Sie werden in Israel oft übersehen. Nun könnten sie aber zu den Königsmachern werden: Die Palästinenser

Die Knessetwahlen haben mit einer Pattsituation geendet. Die Opposition kann nur mit der Hilfe der arabischen Parteien regieren. Wird sie das tun? Und wer sind überhaupt die Palästinenser in Israel? Die arabische Influencerin Yara Arar erzählt uns, was ihre Wünsche und Hoffnungen sind.

Quynh Tran01.11.2026, 05.30 Uhr

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An einer Demonstration fordern arabische Israeli, als gleichberechtigte Bürger in Israel leben zu dürfen.

An einer Demonstration fordern arabische Israeli, als gleichberechtigte Bürger in Israel leben zu dürfen.

Eyal Warshavsky / Sopa / Imago

«Das waren die anstrengendsten Wochen meines Lebens», erzählt Yara Arar mit heiserer Stimme. Unermüdlich hat die 20-jährige Studentin während des israelischen Wahlkampfs an die Türen ihrer Nachbarn geklopft, Flyer auf dem Campus der Tel Aviv University verteilt, bei Walla News, einem der reichweitenstärksten Online-Medien Israels, mit einer Wählerin des ultrarechten Politikers Itamar Ben-Gvir diskutiert und in Social-Media-Kanälen über ihr Leben als Minderheit in Israel gesprochen.

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Yara Arar ist eine neue Stimme in diesen Zeiten, in denen uralte Konflikte eine ganze Region traumatisiert haben: Denn sie ist eine Israelin mit Kopftuch. Sie gehört zur arabisch-palästinensischen Minderheit, die etwa zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung ausmacht. Es ist die grösste nichtjüdische Bevölkerungsgruppe im Land und zum grossen Teil die Nachkommenschaft jener Palästinenser, die im Zuge der Gründung des jüdischen Staats 1948 nicht vertrieben wurden oder geflohen sind. Nach Israel einwandern darf sonst in der Regel nur, wer jüdisch ist oder einen Israeli oder eine Israelin heiratet. Wenn über Israel gesprochen wird, wird wenig über diese Menschen gesprochen. Doch das ändert sich gerade.

Die Influencerin motivierte die Araber in Israel, zu wählen.

Die Influencerin motivierte die Araber in Israel, zu wählen.

Screenshot @yara.arar8 / Instagram

Denn ausgerechnet diese Palästinenser könnten nach dem Wahlausgang diese Woche das Zünglein an der Waage sein. Die überwiegend von ihnen gewählten arabischen Parteien – die Raam-Partei und die Joint List aus Chadash, Ta’al und Balad – haben 19 Sitze bekommen. Nur mit ihnen ist eine Mehrheit in der 120 Sitze starken Knesset möglich. Ausgerechnet die Palästinenser. Während die israelische Regierung trotz Waffenruhe weiter Krieg gegen die Palästinenser in Gaza führt und Siedler und Soldaten den Alltag der Palästinenser im Westjordanland bestimmen, könnten nun Palästinenser in Israel zu Königsmachern werden.

Ist die jüdische Opposition bereit, mit ihnen zu koalieren, um eine erneute Regierung unter Benjamin Netanyahu zu verhindern?

Mainstream ist gegen die Araber

Die Stimmung ist aufgeladen. Der scheidende rechtsradikale Polizeiminister Itamar Ben-Gvir brüstete sich noch am Wahlabend damit, eine Rekordzahl von Häusern arabischer Beduinen in der Negev-Wüste zerstört zu haben, rechte Demonstranten skandieren regelmässig «Tod den Arabern» auf Israels Strassen, und selbsterklärte israelische Menschenrechtsaktivisten können zu besten Sendezeiten im Fernsehen Verschwörungstheorien verbreiten, palästinensische Ärzte und Pflegekräfte würden «jeden Tag Juden in israelischen Krankenhäusern vergiften», ohne dass es irgendwelche Konsequenzen gibt.

All das gehört in Israel zum Mainstream, und das spürt auch Yara Arar, die zu der Generation gehört, die nach den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 zum ersten Mal wählen ging. Seit der brutalen Attacke der Terroristen hat sie immer mehr Hassrede von israelischen Politikern und Prominenten erlebt. Das hat sie aber nicht abgeschreckt. Sie hat schon in der Schule beschlossen, sich dagegen zu engagieren. Seit sie an der Tel Aviv University studiert und sich auch mehr ausserhalb der arabischen Orte bewegt, hat sie zwar jüdische Freunde und Kommilitonen. Aber sie spürt die Diskriminierung noch stärker am eigenen Leib. Sie wird an Sicherheitskontrollen, an denen ihre jüdischen Kommilitonen einfach vorbeilaufen, angehalten, in Bus und Bahn misstrauisch beäugt, teilweise auch verbal angefeindet, wenn sie Arabisch spricht.

Laut der Association for Civil Rights in Israel, der grössten unabhängigen Bürgerrechtsorganisation im Land, sind arabisch-palästinensische Bürger mit israelischer Staatsbürgerschaft in «fast allen Bereichen ihres Lebens mit Diskriminierung konfrontiert». Etwa sechzig Gesetze, darunter das Nationalstaatsgesetz, das dem jüdischen Volk das exklusive Recht auf nationale Selbstbestimmung im Staat Israel zuschreibt, diskriminieren nichtjüdische Bürger explizit. Sie sind weitgehend, aber nicht vollständig gleichgestellt.

Sie werden auch bei der Beschäftigung oder der Zuteilung von öffentlichen Geldern für Bildungseinrichtungen und Infrastruktur benachteiligt. Besonders gravierend aber zeigt sich die Ungleichstellung im Umgang mit der Bekämpfung von sogenannter «innerarabischer» Kriminalität. Dafür werden wenig Ressourcen zur Verfügung gestellt.

Erst im September hat Yara Arar eine Gewalttat in ihrem Heimatort Jaljulia miterleben müssen. Drei Bekannte in ihrem Alter wurden mutmasslich in ihrem Auto erschossen und verbrannt. «Das sind alles Menschen mit einer Geschichte und Träumen, deren Leben geraubt wurde», klagt sie. Der Vorfall ist bis heute nicht aufgeklärt, und die Bewohner werfen den Behörden vor, nichts zu machen.

«Wenn im Negev ein (Anm. der Redaktion: arabisches) Haus abgerissen wird, rücken ganze Heerscharen von Polizisten an. Aber wenn in unseren Strassen ein Mord geschieht, ist kein einziger Polizist weit und breit zu sehen», sagte der arabisch-palästinensische Knessetabgeordnete Ayman Odeh, und so ähnlich hört man es von vielen, wenn man über das Thema spricht. Allein 2025 gab es 241 Morde innerhalb dieser Gemeinden – mehr als 80 Prozent der Morde landesweit.

Ein Staat für alle?

Das und das brutale Vorgehen der Israeli im Westjordanland und im Gazastreifen haben die Wähler an die Urne getrieben, anteilsmässig ist die Wahlbeteiligung mit 80 Prozent diesmal sogar stärker als unter jüdischen Wählern.

«Vielen ist bewusst geworden, dass wir Teil der israelischen Gesellschaft werden und politisch mitwirken müssen, wenn wir etwas an unserer Situation ändern wollen», sagt Arar. Alle arabischen Parteien haben signalisiert, dass sie Teil eines Bündnisses mit der jüdischen Mehrheit sein wollen. Auch wenn manche unter ihnen dem Zionismus kritisch gegenüberstehen und teilweise «einen Staat für alle» ohne jüdische Dominanz wollen, muss jeder Knesset-Abgeordnete sich zur Existenz des Staates Israel als jüdischen und demokratischen Staates bekennen. Das machen die arabisch-palästinensischen Parteien. Die Entscheidung liegt nun bei der Opposition.

Yara Arar ist skeptisch, ob die progressive Joint List, die sie gewählt hat, Teil der neuen Regierung wird. «Aber die Wahl hat gezeigt, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind. Wir wollen gleiche Rechte, und solange Israel demokratisch sein will, kann es uns nicht ignorieren», sagt sie. An der Situation für Palästinenser in den besetzten Gebieten, so glaubt sie, werde sich so schnell nicht viel ändern. Doch langfristig sieht sie Hoffnung, wenn alle bereit sind, zusammenzuarbeiten.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Quynh Tran

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