Rückschläge im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Zwei vielversprechende Medikamente erweisen sich als nutzlos

Sie sollten den Blutfettwert Lp(a) senken und Entzündungen stoppen. Doch die Behandlung wirkte nicht besser als das Placebo. Jetzt müssen Forscher ihre Grundannahmen hinterfragen.

08.11.2026, 13.46 Uhr

3 Leseminuten


Herzinfarkte und Schlaganfälle zu vermeiden, könnte Millionen Leben retten.

Herzinfarkte und Schlaganfälle zu vermeiden, könnte Millionen Leben retten.

Es war ein enttäuschender Morgen für die Forscher, die sich am Samstag zum jährlichen Treffen der American Heart Association in Chicago versammelt hatten. Denn Forscher der beiden Pharmafirmen Novo Nordisk und Novartis veröffentlichten schlechte Nachrichten: Ihre neusten Wirkstoffe zum Vorbeugen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten in grossangelegten Studien versagt.

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Das ist ein herber Rückschlag. Mediziner hatten sich von den beiden Medikamenten Durchbrüche erhofft, um Herzinfarkte und Schlaganfälle zu vermeiden. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache der Welt.

Bereits im Juli und September hatten Novo Nordisk und Novartis in knappen Meldungen mitgeteilt, dass die beiden Medikamente die Studienziele nicht hätten erreichen können. Doch detailliertere Daten fehlten noch. So blieben Hoffnungen: Vielleicht hatten die Medikamente die Ziele nur knapp verfehlt? Oder zumindest in bestimmten Untergruppen der Teilnehmer gewirkt?

Die jetzt veröffentlichten Studien zeigen: Das ist nicht der Fall. Beide Medikamente haben auf ganzer Linie versagt.

Beide Medikamente sind wirkungslos

Eines der beiden Mittel ist der Wirkstoff Ziltivekimab von Novo Nordisk. Er soll Entzündungen bekämpfen. Diese gelten als entscheidender Faktor für die Entstehung von verkalkten Gefässen, die Herzinfarkte oder Schlaganfälle auslösen können.

Nun hat die Studie an 6376 Patienten gezeigt: Ziltivekimab senkt zwar tatsächlich die Werte des Entzündungsmarkers, gegen den es wirken soll. Aber es schützt nicht vor Herzinfarkten oder Schlaganfällen. 17,6 Prozent der Probanden, die mit dem neuen Mittel behandelt wurden, erlitten innerhalb der drei Jahre laufenden Studie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. In der Kontrollgruppe, die nur ein Placebo erhielt, waren es 17,7 Prozent – fast exakt gleich viele.

Ganz ähnlich sieht es bei dem zweiten Medikament aus. Der Wirkstoff Pelacarsen von Novartis soll Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen, indem er den Blutfettwert Lipoprotein(a), abgekürzt Lp(a), senkt. Ähnlich wie ein hoher LDL-Cholesterinwert gilt auch ein hoher Lp(a)-Wert als Risikofaktor für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung haben genetisch bedingt einen erhöhten Lp(a)-Wert. Allein durch einen veränderten Lebensstil kann man diesen Wert nicht senken.

Mit Pelacarsen sollten Ärzte nun erstmals ein Medikament an die Hand bekommen, das den Lp(a)-Wert senkt. Im Rahmen der neuen Studie wurden 8350 Probanden fünf Jahre lang untersucht. Die Hälfte von ihnen wurde mit Pelacarsen behandelt, die andere Hälfte erhielt ein Placebo. Die Studie zeigte: Das Medikament hat zwar den Lp(a)-Wert um 80 Prozent senken können. Aber gegen Herzinfarkte und Schlaganfälle hilft es nicht. Die Probanden in der Kontrollgruppe erlitten diese genauso häufig wie die Probanden, die das Medikament erhielten.

Besonders überraschend für die Wissenschafter war, dass dieses Ergebnis auch in allen Untergruppen der Probanden bestehen blieb. Egal ob die Patienten vor der Studie besonders hohe Lp(a)-Werte hatten, ihr Wert besonders stark gesenkt werden konnte, egal wie lange sie schon mit Herz-Kreislauf-Problemen zu kämpfen hatten: Das Medikament half niemandem.

Die Forscher müssen ihre Annahmen hinterfragen

Nun müssen die Wissenschafter eine Erklärung dafür finden, warum die beiden vielversprechenden Medikamente gescheitert sind. Ein Grund könnte sein, dass die Studien die falschen Patientengruppen ausgewählt haben. Womöglich würden die Medikamente wirken, wenn sie früher im Verlauf der Erkrankung gegeben würden oder bei Menschen mit anderen Vorerkrankungen und Risikofaktoren.

Oder aber die Grundannahmen der Forscher sind falsch.

Womöglich sind Entzündungen gar nicht die Ursache von mehr Ablagerungen in den Gefässen und mehr Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Stattdessen könnten sie nur ein Symptom davon sein, dass eine Atherosklerose weit fortgeschritten und gefährlich ist. So wie Falten zwar ein Symptom von hohem Alter sind, aber nicht die Ursache für das Altern. Die Entzündungen zu bekämpfen, um Herzinfarkte zu verhindern, wäre dann genauso sinnlos, wie Falten zu bekämpfen, um das Altern zu verhindern.

Ähnlich könnte die Situation bei Lp(a) sein. «Es bestehen Zweifel, ob Lp(a) grundsätzlich ein sinnvolles medikamentöses Behandlungsziel darstellt», schreibt Stefan Blankenberg, der Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, in Bezug auf die neuen Studienergebnisse. Dennoch solle man den Lp(a)-Wert mindestens einmal im Leben bestimmen lassen. Denn er sagt trotzdem etwas über das eigene Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus.

Noch kann niemand mit Sicherheit sagen, ob die Forscher mit Lp(a) und Entzündungen auf die falschen Ziele gesetzt haben. Mehrere Studien mit anderen Wirkstoffen und bei anderen Patientengruppen laufen derzeit und werden in den kommenden Jahren abgeschlossen. Doch die Hoffnung auf sensationelle Ergebnisse dürfte sich nach diesem Wochenende in Grenzen halten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Anna Weber

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