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Long Covid: Wie versteckte Viren das Immunsystem ins Chaos stürzen
Selbst Jahre nach der Pandemie haben viele Menschen die Folgen nicht überwunden. Gesucht wird weiter die Ursache, die sie krank macht. Die Hauptverdächtigen: Viren, die nicht mehr verschwinden.
Nicola von Lutterotti29.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Betrifft Angehörige aller Altersschichten: Long Covid
Illustration Anja Lemcke / NZZ
Bis heute ist es eines der grossen Rätsel der Pandemie: Warum erholen sich manche Menschen nach einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 rasch, während andere – selbst nach leichten Verläufen – nicht wieder auf die Beine kommen? Wie viele Personen an Long Covid leiden, wie das rätselhafte Beschwerdebild auch genannt wird, lässt sich nicht genau beziffern. Nimmt man Bevölkerungsstudien als Berechnungsgrundlage, könnten es rund 10 Prozent aller Infizierten sein.
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Das Rätsel Long Covid
Seit sechs Jahren versuchen Wissenschafter herauszufinden, warum Coronaviren manche Menschen langfristig krank machen. Was haben sie herausgefunden? Ein Zwischenbericht in vier Teilen.
Zu den häufigsten Symptomen – beschrieben werden mehr als 200 – zählt eine ausgeprägte Erschöpfung der Patienten, das sogenannte Fatigue-Syndrom. Oft zählt auch eine Belastungsintoleranz dazu, also eine schnelle Ermüdung schon nach leichten Anstrengungen. Viele Patienten leiden zudem unter Atemnot und Kurzatmigkeit sowie kognitiven Einschränkungen, etwa Gedächtnisproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten.
Worauf diese Symptome zurückzuführen sind, ist bis heute noch nicht geklärt. Dank intensiver Forschung beginnt sich der Nebel allerdings zu lichten. Zunehmend zeigt sich: Long Covid hat vermutlich mehrere Ursachen, die sich zum Teil gegenseitig bedingen oder sogar verstärken. Im Körper verbliebene Coronaviren oder wiedererwachte Herpesviren scheinen beispielsweise eine entscheidende Rolle zu spielen. Denn sie können das Immunsystem dauerhaft aktivieren. Deshalb versuchen Ärzte, Betroffenen jetzt mit antiviralen Therapien zu helfen.
Virusspuren im Blut noch nach Monaten
Für die These, dass im Körper weiterhin aktive Coronaviren eine massgebliche Rolle spielen, sprechen etliche Beobachtungen. Ein gewichtiges Indiz lieferte zum Beispiel eine grosse amerikanische Bevölkerungsstudie: Bei 43 Prozent der untersuchten Long-Covid-Kranken fanden sich Virusproteine im Blut; bei Menschen, die die akute Infektion ohne Schaden überstanden hatten, waren es nur halb so viele.
Manche Experten schliessen daraus, dass der Erreger bei Long-Covid-Kranken im Körper verbleibt, statt wieder zu verschwinden. In welchen Geweben er sich versteckt, ist erst unzureichend geklärt. Auf der Suche nach entsprechenden Antworten haben Forschende um Michael Peluso von der University of California in San Francisco 24 Personen, unter ihnen 18 mit und 6 ohne Long Covid, mit einem speziellen Marker untersucht. Dieser erlaubt es, aktivierte – also auf Angriff programmierte – T-Lymphozyten sichtbar zu machen.
Wie die Wissenschafter in der Fachzeitung «Science Translational Medicine» berichteten, fanden sie in etlichen Geweben solche aktivierten Abwehrzellen, das galt sowohl für die Long-Covid-Kranken wie für die Genesenen. Bei den Kranken, und nur bei diesen, entdeckten sie die kampfbereiten T-Lymphozyten ausserdem im Darm, im Rückenmark und – bei Betroffenen mit Atembeschwerden – in der Lunge und der Hauptschlagader.
Stimuliert werden diese Abwehrzellen wahrscheinlich durch Coronaviren, die sich dauerhaft im Darm einnisten. Das offenbarte anschliessend eine molekulare Spurensuche, bei der in dem Organ Sars-CoV-2-Genmaterial gefunden wurde. Den beständigen Kampf der Immunzellen gegen solche Virenreste halten einige Wissenschafter für eine treibende Kraft von Long Covid. Wie sehr diese Auseinandersetzung den Organismus tatsächlich belastet, ist bis anhin allerdings noch unklar.
Corona macht den Weg frei für andere Viren
Auch reaktivierte Viren gelten als mögliche Ursache des rätselhaften Leidens. Im Visier der Forschung stehen dabei vor allem Herpesviren, darunter das Varicella-Zoster-Virus, der Verursacher von Windpocken und Gürtelrose, und der Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers, das Epstein-Barr-Virus (EBV). Beide Virenarten verschanzen sich nach der Erstinfektion im Organismus und müssen vom Immunsystem zeitlebens in Schach gehalten werden.
