Strassenschlachten und rekordhohe Schulden: Die Märkte verlieren das Vertrauen in Frankreich
Internationale Investoren sehen das Land derzeit kritischer als Italien oder Griechenland. Die Renditen französischer Staatsanleihen, ein Risikoindikator, notieren auf dem höchsten Stand seit 2002.
20.10.2026, 16.00 Uhr
4 Leseminuten
Zerstörtes Schaufenster eines Lacoste-Geschäfts auf den Champs-Élysées.
Stephanie Lecocq / Reuters
Die Bilder aus den französischen Städten erinnern an einen Bürgerkrieg. Sie gehen via Nachrichtensendungen um die Welt und damit auch in die Handelsräume der Finanzinstitute. Die politischen Unruhen, die sich in den Ausschreitungen spiegeln, kommen zum wirtschaftlichen Malaise des Landes hinzu. Deshalb nehmen an den Finanzmärkten die Sorgen zu, dass sich Frankreich immer mehr zum Krisenherd Europas entwickelt und andere Länder der Euro-Zone schlimmstenfalls mit ins Elend reisst.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Rekordhohe Schulden über 3,6 Billionen Euro
Obwohl die Nacht auf Dienstag vergleichsweise ruhig blieb, stiegen die Renditen für zehnjährige französische Staatsanleihen am Dienstag auf fast 5 Prozent. Das ist der höchste Wert seit dem Jahr 2002. Internationale Anleger verlangen also eine immer höhere Rendite für die Bereitschaft, noch französische Staatsanleihen zu kaufen. Derzeit schätzen sie die Risiken einer Investition in sogenannte Obligations assimilables du Trésor (OAT) des Landes deutlich höher ein als in Staatsanleihen von Italien und Griechenland.
Das zeigt sich auch in den Renditedifferenzen gegenüber deutschen Staatsanleihen, die in Europa als besonders sicher gelten. Ihr Risikoaufschlag ist auf über 1,5 Prozentpunkte gestiegen, den höchsten Wert seit der europäischen Staatsschuldenkrise. Die Aufschläge für erheblich stärker verschuldete Länder wie Italien und Griechenland notieren mit 1,2 und 1 Prozentpunkten deutlich tiefer.
Angesichts der rekordhohen absoluten Staatsschulden in Höhe von 3,6 Billionen Euro wiegt der Anstieg der Renditen für französische Anleihen besonders schwer, da sie die Kreditaufnahme verteuern und die Schulden tendenziell weiter in die Höhe treiben. Die Entwicklung belastet bereits den Euro. In den vergangenen Wochen hat die europäische Gemeinschaftswährung zum Dollar gut 4 Prozent und zum Franken mehr als 3 Prozent an Wert eingebüsst.
An den Finanzmärkten ist Vertrauen ein scheues Reh, es ist also schnell verschwunden. Die hohe Staatsverschuldung, das überbordende Haushaltsdefizit von weit mehr als 5 Prozent und das schwache Wachstum haben in Kombination mit der politischen Instabilität dafür gesorgt, dass Frankreich nun das Sorgenkind der Euro-Zone ist. Die Verschuldungsquote hat gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) seit dem Jahr 2019 von 98 Prozent auf derzeit knapp 120 Prozent zugelegt.
Die Ökonomen der niederländischen Bank ING rechnen damit, dass die Schuldenquote im kommenden Jahr bereits 122 Prozent erreichen wird. Sie verschlechtert sich damit nicht nur absolut, sondern auch relativ, da sie sich immer mehr von der deutschen Schuldenquote von 64 Prozent per Ende 2025 entfernt und der italienischen von 137 Prozent annähert.
Paris mit unrühmlicher Tradition hoher Schulden
Frankreich blickt auf eine unrühmliche Tradition von Haushaltsdefiziten und übermässigen Staatsschulden zurück. Laut der Deutschen Bank ist es dem Land in den vergangenen zweihundert Jahren selten gelungen, einen Haushaltsüberschuss zu erzielen. Seit 1974 generieren Regierungen durchgehend Haushaltsdefizite, das ist eine der global längsten Serien.
Die Maastricht-Kriterien eines Haushaltsdefizits von maximal 3 Prozent und einer Schuldenquote von höchstens 60 Prozent, welche die Stabilität der Währungsunion sicherstellen sollten, hat Frankreich seit Einführung des Euro fast nie eingehalten.
Zwar ist Frankreich noch lange kein zweites Griechenland. Doch die wirtschaftlichen Kennzahlen verschlechtern sich zunehmend. An den Finanzmärkten gehen viele Beobachter allerdings davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) dem Land im Notfall mit Staatsanleihekäufen zur Hilfe eilen wird. Allerdings liegt die Inflation in der Euro-Zone mit derzeit 3,8 Prozent deutlich höher als in früheren Phasen, in denen die EZB Staatsanleihen erworben hat.
Voraussetzung für Hilfe durch die EZB ist jedoch, dass die französische Politik versucht, die Finanzprobleme in den Griff zu bekommen und das Haushaltsdefizit zu senken. Allein, um das für 2027 drohende Defizit auch nur auf noch immer viel zu hohe 5 Prozent zu senken, müsste die Regierung Einsparungen über rund 43 Milliarden Euro vornehmen.
Die Opposition könnte die Regierung wieder stürzen
Angesichts der Präsidentschaftswahlen im April und der derzeitigen Gewaltexzesse von offenbar überwiegend extremistischen linken Gruppen und migrantischen Milieus aus den Banlieues hat die Opposition im Parlament kaum Anreize, der Minderheitsregierung von Premierminister Sébastien Lecornu beim Sparen zu helfen.
Zwar könnte die Regierung das Parlament umgehen. Doch dann könnte die Opposition mit einem Misstrauensantrag reagieren und die Regierung stürzen, wie es seit 2024 bereits zweimal geschehen ist. Das wiederum würde die Verabschiedung eines Haushalts für 2027 weiter verzögern und die Finanzmärkte zusätzlich beunruhigen.
Seit Montagabend hat sich die Lage auf Frankreichs Strassen immerhin deutlich beruhigt. Für die Nacht auf Dienstag hatte Premierminister Sébastien Lecornu Ausgangssperren verhängt. Diese galten in Teilen von Paris und Lyon sowie in mehreren weiteren Städten. «Die gezielten Ausgangssperren haben dazu beigetragen, dass die Nacht ruhig verlief», schrieb Lecornu am Dienstagmorgen auf X. Er dankte den Polizisten, Gendarmen und Präfekten für ihren Einsatz.
Für die Nacht auf Mittwoch kündigte Lecornu erneute Beschränkungen für diejenigen Orte an, wo es die Lage erfordert. Die Entscheidung würden die Präfekten in Abstimmung mit den Bürgermeistern treffen. In Marseille soll am Dienstag um 22 Uhr eine Ausgangssperre für Minderjährige in Kraft treten, die mindestens bis Freitag gilt. Innenminister Laurent Nuñez versprach für die nächste Demonstration am Samstag zusätzliche Polizisten.
Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Rasch, Anne Allmeling
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira