Sich über Chinas Staatsmänner lustig zu machen, ist gefährlich – nicht nur für weltbekannte Sportler wie Mbappé
Ein taiwanischer Komiker macht Witze über Xi Jinping und wird auf seinem Roller von einem Auto angefahren. Was wie ein Unfall aussah, war offenbar eine geplante Attacke.
02.11.2026, 14.00 Uhr
5 Leseminuten
In Taiwan gibt es Millionen von Rollern und täglich Hunderte von Unfällen. Doch nicht alle sind echt.
Edgar Su / Reuters
Zuerst sah es nach einem ganz gewöhnlichen Unfall mit einem Roller aus, von denen es in Taiwan jeden Tag Hunderte gibt. Auf eine Bevölkerung von 23 Millionen kommen auf der Insel 14 Millionen Roller. Die allermeisten Unfälle machen keine Schlagzeilen.
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Dass jedoch am 11. September ein Rollerfahrer in einem Vorort der Hauptstadt Taipeh von einem Auto angefahren wurde, gibt zu reden. Die taiwanische Staatsanwaltschaft hat jüngst Anklage gegen fünf Männer erhoben, die den «Unfall» angeblich als Auftragsarbeit einer «feindlichen Macht» geplant und ausgeführt haben.
In China darf man sich nicht über Politiker lustig machen – in Taiwan schon
Das Unfallopfer heisst Huang Yi-hao, ein lokal bekannter Komiker. Huang tut in seinen Shows das, was Komiker gerne tun: Er nimmt Politiker auf die Schippe. Im Dezember letzten Jahres machte er sich im einem Comedy Club in Taipeh über Xi Jinping lustig, den Partei- und Staatschef Chinas.
Huang kritisierte Xis Allmacht und machte sich über dessen Aussehen lustig. Aufgrund seiner gedrungenen, rundlichen Statur verglich er Xi mit Pu dem Bären – eine Veräppelung des chinesischen Langzeitherrschers, die immer wieder gemacht wird. Die Comedy-Nummer mit dem Titel «Es macht mehr Spass, sich gemeinsam über Xi lustig zu machen, als alleine» dauerte knapp zweieinhalb Minuten. Online ging das Video des Auftritts viral.
In Taiwan werden Politiker tagtäglich scharf kritisiert und durch den Kakao gezogen. In China hingegen ist bereits sachliche Kritik an den Machthabern höchst riskant. Offenbar wurde das Video von Huangs Auftritt auf dem Festland wahrgenommen – und kam gar nicht gut an.
Ähnlich erging es jüngst dem französischen Fussballstar Kylian Mbappé. Er wurde von Chinas Regierung abgestraft, weil er sich über ein Meme lustig gemacht hatte, das seinen Kopf auf jenen eines «chinesischen Diktators» – vermutlich des Staatsgründers Mao Zedong – gesteckt hatte. Spiele mit ihm sind in China mittlerweile ausgesetzt, seine chinesischen Sponsoren haben gekündigt, Mbappé und sein Klub Real Madrid sahen sich zu einer Entschuldigung gezwungen.
Der Komiker Huang wurde jedoch sogar physisch attackiert. Im Mai wurde der Comedy Club in Taipeh, wo Huang Xi kritisiert hatte, mit Farben und Fäkalien beworfen – wenige Stunden vor einem neuen Auftritt Huangs. Die Staatsanwaltschaft von Taipeh hat Anklage gegen zwei Taiwaner erhoben, die den Anschlag angeblich im Auftrag eines chinesischen Staatsangehörigen durchgeführt haben.
Unfall von langer Hand geplant
Beim Angriff mit dem Auto im September gingen die Täter sehr systematisch vor. Sie platzierten einen GPS-Tracker an Huangs Roller, dank dem sie jederzeit wussten, wo sich das Gefährt befand. Am Tag des «Unfalls» passten sie den Komiker stundenlang ab – das liess sich mit Aufzeichnungen von Überwachungskameras nachweisen, die in Taiwan allgegenwärtig sind.
Den chinesischen Drahtzieher hinter der Attacke bezeichnet die Staatsanwaltschaft nur als «K». Er gehört offenbar nicht zu den Verhafteten. «K» soll dem Rädelsführer 450 000 Taiwan-Dollar, gut 11 000 Franken, versprochen haben, wenn die Gruppe beim «Unfall» Huangs Arme und Beine breche. Das Ziel sei gewesen, dass Huang nicht mehr auftreten könne. Als dieser aber weniger ernst verletzt wurde als erhofft, weigerte sich «K», mehr als die bereits geleistete Anzahlung von 250 000 Dollar zu bezahlen.
