immer, er werde mit 66 Jahren bestimmt schon im Ruhestand sein. Doch seine laufenden Kosten sind heute viel zu hoch, als dass er es sich nun leisten könnte, nicht mehr zu arbeiten.

Lyman wohnt in einer kleinen Wohnung in Oakland, auf der anderen Seite der San Francisco Bay. Die Lage ist zentral, doch das ganze Haus ist in schlechtem Zustand. Auch den Eigentümern fehlt das Geld zum Renovieren.

Im Alltag belasten ihn einerseits die Kosten für Essen: Ein Burrito – das inoffizielle Nationalgericht Kaliforniens – kostete früher ein paar Dollar, definitiv unter 10 Dollar. Heute sind es selbst in der Arbeiterstadt Oakland 20 Dollar. «Das ist doch unvorstellbar!», sagt er, auf der Couch in seinem Wohn- und Arbeitszimmer sitzend. Lebensmittel generell seien enorm teuer geworden, und ein Kaffee koste nun 6 oder 7 Dollar. «Ich mache mir den jetzt immer zu Hause.»

Hinzu kommen die Kosten für Lymans laufende Schulden. «Als ich während der Pandemie meinen Job verlor, musste ich meine Kreditkarten überziehen. Auch meine Einkommenssteuern konnte ich nicht zahlen. Ich musste also Schulden aufnehmen.» Auf diese zahle er nun mehr als 20 Prozent an Zinsen. «Das belastet mich noch mehr als die laufenden Kosten für das Essen.» Er schaffe es kaum, die Schulden selbst abzustottern, weil die Zinsen so hoch seien.

Auch das Benzin sei enorm teuer geworden, erzählt er: im Vergleich zum Januar ein Dollar mehr pro Gallone. «Mein Auto müsste eigentlich repariert werden», erzählt er, «aber das wären mehrere tausend Dollar, die ich nicht habe.»

Auch die Zähne würde er sich gerne behandeln lassen, sagt er, aber auch das müsse er aufschieben. Wie die meisten Amerikaner über 65 ist er über die staatliche Krankenversicherung Medicare versichert, aber die decke diese spezielle Zahnbehandlung nicht ab.

Medicare sei insgesamt jedoch eine enorme finanzielle Erleichterung für ihn, sagt Lyman. Das habe seine Krankenversicherungskosten enorm gesenkt. Davor war er als Selbständiger am freien Markt krankenversichert, zu enorm hohen Prämien. «Noch dazu hatte ich immer Angst, dass mir etwas passiert, weil der Selbstbehalt so hoch gewesen wäre. Insgesamt bin ich aber zum Glück bei guter Gesundheit und auch fit.»

Lyman sagt, dass er sich den Ruhestand nicht leisten könne, weil er in jüngeren Jahren nicht richtig vorausgeplant habe. «Das habe ich weder von meinen Eltern noch in der Schule gelernt und zu spät im Leben gemerkt.» Er studierte Theaterwissenschaften an einer kalifornischen Uni und finanzierte sich das Studium alleine, fast ohne Studienschulden aufnehmen zu müssen. «Darauf bin ich enorm stolz.» Danach zog er nach Europa und wollte sich eigentlich in Deutschland niederlassen. Dort und später in Tschechien fand er Arbeit, unter anderem als freier Journalist. «Das war ein grosses Abenteuer», erinnert er sich lachend, «aber ich konnte nichts sparen und habe nie in eine staatliche Rentenversicherung oder eine berufliche Pensionskasse eingezahlt.»

Das tat Lyman erst, als er mit Anfang vierzig in die USA zurückkam. Hier arbeitete er für eine Gewerkschaft, legte Geld für die Rente beiseite und dachte, er könne mit 65 in den Ruhestand gehen.

Doch dann kam die Pandemie. Wie so viele Amerikaner verlor Lyman seinen Job und musste seine Rentenersparnisse anzapfen, um nicht auf der Strasse zu landen. Er fuhr ein paar Jahre für Uber, um sich über Wasser zu halten, doch auch Uber leistet keine Sozialbeiträge für seine Fahrer.

Heute hat er mehrere Standbeine: Als Digitalberater für Mittelständler macht er unter anderem Suchmaschinenoptimierung für seine Kunden. Er schreibt und redigiert Texte für eine Publikation. In der Summe reiche es gerade so, «aber wenn ich einen dieser Jobs morgen verliere, habe ich ein echtes Problem». Besonders jetzt, wo die Lebenshaltungskosten so gestiegen sind und die Zinsen für seine Schulden.

