Sound-Abmischung im Auto – die Luxuslimousine wird zum Tonstudio

Früher reichte eine Musikkassette zum Testen. Heute feilt der Produzent Daniel Grunenberg im Fahrzeug mit dem Soundsystem Dolby Atmos am perfekten Klang des neuen Albums der Band Glasperlenspiel.

Fabian Hoberg23.10.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Wer heute ein Studioalbum abmischt, tut dies oft direkt im Auto mit Dolby Atmos.

Wer heute ein Studioalbum abmischt, tut dies oft direkt im Auto mit Dolby Atmos.

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Die Tür der Mercedes-Maybach-S-Klasse fällt leise ins Schloss. Draussen in Berlin rauscht der Verkehr, irgendwo hupt ein Lieferwagen. Drinnen herrscht eine andere Welt. Daniel Grunenberg von der Band Glasperlenspiel sitzt auf dem Rücksitz, klappt seinen Laptop auf und startet einen neuen Track. Sekunden später schiebt sich ein Beat durch den Innenraum – erst sanft, dann mit voller Wucht. Eine Snare knallt präzise von links hinten, Synthesizer schweben über den Köpfen, der Bass pulsiert tief aus den Sitzen. Die Limousine wird zum mobilen Tonstudio.

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«Lalisa» vom aktuellen Glasperlenspiel-Album läuft in einer frühen Dolby-Atmos-Version. Daniel hört zu und verändert per Touchpad kleine Details im Mix: Die Stimme etwas weiter nach vorne, mehr Raum auf den Flächen. Was er früher ausschliesslich im Tonstudio erledigte, meistert er jetzt auf dem Rücksitz einer Luxuslimousine. Mercedes nennt das Projekt «Crafted in a Mercedes».

Grunenberg verbindet Technik mit Musikleidenschaft

Dass wirkungsvoller Sound für ihn wichtig ist, lernte der Musikproduzent Daniel Grunenberg früh. Musik und Technik faszinierten ihn bereits als Kind. Mit zehn Jahren lernte er das Klavierspielen, experimentierte gleichzeitig mit Computern und programmierte erste Sounds auf einem Atari ST. Schnell entdeckte er, wie eng Technik und Musik zusammengehören.

Mit fünfzehn Jahren testete er seine ersten Produktionen im Auto seiner Eltern. «Der Klang im Auto war für mich immer wichtig», sagt er. Sein erstes eigenes Fahrzeug war später ein Volkswagen Up mit grossem Soundsystem von Fender. Für Daniel bleibt das Auto bis heute ein entscheidender Referenzraum beim Produzieren.

Musikalisch prägen ihn elektronische Künstler wie Depeche Mode oder Daft Punk. Früh spielte er in Schülerbands, experimentierte mit Synthesizern und produzierte eigene Tracks. 2005 lernte er Carolin Niemczyk kennen. Beide verfolgten dieselbe Idee: Musik soll mehr werden als ein Hobby. Gemeinsam gründeten sie Glasperlenspiel. 2010 unterschrieb das Duo seinen ersten Major-Deal, schaffte den endgültigen Durchbruch mit dem Hit «Geiles Leben». Der Song entwickelte sich zu einem der grössten deutschsprachigen Pop-Hits der 2010er Jahre. Millionen Menschen streamten die Single, Festivals buchten Glasperlenspiel, Radiosender spielten ihren Song in Dauerschleife.

Daniel Grunenberg ist ein Soundtüftler der ersten Stunde. Für ihn muss Musik auch im Auto ihre volle Wirkung entfalten.

Daniel Grunenberg ist ein Soundtüftler der ersten Stunde. Für ihn muss Musik auch im Auto ihre volle Wirkung entfalten.

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Spezialisiert hat sich Grunenberg auf ein spezielles Soundsystem namens Dolby Atmos. Seit Dolby das immersive Audioformat 2012 erstmals im Kino einführte, hat sich die Art verändert, wie Menschen Filme und Musik wahrnehmen. Heimkinos folgten schnell, später Streamingdienste und schliesslich Autos.

Anders als klassische Stereosysteme verteilt Dolby Atmos Klang nicht nur auf feste Kanäle, sondern arbeitet mit sogenannten Audio-Objekten. Dadurch lässt sich jedes einzelne Instrument frei im Raum positionieren. Stimmen kommen nicht mehr nur von vorne, sondern scheinen sich dreidimensional durch den Innenraum zu bewegen. Gitarren schweben über den Köpfen, Perkussionselemente kreisen um den Zuhörer.

Wer so hört, konsumiert nicht nur Musik, sondern taucht direkt in die Produktion ein. Zuhörer sitzen nicht mehr vor der Musik, sondern mitten in ihr. Streamingdienste wie Apple Music, Amazon Music oder Tidal treiben die Entwicklung massiv voran. Nahezu alle grossen Künstler veröffentlichen ihre Musik inzwischen zusätzlich in Atmos-Versionen. In manchen Märkten liegt der Anteil bereits bei bis zu 90 Prozent.

Mithilfe dieser Technik entdecken Autohersteller das Auto als idealen Hörraum neu. Rund 30 Marken bieten gegenwärtig Soundsysteme an, die Dolby Atmos wiedergeben können. Neben Mercedes gehören dazu unter anderem BMW, Audi, Cadillac, Porsche oder Volvo. Aber auch in Modellen von Lucid, Liauto, Lotus, Nio, Polestar, Volvo und Zeekr lässt sich je nach Ausstattung der Atmos-Sound erleben.

