Schwere Herzen und ein gebrochener Goalie: Der Fussball verarbeitet die Tragödie um den verstorbenen Jesús de Miguel
«Es kann jeden von uns treffen»: Spaniens Profis wollten am Wochenende nicht spielen, mussten aber. Die Trauerfeier für den Stürmer und Familienvater auf Teneriffa war emotional.
08.11.2026, 16.27 Uhr
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Die Mannschaftskollegen nehmen im Stadion Heliodoro Rodriguez Lopez in Santa Cruz, Teneriffa, Abschied von Jesus de Miguel.
Borja Suarez / REUTERS
Die Fussballer und geladenen Gäste auf dem Rasen im Stadion Heliodoro Rodríguez trugen schwarze Anzüge statt kurze Hosen. Ein Blumenstrauss und ein Trikot mit der Nummer 9 bedeckten die Unglücksstelle am Mittelkreis. Dort war der Zweitligastürmer Jesús de Miguel, «Demi», bei einem Foul des gegnerischen Torwarts Jesús Owono so schwer an der Brust getroffen worden, dass er am Dienstagmorgen seinen Verletzungen erlag. Am Samstagabend nun verabschiedete ihn sein Klub CD Teneriffa mit einer Trauerzeremonie.
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«Gebrochenen Herzens» geschehe das, verlas Teamcaptain Enric Gallego unter Tränen seine Rede, «aber auch im Dank, dich gekannt zu haben». Der Mannschaftsführer charakterisierte den Verstorbenen als «einfach, diskret, natürlich und nahbar», einer, «der nie die Hauptrolle suchte». Von «Demi» in der Vergangenheit zu sprechen, habe man sich nie vorstellen können: «Es ist unfassbar ungerecht. Dein Verlust erinnert uns daran, wie zerbrechlich das Leben ist.»
Die ursprünglich zu jener Stunde angesetzte Partie von Teneriffa bei Granada war abgesagt worden, ebenso wie jene von Andorra, dem Klub des untröstlichen Owono, gegen Mallorca. Sonst wurde in Spaniens Profiligen am Wochenende jedoch gekickt, trotz einer Bitte der Spielergewerkschaft AFE um Absage des gesamten Spieltags. The show must go on. Man wolle den Verstorbenen im Rahmen der Partien würdigen, hiess es zur Begründung vonseiten der Liga.
Spanien taumelt dieses Jahr von Tragödie zu Tragödie
Das geschah dann auch recht eindrucksvoll. Die Schiedsrichter betraten mit Blumen den Platz, die Spieler der jeweiligen Mannschaften gemischt und mit T-Shirts zu Ehren von de Miguel. In der Spielminute 9 – de Miguels Rückennummer – wurden die Partien für eine Minute angehalten und auf den Stadionleinwänden ein Video mit Szenen aus der Karriere des Toten abgespielt. Der Lokalrivale von der Nachbarinsel, UD Las Palmas, wollte zur Hommage sogar in den blauweissen Farben des CD Teneriffa antreten. Doch sein Zweitligamatch musste wegen einer Unwetterwarnung über den Kanaren verschoben werden; wie der fatale Match zwischen Teneriffa und Andorra in der Woche zuvor, der deshalb am Montagnachmittag nachgeholt wurde.
Bereits mehrfach ausgefallen sind viele Pokalpartien der ersten Runde. In der Woche vor de Miguels Ableben wegen des Zugunglücks von Toledo mit 69 Toten, dann nach dem Drama um den Angreifer. Spanien ist ein Land, das dieses Jahr von Tragödie zu Tragödie taumelt. Nun hat der Tod erstmals seit den plötzlichen Zusammenbrüchen von Antonio Puerta (Sevilla, 2007) und Dani Jarque (Espanyol Barcelona, 2009) – jeweils ohne Gegnereinwirkung – wieder den Profifussball erreicht.
Raphinha und Neuer zeigen sich nachdenklich
Die Gefahren ihres Sports so drastisch vor Augen geführt zu bekommen, macht viele Profis nachdenklich. Barcelona-Star Raphinha bat nach seiner MVP-Auszeichnung in der Champions League gegen Aston Villa darum, nicht über den Match sprechen zu müssen. Zu sehr habe ihn der Tod von Jesús de Miguel mitgenommen. «Am Ende ist er ein Kollege, einer, der denselben Beruf ausübte – es kann jeden von uns treffen», so der Brasilianer, 30 Jahre alt und Vater eines kleinen Kindes wie der Verstorbene.
