Russlandfreundliche Jotowa gewinnt die Stichwahl in Bulgarien klar
Ilijana Jotowa hat sich laut Hochrechnungen bei der Präsidentschaftswahl gegen ihren prowestlichen Herausforderer deutlich durchgesetzt. Sie lehnt Militärhilfen für die Ukraine ab.
02.11.2026, 10.28 Uhr
3 Leseminuten
Iliana Jotowa präsentierte sich am Sonntagabend vor der Presse.
sprach
Die russlandfreundliche Ilijana Jotowa hat die Stichwahl um das Präsidentenamt am Sonntag in Bulgarien klar gewonnen. Laut Hochrechnungen der bulgarischen Meinungsforschungsinstitute Mjara und Alpha Research setzte sich die frühere sozialistische EU-Abgeordnete mit rund 58 Prozent der Wählerstimmen gegen ihren prowestlicher Herausforderer durch. Andrej Gjurow des liberal-konservativen Oppositionslagers holte den Angaben nach rund 39 Prozent. Er räumte seine Niederlage noch am Wahlabend ein. Die Wahlbeteiligung lag mit knapp 30 Prozent sehr tief.
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Mit Jotowa steht erstmals eine Frau an der Spitze Bulgariens. Im Januar hatte sie als bisherige Vizepräsidentin des Landes das Präsidentenamt von Rumen Radew interimistisch übernommen, weil dieser vorzeitig zurückgetreten war. Radew gewann daraufhin die vorgezogene Parlamentswahl und wurde anschliessend zum Ministerpräsidenten gewählt. Beobachter werteten die Präsidentschaftswahl als Test für die seit Mai amtierende Regierung, da die Regierungspartei Progressives Bulgarien Jotowa direkt unterstützte.
Drohnenangriffe im Schwarzen Meer
Die Wahl galt als Richtungsentscheid über Bulgariens künftigen aussenpolitischen Kurs im Ukraine-Krieg und über das Verhältnis zu Moskau. Jotowa bekennt sich zwar zur EU- und Nato-Mitgliedschaft ihre Landes, lehnt jedoch Militärhilfen für die Ukraine ab. Wie Radew vertritt sie die Ansicht, dass zusätzliche Waffen den Konflikt militärisch anheizen und verlängern, anstatt ihn zu lösen. Auch steht sie den Wirtschaftssanktionen gegen Moskau skeptisch gegenüber und plädiert für deren schrittweise Beendigung.
Im Wahlkampf inszenierte sich Jotowa als «Präsidentin des Friedens», die mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin in den Dialog treten möchte, um eine Friedenslösung zu finden. Kritiker werfen ihr vor, mit diesem Kurs einen Diktatfrieden oder das Einfrieren des Konflikts zugunsten von Moskau in Kauf zu nehmen.
Der Ukraine-Krieg gewann im Wahlkampf an Brisanz, weil in den Wochen vor dem Urnengang vier Handelsschiffe vor der bulgarischen Schwarzmeerküste von Drohnen getroffen wurden. Zwei Schiffe sanken, 21 Besatzungsmitglieder werden noch immer vermisst. Moskau bestreitet jegliche Verantwortung dafür. Es bestehen allerdings kaum Zweifel daran, dass die Russland dahinter steckt. Wie Ministerpräsident Radew verurteilte auch Jotowa die Angriffe. Radew bestellte auch die russische Botschafterin in Sofia ein. Direkte Vorwürfe an Moskau erhob die Regierung jedoch nicht.
Die prowestliche Opposition von Jotowas Herausforderer Gjurow warf ihr denn auch vor, zu zögerlich zu reagieren und Russland nicht ausdrücklich für die Angriffe verantwortlich zu machen. Aus ihrer Sicht erwies sich die bisherige Strategie der Regierung als Fehleinschätzung: Die jüngsten Attacken zeigten, dass Zurückhaltung gegenüber Russland und fehlende Solidarität zu Kiew Bulgarien nicht vor Beschuss schützten. Jotowa und Radew sehen das anders. Ihrer Ansicht nach sind die Vorfälle kein Angriff auf den bulgarischen Staat, sondern eine Folge der Eskalation des Krieges.
Eigene Aussenpolitik
Jotowas langjährige Tätigkeit als Europaabgeordnete hat ihre europapolitische Haltung geprägt. Ihrer Meinung nach sollten kleinere EU-Staaten die Beschlüsse der grossen Länder nicht automatisch übernehmen müssen. Das zeigt auch ihr Kurs im Ukraine-Krieg. «Ich stimmte dafür, dass Bulgarien ein starker Staat im starken Europa sein wird, dass Bulgarien aber auch eine eigene Aussenpolitik und Rückgrat hat, wenn es das Wichtigste verteidigen muss – das nationale Interesse», sagte sie vor dem Urnengang am Sonntag. Die EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen gratulierte Jotowa zu ihrem Wahlsieg über die Plattform X. Sie freue sich darauf, die gemeinsame Arbeit fortzusetzen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Nicole Anliker
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