Sabotage gegen das System: Linksextreme greifen Firmen an – wie weit gehen sie noch?
Militante Gruppen nehmen Schweizer Unternehmen ins Visier, weil sie Waffen herstellen, Geschäfte mit Israel machen oder auch bloss mit einem Energieprojekt zu tun haben. Recherchen zeigen: Nicht nur bei einer kürzlich attackierten Waffenfirma in Thun verursachten die Angreifer Millionenschäden.
07.11.2026, 21.45 Uhr
5 Leseminuten
Die Folgen einer Feuerwalze: Blick in die Montagehalle der Firma B&T bei Thun, auf die letzte Woche ein Brandanschlag verübt wurde.
PD
In der Nacht auf den 16. September knallte es im Zürcher Quartier Albisrieden bei einem unscheinbaren Bürogebäude. Hier sind Startups eingemietet, die städtische Informatikabteilung, ein Fitnesscenter – und lokale Büros des Drohnenbauers Destinus. Dieser entwickelt hier Software für die autonome Steuerung von Fluggeräten. Und das gefällt nicht allen.
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In einem online verbreiteten anonymen Bekennerschreiben erklärten mutmasslich Linksextreme, sie hätten im Eingangsbereich von Destinus eine Scheibe gesprengt. Die Firma und die Stadtpolizei Zürich bestätigen auf Anfrage den bisher nicht bekannt gewordenen Anschlag: Die Eingangstüre sei mit einem «pyrotechnischen Gegenstand» beschädigt worden. Die Täter sind unbekannt, die Ermittlungen laufen.
Warum wurde die Firma zum Ziel? Destinus entwickelt Technologien für die zivile und militärische Luftfahrt, das Unternehmen mit Hauptsitz in den Niederlanden baut auch Kampfdrohnen für die Ukraine. Im Bekennerschreiben steht, der Angriff richte sich gegen die «Aufrüstung der Herrschenden». Weiter heisst es: «Krieg dem Krieg, der Hauptfeind steht im eigenen Land!»
Die Attacke reiht sich ein in eine Serie politisch motivierter Angriffe auf Firmen. Im Kampf gegen ein angeblich gewaltsames System wird die eigene Gewalt gegen Sachen und Gebäude zu einer zentralen Strategie – nicht immer bleibt es bei beschädigten Eingangstüren.
261107 NZZaS Linksxtreme greifen Firmen an
Von Jean Ziegler kritisiert
Freitagnachmittag im Thuner Vorort Allmendingen. Sicherheitsleute stehen vor einem mehrstöckigen Gebäude Wache, Männer mit FFP-Masken tragen Brandschutt heraus. Hier stellt die Firma B&T normalerweise Waffen und Munition für Polizei und Militär und insbesondere Waffenzubehör her. Doch nun herrscht Stillstand. Am Donnerstag vor einer Woche verübten Unbekannte einen Brandanschlag. An allen vier Seiten des Gebäudes zeugen Spuren davon, unzählige Scheiben sind zerbrochen. Im Innern sind die Montagehalle und weitere Räume komplett ausgebrannt.
Kurz nach dem Brand: Sicht auf die zerstörte Fassade der Firma B&T in Allmendingen bei Thun am 29. Oktober.
Peter Schneider / Keystone
Auch hier wird von einem linksextremen Motiv ausgegangen. Ein wackliges Bekennervideo, das von einschlägigen Accounts in Frankreich und der Schweiz geteilt wurde, zeigt, wie eine Person einen Brandsatz wirft und das Firmengebäude zu brennen beginnt. Das Video stellt einen Zusammenhang mit den Protesten in Frankreich her. Denn B&T produziert auch Gummigeschosswerfer, die von der dortigen Polizei eingesetzt werden.
Die zuständige Staatsanwaltschaft Oberland prüft das Video im Rahmen der Ermittlungen. Klar ist: Die Täter nahmen beträchtliche Risiken in Kauf, im Gebäude lagerte auch Munition. In den oberen Stockwerken musste die Feuerwehr eine eigentliche Feuerwalze bekämpfen.
Die Wut auf das Unternehmen reicht weit zurück. Schon 2019 prangerte der verstorbene Linken-Vordenker Jean Ziegler die Firma an und forderte ein Exportverbot für B&T. Im selben Jahr wurde bei einem B&T-Ableger in Wallisellen (ZH) die Eingangstür beschädigt.
Im Gespräch vor Ort in Thun mit der Geschäftsleitung wird klar, dass die Drohungen nach 2019 weitergingen und sich auch schon gegen einzelne Exponenten richteten. Bereits vor mehreren Jahren sei B&T zudem von Schweizer Behörden konkret gewarnt worden: Man habe die Firma auf einer strategischen Zielkarte linksradikaler Kreise entdeckt, auf der mögliche Anschlagsziele eingezeichnet waren – neben weiteren europäischen Rüstungs- und Waffenfirmen.
Nun kam es zur lange befürchteten Eskalation. Der Schaden beträgt gemäss ersten Schätzungen 12 bis 20 Millionen Franken. Rechnet man den Produktionsausfall und Folgeschäden am Gebäude mit ein, könnte es gemäss Involvierten auch noch deutlich teurer werden.