An den Ruhestand kann Lyman nicht denken. «Ich habe mich mit dem Gedanken abgefunden, dass ich immer arbeiten werde. Ich versuche, das Beste daraus zu machen», sagt Lyman und wirkt dabei kein bisschen verbittert.

Aber es bestätige seine politische Überzeugung: «Die Republikaner helfen uns in der Mittelklasse nicht, und es verstärkt meine Wut auf die Wohlhabenden im Land, auf die Banker und Tech-Milliardäre.» Deswegen werde er nicht nur für die demokratischen Kandidaten, sondern auch für die Milliardärssteuer in Kalifornien stimmen.

Carrie Leonard und Tom Witte steckten in der «amerikanischen Tretmühle» fest

Das Paar Tom Witte und Carrie Leonard träumt von einem Eigenheim.

Das Paar Tom Witte und Carrie Leonard träumt von einem Eigenheim.

PD

Für Carrie Leonard, 48, und Tom Witte, 55, war die Frage der Lebenshaltungskosten stets mit dem Häusermarkt verknüpft, wie für viele Amerikaner der Generation X. Das Paar lernte sich zur Zeit der Finanzkrise in New York bei der Arbeit für die animierte Fernsehserie «Wonder Pets!» kennen.

Carrie hatte zuvor in North Carolina ein Studium für Fotojournalismus abgeschlossen. Tom hatte in seiner Heimatstadt Seattle als Animator und Bewegtbild-Designer gearbeitet, etwa für ein Computerspiel-Studio. Aber in New York waren die meisten Jobs.

Das Paar lebte lange in Astoria, einem multikulturellen Quartier in Queens mit moderaten Mieten. Sie arbeiteten in kreativen Berufen, bauten Freundschaften auf und genossen es, ohne Auto in der Stadt unterwegs zu sein. «Doch weil die Stellen als Freelancer befristet sind, verwendet man sehr viel Energie darauf, stets den nächsten Job zu suchen und ein Netzwerk aufzubauen», sagt Carrie. Die Löhne in New York seien zwar gut, aber die Mieten und Lebenshaltungskosten sehr hoch, so dass sie kaum Geld auf die Seite hätten legen können.

«Die amerikanische Tretmühle» nennt Tom ihre damalige Situation. Anstatt weiter fast 3000 Dollar Miete zu zahlen, wollten sie Eigenkapital für den Kauf eines Hauses in der Nähe von Seattle ansparen. Im Oktober 2021 zogen die beiden deshalb bei Carries Familie ein, in einem Vorort von Youngstown, Ohio. Es war als temporäre Lösung für ein paar Monate gedacht.

Carrie hatte kurz zuvor ihre Stelle als Produktfotografin verloren, an die die Krankenversicherung der beiden gekoppelt war. Tom verfügte zu dieser Zeit als Freelancer noch über ein gutes Einkommen, weil die Studios zu Beginn der Pandemie viel Geld in neue Shows investiert hatten. Ende 2021 kehrte der Trend abrupt. Die Unterhaltungs- und Medienbranche reagierte mit Sparprogrammen – auch Tom ging die Arbeit aus. Das Paar schob die Pläne für den Kauf eines Eigenheims auf die lange Bank und blieb bis auf weiteres bei der Familie nahe Youngstown. Dort leben sie heute, fünf Jahre später, noch immer.

In letzter Zeit hat Tom wieder etwas mehr Aufträge erhalten, und Carrie arbeitet als Geschäftsführerin für ein nicht gewinnorientiertes Künstlerhaus in Youngstown. Die Lebenshaltungskosten bleiben aber ein ständiges Thema. «Eine Zweizimmerwohnung kostet in Ohio keine Million Dollar wie in New York», sagt Carrie, aber Nahrungsmittel seien ähnlich teuer. Zudem mussten sie sich ein Auto zulegen, um mobil zu bleiben. Benzin habe in letzter Zeit oft fast 5 Dollar pro Gallone gekostet, und auch die Autoversicherung sei nicht billig.

Die beiden organisierten ihre Krankenversicherung über Obamacare, den unter Präsident Barack Obama eingeführten staatlich regulierten Marktplatz. Der Staat hat das Modell für grosse Teile der Bevölkerung subventioniert, der republikanisch dominierte Kongress kürzte 2025 diese Gutschriften jedoch; auch für Carrie und Tom schnellten die Versicherungskosten in die Höhe.