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Mercedes geht einen Schritt weiter. Statt Musik nur abzuspielen, öffnete der Hersteller seine Fahrzeuge 2022 erstmals für Toningenieure. In Los Angeles, Japan, Grossbritannien und Deutschland baute Mercedes spezielle Prototypen. Musiker arbeiten seither darin direkt an ihren Songs und verfeinern den Klang.

Musiker und Produzenten verbinden ihren Laptop mit dem Fahrzeug und greifen auf das Soundsystem zu. Das Auto funktioniert dabei wie eine externe Soundkarte. Der Unterschied zu einer gewöhnlichen Hi-Fi-Anlage ist enorm: 31 Lautsprecher, zusätzliche Exciter in den Sitzen und eine präzise Akustik erzeugen einen dreidimensionalen Klangraum. Das System erinnert eher an ein hochwertiges Mastering-Studio als an ein Automobil.

Das Auto ist zum Konzertsaal geworden

Musiker probieren ihre Songs schon seit Jahrzehnten im Auto aus. Früher wanderten Kassetten in den Autoradioschacht, später CD und irgendwann MP3-Dateien oder Streaming-Playlists. Denn kaum ein Ort zeigt so unverblümt, wie ein Song im Alltag tatsächlich klingt. Millionen Menschen hören Musik unterwegs über Kopfhörer, Bluetooth-Boxen – oder eben im Auto. Genau deshalb testen Produzenten ihre Tracks traditionell im Fahrzeug. Nur: Bisher blieb das ein letzter Kontrollschritt. Mercedes dreht den Prozess nun um: Das Auto wird Teil der Produktion.

Daniel Grunenberg hat die Abstimmung des neuen Glasperlenspiel-Albums mit Dolby Atmos im Auto verfeinert.

Daniel Grunenberg hat die Abstimmung des neuen Glasperlenspiel-Albums mit Dolby Atmos im Auto verfeinert.

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Ein Kabel verbindet den Laptop mit dem Fahrzeug. Sofort erkennt die Software die Anlage des Autos. «Damit kann ich direkt auf die Lautsprecher zugreifen und Beats in der Rohdatei anpassen», sagt Daniel Grunenberg. Der Musiker hört jede Veränderung unmittelbar im Raum. Einzelne Klangelemente schweben förmlich um den Kopf. Manche Sounds tauchen hinter dem Fahrer auf, andere breiten sich über die gesamte Kabine aus. Der Bass ist körperlich spürbar.

Grunenberg ist Produzent und Klangtüftler geblieben. Er hört obsessiv Musik, analysiert Produktionen und sucht ständig nach neuen Sounds. Künstler faszinieren ihn, die Technik kreativ einsetzen und neue Klangwelten erschaffen. Auch das neue Glasperlenspiel-Album entstand mit diesem Ansatz. Sauber abgemischt im Atmos-Tonstudio und verfeinert im Auto.

Selbst in Deutschland wächst die Nachfrage, obwohl Spotify den Markt dominiert und bislang kein echtes Atmos unterstützt. Dennoch produzieren Toningenieure weiterhin alle Songs konventionell in Stereo – speziell für Spotify und Radiostationen. Produzenten tüfteln anschliessend noch ein paar Stunden an einer Atmos-Version, für Kopfhörer, Heim-Soundsysteme – und eben Autos.

Mit der Software und der Automusikanlage lässt sich jeder Klang im Raum platzieren.

Mit der Software und der Automusikanlage lässt sich jeder Klang im Raum platzieren.

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Experten nutzen den Fahrzeugraum als Arbeitsplatz

Einer der Menschen hinter dem mobilen Studioprojekt ist der Toningenieur Eric Horstmann. Seit Jahren produziert er Musik in Dolby Atmos und gehört zu den erfahrensten Atmos-Experten Europas. Gemeinsam mit Daniel Grunenberg betreibt er in einem abgedichteten Raum ein eigenes Atmos-Studio mit einer professionellen 7.1.4-Anlage. Zwölf Lautsprecher bilden dort die Grundlage für immersive Produktionen.

Trotzdem sieht Horstmann im Auto längst mehr als nur einen Kontrollraum. «Das Auto wird neben dem Tonstudio zur zweiten Referenz», erklärt er. Ein Studio arbeite nahezu unter Laborbedingungen – perfekt abgestimmte Räume, exakt positionierte Lautsprecher und ideale Akustik bleiben wichtig. Mit dem Alltag der Hörer aber haben sie wenig zu tun. Im Auto zeigt sich sofort, ob ein Song die gewünschte Wirkung entfaltet. «Wir können die gleichen Tools aus dem Studio im Auto nutzen, dazu hochauflösende Tonspuren abspielen, das erleichtert die Arbeit», erklärt Eric Horstmann.

Kritisch bleibt der Bassbereich. Viele Autohersteller stimmen ihre Anlagen zu basslastig ab, wodurch Stimmen an Klarheit verlieren. Gerade bei Pop-Musik muss Gesang jedoch jederzeit verständlich bleiben. Deshalb reduzieren erfahrene Toningenieure tiefe Frequenzen oft bewusst. Neben guten Lautsprechern spielt dabei vor allem die Akustik des Innenraums eine entscheidende Rolle. In der S-Klasse absorbiert etwa der Alcantara-Dachhimmel störende Reflexionen und sorgt für einen sauberen Klang der Beats.

Moderner Luxus beginnt im Auto vielleicht nicht mehr beim Leder oder Holzdekor, sondern bei der Frage, wie gut ein Song klingt, wenn man im Fahrzeug Platz nimmt.

Eine Luxuslimousine wie die Mercedes-Maybach-S-Klasse kann auch als Tonstudio fungieren.

Eine Luxuslimousine wie die Mercedes-Maybach-S-Klasse kann auch als Tonstudio fungieren.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Fabian Hoberg

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