Ist dieses geschwächt oder mit anderem – etwa einer Corona-Infektion – beschäftigt, können sich die viralen Dauergäste wieder vermehren. Das kann die ohnehin schon belasteten Abwehrkräfte dazu bringen, überzureagieren und zu viele aggressive Immunstoffe auszuschütten. Auch das könnte laut einer gängigen Hypothese viele Long-Covid-Symptome erklären. Denn im Tierversuch sind die Immunstoffe in der Lage, Long-Covid-Symptome wie chronische Müdigkeit oder Belastungsintoleranz auszulösen.
Auffallend eng ist auch die Beziehung zwischen Long Covid und reaktivierten Annelloviren. Dies sind ebenfalls Erreger, die die meisten Menschen irgendwann infizieren und dann im Körper verbleiben. Mangels Symptomen verlaufen akute und chronische Infektionen in der Regel unbemerkt.
Wie ein Team um Esther Melamed von der University of Texas in Austin im Fachblatt «Nature» berichtete, haben 30 Prozent der Long-Covid-Opfer solche Viren im Blut – aber nur 14 Prozent der Genesenen. Auch Melamed hält es daher für denkbar, dass Long Covid durch reaktivierte Viren ausgelöst werden könnte.
Hoffnungsträger: Antivirale Medikamente
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Kann eine antivirale Therapie den Betroffenen helfen? Was den Nutzen von Medikamenten gegen Sars-CoV-2 angeht, ist die Datenlage gemischt. Am gründlichsten untersucht wurde Paxlovid – ein Arzneistoff, der die Vermehrung von Coronaviren hemmt.
Es gibt Berichte, laut denen Einzelne von dem Mittel profitieren. Diese Beobachtung liess sich in zwei grösseren klinischen Studien jedoch nicht bestätigen. Dort wirkte Paxlovid bei Long-Covid-Kranken nicht besser als ein Placebo, ein Scheinmedikament.
Möglicherweise, vermuten die einen, weil es zu spät, in zu geringen Mengen oder nicht lang genug verabreicht worden sei. Ebenso gut möglich sei es, halten andere dagegen, dass die Überbleibsel von Sars-CoV-2 eben doch nicht ursächlich für Long Covid seien. Welche der beiden Annahmen zutrifft, versucht derzeit eine weitere Studie zu klären.
Auch Medikamente gegen Herpesviren werden seit einiger Zeit gegen Long Covid getestet. Einen umfassenden Ansatz wählten dabei Forschende aus Österreich. Im Rahmen eines Pilotversuchs verabreichten sie 25 Kranken das Anti-Herpes-Mittel Valaciclovir und zwei Blutverdünner (Aspirin oder Clopidogrel sowie Heparin). Bei allen hatten sie zuvor Hinweise auf eine Mobilmachung des Immunsystems gegen das Epstein-Barr-Virus, EBV, gefunden.
Der Grund für diese Kombinationstherapie: Das Blut der Betroffenen enthielt auffallend viele kleine Klümpchen. Blutpfropfen, die aussen aus Blutplättchen und innen aus Immunzellen, Zuckerstoffen und – gemäss ersten Beobachtungen – aus EBV-Stücken bestanden.
In Blutproben von 840 Erwachsenen und Kindern mit Long-Covid-Beschwerden haben sie zunächst nach Hinweisen auf eine Mobilmachung des Immunsystems gegen EBV gesucht. Bei 35 Prozent der Patienten wurden sie fündig.
Eingemauerte Viren verstopfen die Blutgefässe
«Diese Mikroaggregate schützen den Organismus möglicherweise vor frei zirkulierenden Viren», sagt der Innsbrucker Pathophysiologe Nikolaus Wick. Er ist Erstautor der in «Scientific Reports» publizierten Studie. Wick vermutet, dass die Blutplättchen die Erreger gewissermassen einmauern, um sie unschädlich zu machen.
«Ist die Zahl dieser Mikroaggregate zu gross, besteht die Gefahr, dass sie in den kleinen Gefässen hängen bleiben», vermutet Wick. Das könne zu einer unzureichenden Durchblutung der Muskulatur führen. Der Blutmangel soll dann wiederum Symptome wie chronische Erschöpfung oder kalte Hände und Füsse auslösen, über die viele Long-Covid-Betroffene klagen.
Das Ergebnis der Studie mit der Medikamentenkombination: 16 bis 18 der 25 behandelten Patienten berichteten über deutlich gelinderte Symptome. In einer grösseren Studie will das Team nun prüfen, ob sich diese Beobachtung bestätigen lässt.
Auch andernorts sind Studien geplant oder bereits angelaufen, in denen Anti-Herpes-Medikamente gegen Long Covid getestet werden. Eine Forschungsgruppe von Mount Sinai in New York setzt zum Beispiel auf eine Mehrfachtherapie: Zusätzlich zu Valaciclovir erhalten die Versuchspersonen den Sars-CoV-2-Hemmstoff Paxlovid und Celecoxib – ein Medikament, das entzündungshemmende und antivirale Eigenschaften besitzt. Zu hoffen bleibt, dass zumindest ein Teil der Betroffenen davon profitiert und Long Covid ein Stück weit seinen Schrecken verliert.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Nicola von Lutterotti
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