Gegen Geothermie und Israel
Anschläge in der Schweiz gelten nicht nur Firmen mit Bezug zum Militär. Rückblick auf den 31. Juli 2025 im jurassischen Delsberg. Eine bis heute unbekannte Täterschaft legt mitten in der Nacht beim Energieunternehmen BKW Feuer, drei Firmenfahrzeuge und mehrere Anhänger brennen aus. In einem Bekennerschreiben auf einer linksradikalen Plattform ist die Rede von einem «Feuerwerk des Widerstands», die anonymen Verfasser stellen den Brandanschlag in Zusammenhang mit dem schon länger kritisierten Geothermieprojekt Haute-Sorne. Die BKW sei für ihre Mitwirkung «bestraft» worden.
Diese ist allerdings gar nicht an dem Projekt beteiligt, sondern bloss verpflichtet, die Installationen ans Stromnetz anzuschliessen. Vor einem Angriff schützte sie dies nicht. Erstmals beziffert die Firma auf Anfrage nun den Schaden des Vorfalls: 1,5 Millionen Franken.
Die Attacken rund um das Geothermieprojekt erreichen diesen Sommer auch Basel: Unbekannte beschädigen zwölf Ladestationen des Basler Energieversorgers IWB, wie dieser auf Anfrage bestätigt. Auch hier verweist ein Bekennerschreiben auf das Projekt im Jura, obwohl IWB ebenfalls nur indirekt damit zu tun hat. Einschüchterungsversuche gab es gegen weitere Firmen. Die zuständigen Staatsanwaltschaften geben sich zu den Ermittlungen bedeckt.
Ein weiteres Tummelfeld der heterogenen linksextremen Szene ist der radikale Palästina-Aktivismus. Im März verübten Unbekannte einen Vandalismusanschlag auf die Büros der israelischen Rüstungsfirma Elbit in Bern, der Sachschaden betrug mehrere zehntausend Franken. Schon zuvor legten Unbekannte Feuer an einem Zürcher UBS-Gebäude aufgrund von Investitionen in Elbit, und im Frühling kam es zu einer Farbattacke auf Google in Zürich wegen Dienstleistungen für Israel.
«Bedeutendste linksextremistische Kampagne»
Wie passen all diese Anschläge zusammen? Als Klammer, zumindest für einen Teil dieser Aktionen, dient «Switch off». Unter diesem Slogan werden in mehreren europäischen Ländern seit 2023 Sabotageaufrufe und Bekennerschreiben verbreitet, die ganz unterschiedliche Gegner ins Visier nehmen. Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg nennt «Switch off» die derzeit «bedeutendste militante linksextremistische Kampagne». Auch die sogenannte Vulkangruppe bezog sich nach ihrem spektakulären Anschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang Jahr darauf. Eine deutsche Studie zu «Switch off» zeigt: Brandanschläge dominieren die Aktionsformen. Im Zweijahresvergleich wurden die Aufrufe zudem emotionaler und das Spektrum möglicher Angriffsziele breiter.
Ein Blog listet zahlreiche Aktionen in der Schweiz auf. Darunter auch einen Angriff am Badischen Bahnhof in Basel, wo im Grenzgebiet im April 2025 Kabelbrände den Zugverkehr beeinträchtigten. Das Motto war simpel: «Den kapitalistischen Normalzustand sabotieren.» Bemerkenswert ist zudem: Mit Rüstungsbetrieben und kritischer Infrastruktur wählen die Militanten vermehrt Ziele, die auch im Fokus russischer Sabotage stehen.
Die Fälle bestätigen, wovor Experten schon länger warnen: Die Aktivisten scheinen sich zunehmend international zu vernetzen. In diese Richtung führt auch die Aktion gegen den Drohnenbauer Destinus in Zürich. Die Verfasser des Bekennerschreibens bezeichnen den Angriff ausdrücklich als ihren Beitrag zum «Rheinmetall entwaffnen»-Camp in Köln – dort trafen sich im Sommer Linksradikale, um Strategien gegen das deutsche Rüstungsunternehmen zu diskutieren. Erst vor wenigen Tagen brannten auf einer Rheinmetall-Baustelle an einem Flughafen in Hessen mehrere Baufahrzeuge, die Tat wird einer mutmasslich linksextremen Anschlagsserie zugeordnet.
Zusätzliche Mittel gefordert
Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) beurteilt das Gewaltpotenzial der linksextremen Szene als anhaltend hoch. Momentan ist eine NDB-Gesetzesrevision im Parlament hängig. Schon heute kann der NDB Strukturen im gewaltsamen Extremismus präventiv aufklären. Künftig sollen, wie bisher schon bei Terrorverdacht, auch Telefonüberwachungen oder das Eindringen in Computernetzwerke möglich sein – nach gerichtlicher Genehmigung und Freigabe durch die Politik.
Dafür brauche es objektive Anhaltspunkte für die Bereitschaft zu schweren Gewalttaten oder deren Unterstützung, sagt der FDP-Ständerat Josef Dittli. Dazu zählt Dittli das Beschaffen von Anschlagsmaterial, das systematische Auskundschaften möglicher Ziele sowie Aufrufe zu Straftaten. Oder auch «die logistische Einbindung in internationale Gewaltnetzwerke wie ‹Switch off›».
«Es braucht diese Mittel nun schnell auch gegen politische Radikale», sagt der Mitte-Nationalrat und Sicherheitspolitiker Reto Nause. Zum Fall Thun sagt er: «Das ist schon fast Terror. Auch Menschenleben hätten gefährdet werden können.» Die SP-Ständerätin Franziska Roth verurteilt den Brandanschlag «aufs Schärfste» und verlangt, den Kampf gegen Extremismus zu intensivieren: «Meist besteht die Hauptlücke in zu wenig finanziellen und personellen Ressourcen sowie in ungenügender Zusammenarbeit zwischen den Behörden.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Mirko Plüss
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