Von einer «ganz schwierigen Situation» sprach nach einer Partie bei Atlético Madrid auch Manuel Neuer, der Captain von Bayern München: «Da geht jeder in sich und denkt darüber nach, was schlimmstenfalls passieren kann.» Bei jemandem wie dem 40-jährigen Goalie gilt dies umso mehr, als er im WM-Final 2014 selbst in einen gefährlichen Zusammenprall verwickelt war. Bei einer waghalsigen Klärungsaktion traf er den Argentinier Gonzalo Higuaín mit dem Knie im Brustbereich – so wie jetzt Owono de Miguel. Higuaín hatte damals Glück, ohne Verletzungen davon zu kommen, und Neuer dürfte dieses Glück inzwischen mehr denn je auch als seines empfinden.
Owono jedenfalls, das wird aus seinem Umfeld geschildert, ist ein gebrochener Mensch. «Es fällt mir schwer Worte zu finden und sehr schwer, zu begreifen, was passiert ist», schrieb er in einer Botschaft, die sein Klub verbreitete. «Ich empfinde enormen Schmerz über den Verlust von Jesús». Ihm sei bewusst, «dass viele Fragen angegangen werden müssen». Aber soweit könne er vorerst noch gar nicht denken.
Strafrechtliche Konsequenzen dürften ihn nicht erreichen, auch wenn die Behörden auf den Kanaren in der Causa ermitteln. Das geschehe von Amts wegen, weil kein natürlicher Tod eingetreten sei, hiess es von ihrer Seite. Nach Medienberichten konzentrieren sich die Untersuchungen auf die Notfallversorgung durch Sanitäter und Ärzte. «Sehr unwahrscheinlich», nannte der Oberstaatsanwalt von Teneriffa hingegen, dass ein Prozess gegen den Goalie eingeleitet werde. Vorfälle im Spiel reichen nach bisheriger Rechtsprechung nicht dafür aus.
Owono erwägt gar den Rücktritt vom Sport
Unabhängig davon ist derzeit aber noch unklar, wann und ob überhaupt Owono wieder Fussball spielen wird. Die Disziplinarkommission hat seinen Fall noch nicht verhandelt, gerechnet wird mit der Maximalstrafe von zwölf Partien. Doch dem Goalie steht derzeit auch gar nicht der Sinn nach Ausübung seines Berufs. Die Länderspiele seines Heimatlandes Äquatorial-Guinea an diesem Freitag und in der kommenden Woche setzt der langjährige Nationaltorhüter aus. Nach Aussagen der Teamkoordinatorin Ana Maye zu «Mundo Deportivo» erwägt er sogar einen kompletten Rücktritt vom Sport.
Der tiefgläubige Torwart wird zu Hause in Andorra von der Familie gegen das Medieninteresse und die oft rassistischen Anfeindungen abgeschirmt. Doch auch ein Bruder, der im Baskenland kickt, und eine Schwester, die an der Universität Valencia studiert, würden als «Mörder» beleidigt, so Maye. Aus der Branche erhält die Familie Zuspruch. «Ein Opfer reicht», erklärte etwa Quique Sánchez Flores, der Trainer von Erstligist Alavés, für den Owono früher spielte: «Unfälle sind Unfälle.»
Besonders bei Zusammenstössen zwischen Stürmern und Torleuten haben diese Unfälle allerdings immer wieder gefährliche Folgen. In Spanien starb erst vor gut einem Jahr der 19-jährige Goalie Raúl Ramírez vom kantabrischen Fünftligisten Colindres an einer im Match erlittenen Kopfverletzung. Weil sich die Tragödie in der fünften Spielklasse zutrug, fand sie über die Region hinaus kaum öffentliche Erwähnung.
Allerdings werden die Goalies von den Schiedsrichtern im Zuge solcher Vorfälle immer stärker geschützt. Selbst bei geringeren Berührungen des Torwarts wird abgepfiffen oder durch den Videoschiedsrichter interveniert, so wie beim annullierten Treffer des Deutschen Jonathan Tah während des WM-Ausscheidens gegen Paraguay. Die Torhüter selbst schienen dagegen noch über mehr Interpretationsspielraum zu ihren Gunsten zu verfügen. Womöglich wird hier in Zukunft auch kleinlicher gepfiffen, um eine generelle Mässigung herbeizuführen.
Der Fall von Jesús de Miguel hätte dann immerhin zu mehr Sensibilität geführt. Für ihn selbst kommt jede mögliche Reform zu spät.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Florian Haupt
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