Die vergangenen zwei Jahre haben ihre politischen Ansichten nicht gross verändert. «Trump ist nicht die Ursache, sondern nur das jüngste Symptom», sagt Tom, der sich als Sozialist bezeichnet und auch gegenüber dem Establishment der Demokraten kritisch eingestellt ist. Politiker wie Bernie Sanders und nun Abdul El-Sayed, der demokratische Senatskandidat in Michigan, seien jetzt aber auf die wichtigen Themen fokussiert. «Es braucht mehr Leute wie sie, die aufzeigen, dass der Kaiser keine Kleider trägt.»

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Noel Lisojo verwendet nur noch abends Elektrogeräte

Der gebürtige Puerto-Ricaner Noel Lisojo leidet unter den hohen Kosten in den USA: Er verwendet elektronische Geräte möglichst abends oder nachts, weil dann der Strom günstiger ist.

Der gebürtige Puerto-Ricaner Noel Lisojo leidet unter den hohen Kosten in den USA: Er verwendet elektronische Geräte möglichst abends oder nachts, weil dann der Strom günstiger ist.

Henry Hung für NZZ

«Meine Familie leidet sehr unter den hohen Preisen. Es ist einfach alles teurer geworden. Wir gehen jeden Tag zur Arbeit und arbeiten hart. Aber wenn wir nach Hause kommen und unsere Rechnungen bezahlen müssen, bleibt kaum noch etwas übrig. Strom, Heizöl, Lebensmittel, Versicherungen, sogar Kleidung – alles ist teuer.»

Noel Lisojo steht vor dem Billigsupermarkt Little Apple in Allentown, Pennsylvania, und bewacht den mobilen Verkaufsstand seiner Frau Katie Perez. Sie ist Versicherungsmaklerin und vermittelt staatlich subventionierte Krankenkassenpolicen an Kunden mit tiefen Einkommen. Sie macht gerade Pause. In dem Quartier der ehemaligen Industriestadt zwischen New York und Philadelphia leben viele Latinos, die den hohen Lebenskosten in den Metropolen entflohen sind und hier, im sogenannten Rostgürtel der USA, eine neue Heimat gefunden haben. Doch inzwischen sind auch hier die Preise gestiegen.

Der 60-jährige Lisojo ist in der amerikanischen Kolonie Puerto Rico geboren und ist deshalb Bürger der USA. Er zog 2009 von der Bronx in New York nach Allentown. Heute lebt er zusammen mit seiner Frau in einem kleinen Einfamilienhaus in der Vorstadt Whitehall. Der angestellte Sanitärtechniker hat zwei erwachsene Töchter und einen Stiefsohn.

«Es gibt hier in Allentown zwar viele Arbeitsplätze, aber nicht alle Unternehmen zahlen gute Löhne.» Viele Latinos hätten zwei oder sogar drei Jobs, aber trotzdem keine Krankenversicherung. In den USA bezahlen die Arbeitgeber den Löwenanteil der Prämien ihrer Angestellten, aber nur ab einem gewissen Pensum. Auch die staatliche Medicare reiche nicht für die Gesundheitsversorgung, sagt Lisojo: «Wir informieren die Leute über Zusatzleistungen zu Medicare. Mit der sogenannten ‹extra help› können Menschen bei den Medikamenten sparen. Denn diese sind inzwischen sehr teuer.»

Lisojo und seine Familie sind direkt von den hohen Lebenshaltungskosten betroffen: «Sie hängen mit den Problemen zusammen, die wir derzeit haben – mit dem Iran-Krieg und den Ölpreisen. Dadurch wird alles teurer. Wenn das noch länger so weitergeht, werden die Preise weiter steigen. Ich sehe, wie sehr die Menschen schon jetzt damit kämpfen, ihren Alltag zu bewältigen», sagt Lisojo, der sich als politisch nicht besonders bewandert beschreibt. «Aber wenn ich mich umhöre, sind viele nicht zufrieden mit der Regierung.»

Lisojo und seine Frau sparen, wo sie können, um über die Runden zu kommen: «Wir bleiben möglichst viel zu Hause und reduzieren so unsere Ausgaben. Wir suchen dringend eine günstigere Autoversicherung. Auch beim Strom versuchen wir zu sparen. Wir nutzen elektrische Geräte möglichst abends oder nachts, weil dann der Strom günstiger ist. Die Stromrechnungen sind schlimm.»

Auch bei den Lebensmitteln müssen sie jeden Cent umdrehen: «Wenn wir in den Supermarkt gehen, können wir nicht einfach kaufen, worauf wir Lust haben. Wir können unser Leben nicht mehr so geniessen wie früher, weil wir es uns einfach nicht leisten können», so Lisojos bitteres Fazit.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marie-Astrid Langer, Isabelle Jacobi, André Müller

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