Die Staatsanwaltschaft erklärte, die Angeklagten hätten für eine feindlich gesinnte Kraft ausserhalb Taiwans gearbeitet. Ziel sei gewesen, unliebsame Meinungen zu unterdrücken, in der Gesellschaft Angst zu schüren und Taiwans Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu untergraben. Sie fordert für die Täter Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren.
Das offizielle China wehrt sich entschieden gegen die taiwanische Darstellung. Ein Sprecher der chinesischen Behörde, die für die Taiwan-Politik zuständig ist, warf am Mittwoch der taiwanischen Regierung vor, gegen China zu hetzen. Die regierende chinakritische Demokratisch-Progressive Partei (DPP) mache das jedes Mal vor Wahlen, um «durch Irreführung der taiwanischen Öffentlichkeit politische Macht zu erlangen». Am 28. November hält Taiwan Lokalwahlen ab.
Der Comedian Huang Yi-hao hat über Chinas Partei- und Staatschef gewitzelt und wurde dann auf dem Roller angefahren.
Huang Yi-hao / Facebook
Immer wieder werden Kritiker Chinas angegriffen
Allerdings ist es nicht der erste physische Angriff auf Kritiker Chinas in Taiwan, der chinesischen Drahtziehern zugeschrieben wird. Im Juli wurde in Taichung Akio Yaita, ein japanischer Journalist, der in Taiwan lebt, von einem Chinesen mit Hongkonger Pass attackiert. Der Täter wurde am Flughafen verhaftet, als er das Land verlassen wollte.
Mehrmals wurden auch Vertreter der Demokratiebewegung von Hongkong, die sich abgesetzt hatten, in Taiwan attackiert. Zum Teil gingen die Attacken auf das Konto krimineller Vereinigungen, die mit dem organisierten Verbrechen in China verbandelt sind. Anfang Oktober verhaftete das FBI in Los Angeles eine Chinesin, welche den Sohn des taiwanischen Präsidenten Lai Ching-te bespitzelt haben soll. Dieser lebt in den USA und ist nicht politisch aktiv.
Im August 2024 war bekannt geworden, dass das Haus des politischen Aktivisten und Experten für chinesische Einflussnahme, Puma Shen, mit einer versteckten Kamera überwacht wurde. Die Auftraggeber stammten aus Hongkong. Shen kandidiert gegenwärtig für die DPP für das Bürgermeisteramt von Taipeh.
Das alles passt in ein grösseres Bild: Die Kommunistische Partei verfolgt Kritiker auch ausserhalb der chinesischen Staatsgrenzen. Mehrmals wurden chinesische Dissidenten im Ausland entführt oder unter mysteriösen Umständen festgenommen. Später wurde ihnen in China der Prozess gemacht. Angehörige von Minderheiten wie den Tibetern oder Uiguren berichten regelmässig davon, dass sie bespitzelt und eingeschüchtert würden – auch in der Schweiz.
Drohung an alle Taiwaner
In Taiwan reagiert man besonders empfindlich auf die chinesischen Drangsalierungen, weil Peking die Insel als Teil seines Territoriums ansieht. Taiwans Aussenminister Lin Chia-lung erklärte am Mittwoch vor dem Parlament, Fälle wie jener von Huang zeigten, dass China versuche, «die persönliche Sicherheit der Menschen, die Meinungsfreiheit und die Widerstandsfähigkeit der demokratischen Gesellschaft zu untergraben».
Immer wieder drohen die chinesischen Machthaber, die Insel nötigenfalls mit Gewalt «heimzuholen». Gleichzeitig versucht Peking, die Taiwaner mit wirtschaftlichen Vorteilen davon zu überzeugen, sich freiwillig mit dem Festland zu vereinen. Doch mit jeder aggressiven Handlung wird diese Argumentation unglaubwürdiger.
Der angefahrene Komiker Huang reagiert auf Facebook mit Entschlossenheit auf die Anklage der fünf Täter. Er dankt den Strafverfolgungsbehörden für ihre Arbeit. Am Ende eines langen Beitrags wirft er die Frage auf, die sich viele chinakritische Taiwaner stellen: «Wenn Menschen schon jetzt so behandelt werden, weil sie die Kommunistische Partei Chinas kritisieren, noch bevor diese Taiwan kontrolliert – wie können wir dann erwarten, dass wir unsere Meinungsfreiheit behalten, wenn sie dies eines Tages doch tut?»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Patrick Zoll
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