Zwei Amerikas stehen sich gegenüber: Das eine jagt, das andere versteckt sich und hält den Atem an. Die Dokumentation «ICE - Von der Jagd auf Menschen» begleitet die US-Einwanderungsbehörde bei ihren Einsätzen und Menschen, die sich gegen ebenjene wehren.
Eine Million Abschiebungen pro Jahr
1500 Festnahmen pro Tag, tägliche Abschiebeflüge. Mehr als 713'000 irreguläre Einwanderinnen und Einwanderer hat das Ministerium für Innere Sicherheit im laufenden Jahr bereits abgeschoben. Zu ihm gehören ICE, die Zollbehörde sowie der Grenzschutz.
Das Budget von ICE hat sich innerhalb eines Jahres verdreifacht auf 75 Milliarden Dollar. Trumps Ziel: Eine Million Menschen jährlich abzuschieben.
ICE steht für Immigration and Customs Enforcement. Die US-Einwanderungsbehörde untersteht dem Ministerium für Innere Sicherheit (Department of Homeland Security). Beide wurden nach 9/11 gegründet mit dem Ziel, dschihadistische Netzwerke zu bekämpfen.
Wenige Wochen nach seiner Wiederwahl 2025 gibt Trump ICE praktisch freie Hand. Die Dokumentation formuliert es so: Von dem Moment an geht es nicht mehr darum, die Grenzen zu schützen. Es geht darum, das Land zu «säubern».
Wer ist das Ziel von ICE?
Zielgruppen sind Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere, die teils schon lange im Land leben, Menschen mit befristeten Visa, die Trump widerrufen hat und Asylsuchende mit hängigen Verfahren, die eine Straftat begangen haben. Doch fast 70% der Verhafteten haben keine strafrechtliche Verurteilung.
Die Regierung schickt ICE vor allem in demokratische Hochburgen. Im Dezember 2025 gerät Minneapolis ins Visier. Der Einsatz wird der grösste der Geschichte. 3000 Einsatzbeamte rücken an.
Familien werden zerrissen
Familie Cepeda lebt seit 20 Jahren in Minneapolis. Die Eltern haben einen laufenden Antrag auf Einbürgerung, Vorstrafen haben sie keine. Ihre drei Kinder wurden in den USA geboren. Als der Mann eines Morgens zur Arbeit gehen will, wird er verhaftet und abgeschoben. Die Mutter ist zu dem Zeitpunkt schwanger, der Mann erlebt die Geburt seiner Tochter nicht. Chancen auf eine Rückkehr in die USA hat er praktisch keine.
Sohn Hamza sagt im Film: «Das Einzige, woran ich denke, ist, meinen Papa wiederzufinden», sagt Sohn Hamza unter Tränen Wie ihm geht es vielen: Von 145'000 Kindern wurde ein Elternteil von ICE verhaftet.
Der Kampf der «legal observers»
Minneapolis reagiert mit Widerstand. Der damalige ICE-Direktor Todd Lyons formuliert es so: «Wir arbeiteten noch nie in einem so feindseligen Umfeld.»
Mehrere tausend Menschen sind als «legal observers» unterwegs in den Quartieren und halten Ausschau nach zivilen ICE-Beamten. Sehen sie etwas Verdächtiges, dokumentieren sie es und alarmieren ihr Netzwerk. Das gilt als legal, solange die Arbeit der Beamten nicht behindert wird.
Genau bei dieser Arbeit wurde Renée Nicole Good von ICE erschossen. Drei Kugeln durch die Windschutzscheibe töteten die 37-Jährige. Die Tat wurde als Selbstverteidigung des Beamten gerechtfertigt. Dieser kam nie vor Gericht und wurde nie bestraft.
Angriff auf die Demokratie
«Die Regierung wollte in Minneapolis ein Exempel statuieren», sagt Bürgermeister Jacob Frey. Es sei darum gegangen, Vergeltung an einer demokratischen Stadt und einem demokratischen Bundesstaat zu üben und eine Botschaft zu senden.
Wo ICE Razzien durchgeführt hat, bleibt Angst zurück. Eltern trauen sich nicht mehr auf den Spielplatz oder ihre Kinder in die Schule zu bringen.
Für Jonathan Blitzer, Journalist beim «The New Yorker», ist klar: «Jedes Regime, das die Demokratie angreifen will, beginnt damit bei der Einwanderung.» Dort würden die Regierungen testen, wie weit sie gehen können. Und dass das ziemlich weit ist, zeigt «ICE - Von der Jagd auf Menschen».
Source: SRF · 07.11.2026, 08:57
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