«Schwere Autoritätskrise» – warum Macron ausgerechnet jetzt sein Land verliess

Frankreich steht nach den schwersten Krawallen seit Jahren unter Schock. Doch Emmanuel Macron reiste ausgerechnet jetzt durch die Golfstaaten. Der Präsident verteidigt sich damit, dass er die Energieversorgung des Landes habe sicherstellen müssen.

22.10.2026, 15.47 Uhr

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Der französische Präsident Emmanuel Macron wird am 20. Oktober in Manama von König Hamad bin Isa Al Khalifa empfangen. Macrons Golfreise steht in der Kritik.

Der französische Präsident Emmanuel Macron wird am 20. Oktober in Manama von König Hamad bin Isa Al Khalifa empfangen. Macrons Golfreise steht in der Kritik.

Benoit Tessier / EPA

Im Mai 1968, als in Paris die Barrikaden brannten und sich die Studentenproteste zu einem Generalstreik ausweiteten, reiste Charles de Gaulle nach Rumänien. Vier Tage lang liess sich der französische Präsident vom kommunistischen Machthaber Nicolae Ceausescu hofieren, während zu Hause Fabriken besetzt wurden, der öffentliche Verkehr zum Erliegen kam und Millionen die Arbeit niederlegten.

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De Gaulle rechtfertigte sich mit seiner Pflicht, Frankreich im Ausland zu vertreten. Ausserdem habe er Tag und Nacht mit der Regierung in Paris in Kontakt gestanden. Doch die Franzosen goutierten seine Abwesenheit ganz und gar nicht. Der General, hiess es, habe sich von den Sorgen und Nöten seiner Landsleute entfernt.

«Unser Land muss geführt werden»

58 Jahre später muss sich Emmanuel Macron ähnliche Vorwürfe gefallen lassen. Am Sonntagabend, wenige Stunden nach einer Fernsehansprache, brach der französische Präsident zu einer dreitägigen Reise in die Golfstaaten auf. Während in Paris und anderen Städten erneut Demonstranten mit der Polizei zusammenstiessen und Geschäfte geplündert wurden, schritt Macron in Kuwait über den roten Teppich.

Auch Macron versicherte, seine Amtsgeschäfte durchaus wahrgenommen zu haben. Zweimal täglich habe er mit Premierminister Sébastien Lecornu und Innenminister Laurent Nuñez telefoniert. «Die Hand darf an der Staatsspitze nicht zittern», erklärte er am Mittwoch in Doha. Er habe die Reise bewusst nicht abgesagt, um keine Nervosität zu zeigen. Jemand müsse schliesslich Frankreichs Interessen in der Welt vertreten. Und für die Bewältigung der innenpolitischen Krise seien die Regierung und die Sicherheitsbehörden zuständig.

Dennoch hagelte es Kritik von allen Seiten: Jordan Bardella, der Chef des rechtsnationalen Rassemblement national (RN), warf dem Präsidenten am Montag vor, bei seiner wichtigsten Aufgabe versagt zu haben: dem Schutz der Franzosen. Macrons sozialistischer Amtsvorgänger François Hollande sprach am Mittwoch von einer schweren Autoritätskrise. Auch der ehemalige Premierminister und Präsidentschaftskandidat Édouard Philippe, einst ein Vertrauter Macrons, kritisierte dessen Abreise mitten in der Krise. «Unser Land muss geführt werden.»

Selbst der Sicherheitsexperte François Heisbourg, der Macron seit Jahren berät, versuchte nach eigenen Angaben, ihn von der Reise abzubringen. Der Präsident habe aber unbedingt fahren wollen, sagte Heisbourg gegenüber «Le Monde». Das zeige, dass der Staatschef den Ernst der Lage überhaupt nicht begriffen habe.

Dabei hatte die Reise durchaus ihren Sinn. Angesichts der hohen Treibstoffpreise wollte Macron zusätzliche Erdöl- und Erdgaslieferungen für Frankreich sichern. Seit dem Krieg zwischen den USA und Iran und der weitgehenden Blockade der Strasse von Hormuz ist die Energieversorgung erheblich teurer geworden. Die hohen Lebenshaltungskosten gehören zu den Ursachen der jüngsten Proteste.

In drei Tagen besuchte Macron Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Saudiarabien. Er traf die Herrscher der fünf Golfmonarchien und verhandelte über Energielieferungen sowie eine engere militärische Zusammenarbeit. Die Emirate und Bahrain sagten jeweils 100 000 Tonnen Diesel zusätzlich pro Monat zu. Zusammen mit bereits vereinbarten Lieferungen aus Saudiarabien sind das nach Angaben des Élysée-Palasts gut 10 Prozent des monatlichen französischen Dieselverbrauchs. Katar stellte zudem Flüssiggaslieferungen von zwei Terawattstunden pro Monat für den Winter in Aussicht.

Umfragewerte auf Rekordtief

Ob die Zusagen die Preise an französischen Tankstellen spürbar senken, ist ungewiss. Auch wann die Lieferungen eintreffen, steht noch nicht fest. Immerhin könnten sie eine Versorgungsknappheit verhindern und mittelfristig den Preisdruck lindern. Eine kurzfristige Absage der längst geplanten Reise hätte gegenüber den Golfstaaten womöglich auch ein unfreundliches Signal ausgesandt.

Dem Ansehen Macrons dürfte die Reise dennoch weiter geschadet haben. Kritiker werfen dem Präsidenten seit langem vor, sich in die Aussenpolitik zu flüchten, wenn ihm daheim die Kontrolle entgleitet. Seine Beliebtheit ist auf einem Rekordtief: Laut der jüngsten Ipsos-Umfrage beurteilen nur noch 15 Prozent der Franzosen seine Amtsführung positiv. Von dieser Schwäche profitiert wiederum vor allem Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin des RN, deren Umfragewerte weiter steigen und deren Einzug in den Élysée-Palast Macron nach eigenen Angaben stets verhindern wollte.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Steinvorth

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