Selbständige statt Angestellte: Just Eat stellt das soziale Versprechen der Migros auf die Probe

Der Essenslieferdienst Just Eat galt als Vorzeigearbeitgeber in der Branche – und kam so zu einer Partnerschaft mit der Migros. Nun kopiert Just Eat das umstrittene Modell des Konkurrenten Uber.

24.10.2026, 05.30 Uhr

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Werden bald unfreiwillig zu selbständigen Unternehmern: die Kuriere von Just Eat.

Werden bald unfreiwillig zu selbständigen Unternehmern: die Kuriere von Just Eat.

Raphael Rohner / CH Media

In den grösseren Schweizer Städten sind sie allgegenwärtig: Männer und Frauen in leuchtend orangen Jacken, die auf Velos, E-Bikes oder Rollern – und ausgerüstet mit übergrossen Rucksäcken – Mahlzeiten von Restaurants an die Haustür liefern. Der Lieferdienst Just Eat beschäftigt hierzulande rund 700 Kuriere.

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Künftig werden es deutlich weniger sein. Das Unternehmen gab am Donnerstag bekannt, einen Grossteil seiner fest angestellten Kuriere in der Schweiz zu entlassen. Stattdessen setzt der Dienst künftig verstärkt auf selbständige Kuriere – ähnlich wie der Konkurrent Uber Eats. «Wir müssen flexibler liefern können. Über fest angestellte Kuriere mit einer Schichtplanung zwei Wochen im Voraus wie jetzt ist dies schlicht nicht machbar», sagte Lukas Streich, Schweiz-Chef von Just Eat, gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Die Umstellung auf das Selbständigenmodell ist umstritten. Gewerkschaften und Arbeitsrechtler kritisieren seit Jahren, dass Uber-Fahrer in Wahrheit keine selbständigen Unternehmer seien, sondern Angestellte. Dasselbe gelte für Kuriere. Ziel dieses Modells sei es, Pflichten wie Mindestlöhne und Ferienansprüche zu umgehen. Das Bundesgericht bestätigte diese Sichtweise mehrfach. Aufgrund geringfügiger Anpassungen der Vertragsbedingungen kann Uber in weiten Teilen der Schweiz dennoch an der Praxis festhalten.

Dass Just Eat nun ebenfalls auf dieses Modell umschwenkt, ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Gleichzeitig gefährdet das Unternehmen damit seinen Ruf als Vorzeigearbeitgeber der Branche – was auch für Geschäftspartner heikel ist. Dazu zählt seit dem Frühling der Migros-Konzern. Seit Mai lassen sich über die Just-Eat-App mehr als zehntausend Migros-Artikel nach Hause bestellen.

Migros nimmt Anpassung zur Kenntnis

Die Migros dürfte Just Eat auch deshalb als Exklusivpartner ausgewählt haben, weil das Unternehmen einen besseren Ruf genoss als Uber Eats. Dennoch gab es bereits zu Beginn der Zusammenarbeit Kritik, da Just Eat in einigen Regionen Kuriere über Subunternehmen zu deutlich tieferen Löhnen einsetzte. «Sie wälzen das Risiko der Wartezeiten und fehlender Bestellungen auf die Kuriere ab», sagte der Unia-Sekretär Markus Bardenheuer damals in der «NZZ am Sonntag».

Mit dem Wechsel zum Selbständigenmodell wächst der Druck auf die Migros zusätzlich – zumal sich die Genossenschaft statutarisch dem «sozialen Kapital» verpflichtet fühlt, das den Menschen auch in den Beziehungen zu Kunden und Lieferanten in den Mittelpunkt stellen soll.

Die Migros zeigt sich überzeugt, dass dieser Grundsatz auch mit dem Selbständigenmodell eingehalten werden kann. Man stehe in laufendem Austausch mit der Geschäftsleitung von Just Eat und nehme die angekündigten organisatorischen Anpassungen zur Kenntnis. «Entscheidend ist für uns, dass die gesetzlichen und vertraglichen Vorgaben auch im angepassten Modell eingehalten werden», sagt der Sprecher Luca Corti. Dies werde man «im Rahmen der Kontrollmöglichkeiten» weiterhin überprüfen.

Die Erwartungen hinsichtlich fairer Sozial- und Arbeitsstandards blieben unverändert. «Wir sind nach wie vor vom Mehrwert des Lieferservices für unsere Kundinnen und Kunden überzeugt und beabsichtigen, die Zusammenarbeit weiterzuführen.»

Der Röstigraben für Kuriere und Fahrer

Just Eat betont seinerseits, dass die Einhaltung hoher Arbeits- und Sozialstandards «höchste Priorität» habe. Man stehe in engem und transparentem Austausch mit der Migros, um die Partnerschaft auf dieser Basis fortzuführen. «Sobald das Konsultationsverfahren abgeschlossen ist, werden wir weitergehend informieren», sagt die Sprecherin Séverine Götz.

Die Umstellung könnte für Just Eat – und damit auch für die Migros – aber mehr Probleme mit sich bringen, als die Unternehmen einräumen. Das zeigt die Tatsache, dass Just Eat nur in der Deutschschweiz auf Selbständige setzt, nicht aber in der Romandie. «In der Westschweiz sehen wir uns aufgrund eines Gerichtsurteils verpflichtet, die Fahrer weiterhin anzustellen», sagte der Schweiz-Chef Lukas Streich.

Diese regionale Differenzierung ist bemerkenswert. Zwar gälten vom Bodensee bis zum Genfersee dieselben Arbeitsgesetze, beim Vollzug durch die Kantone gebe es jedoch erhebliche Unterschiede, erklärt Kurt Pärli, Rechtsprofessor an der Universität Basel: «Vor allem im Kanton Genf stösst das Geschäftsmodell von Uber und Uber Eats auf deutlich mehr Gegenwehr als in der Deutschschweiz.»

Genf stufte Uber und Uber Eats früh als Arbeitgeber ein und bewog das Unternehmen unter Androhung eines Betriebsverbots dazu, via Drittunternehmen die Leute anzustellen. «Andere Kantone sind da zurückhaltender», sagt Pärli. Die Behörden warteten dort wohl ab, bis in der Sache weitere Urteile vorlägen. Mehrere Bundesgerichtsurteile stuften zwar Uber-Fahrer und auch Uber-Eats-Kuriere als Angestellte ein; diese bezögen sich jedoch stets auf den konkreten Einzelfall. Werden Verträge oder die App angepasst, muss die Frage neu beurteilt werden – ein Prozess, der oft Jahre dauert.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Thomas Schlittler

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