Roche setzt geplante Investitionen in Deutschland aus – lässt sich aber ein Türchen offen
Der Basler Medikamentenhersteller Roche ist empört über die Preisnachlässe, zu denen ihn die deutsche Regierung zwingt. Für den Fall, dass sich Berlin wieder auf die Pharmaindustrie zubewegt, signalisiert er Kompromissbereitschaft.
21.10.2026, 05.30 Uhr
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Der deutsche Hauptstandort von Roche liegt im bayrischen Penzberg. Der Konzern beschäftigt in Deutschland mehr Mitarbeiter als in der Schweiz.
Imago
Roche ist verärgert über die deutsche Politik. «Wir haben sämtliche künftigen Investitionsentscheidungen in Deutschland erst einmal auf ‹hold› gesetzt», sagte der Leiter des Deutschland-Geschäfts der Pharmafirma, Daniel Steiners, in einem Interview mit der Zeitung «Die Welt».
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Hintergrund des Entscheids ist das Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge, das der Deutsche Bundestag im vergangenen Juli verabschiedete. Es verlangt von Medikamentenherstellern zusätzliche Rabatte. Die Pharmafirmen sollen damit einen Beitrag zur Begrenzung der hohen Kosten leisten, unter denen auch das deutsche Gesundheitswesen leidet.
Auch Eli Lilly und Pfizer gehen in Deutschland über die Bücher
In der Pharmaindustrie hat das Gesetz viel Empörung ausgelöst. Roche ist nicht das einzige Unternehmen, das wegen der neuen Bestimmungen geplante Ausbauschritte in Deutschland hinterfragt. Bereits Anfang Juni, noch vor der Verabschiedung des Gesetzes, hatte der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly bekanntgegeben, geplante Investitionen von 2,5 Milliarden Euro bei einem neuen Produktionswerk in Alzey in Rheinland-Pfalz zu halbieren.
Beinahe zeitgleich gab der deutsche Konkurrent Boehringer Ingelheim bekannt, auf Ausgaben von 900 Millionen Euro zu verzichten. Auch Pfizer, ein weiteres amerikanisches Branchenschwergewicht, hat Investitionen in Deutschland auf den Prüfstand gestellt.
Verzicht auf «Zukunftsinvestitionen»
Auf Anfrage der NZZ präzisierte Roche, «Zukunftsinvestitionen» ausgesetzt zu haben. Projekte, die sich in Deutschland bereits in der Umsetzung befänden, seien vom Entscheid nicht betroffen.
Der Basler Konzern hat laut eigenen Angaben seit 2020 insgesamt 3,8 Milliarden Euro in deutsche Standorte investiert. Dadurch seien über 1800 neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland stieg damit auf knapp 18 600. Das Unternehmen gehört zu den grössten Arbeitgebern in der deutschen Pharmaindustrie. In der Schweiz arbeiten bei Roche 15 500 Personen.
Novartis schliesst Werk in Baden-Württemberg
Beim nach Roche zweitgrössten Medikamentenhersteller aus der Schweiz, Novartis, sorgt das neue Gesetz in Deutschland ebenfalls für Unmut. Die Preissenkungen, die von der Pharmaindustrie verlangt würden, seien «das falsche Signal», sagte der Firmenchef Vas Narasimhan Ende April an einer Telefonkonferenz mit Medienvertretern.
Anders als Roche äusserte sich Novartis bis anhin nicht zur Zukunft geplanter Investitionen in Deutschland. Der Konzern gab allerdings im Mai bekannt, sein Werk im baden-württembergischen Wehr in unmittelbarer Nähe zur Schweizer Grenze bis Ende 2028 zu schliessen. Begründet wurde der Entscheid damit, dass der Produktionsstandort «nicht mehr wettbewerbsfähig» sei. Von der Schliessung betroffen sind laut Novartis 220 Arbeitsplätze.
Sandoz will in Deutschland weiter investieren
Kein Thema scheint die deutsche Gesundheitsreform für den drittgrössten Schweizer Medikamentenhersteller Sandoz zu sein. Der Konzern, der anders als Roche und Novartis keine Originalpräparate, sondern ausschliesslich Generika und andere günstige Nachahmerprodukte herstellt, will in Deutschland weiter investieren.
«Wir sehen Deutschland als Teil unseres Netzwerks», sagte der Sandoz-Chef Richard Saynor an einem Medienanlass am Dienstag am Basler Hauptsitz. Er verwies darauf, dass die Fabrik des Konzerns in Barleben in Sachsen-Anhalt das grösste Produktionsvolumen aller Pharmawerke in Europa aufweise. «Es ist keine glamouröse Tätigkeit, aber wir stellen dort Milliarden von Tabletten pro Jahr her.»
Roche erklärt derweil, dort zu investieren, wo die Rahmenbedingungen als verlässlich gälten und der Standort international wettbewerbsfähig sei. «In diesem Wettbewerb um Investitionen und Technologien steht auch Deutschland.»
Was künftige Ausgaben in Deutschland betrifft, scheint Roche den Standort trotz allem nicht völlig abgeschrieben zu haben. Der Konzern erwähnt lobend die Vorschläge zur sogenannten Standortklausel, die ein Fachgremium im Auftrag des Gesundheitsministeriums und des Wirtschaftsministeriums Ende September präsentiert hat.
Diese sehen vor, dass Pharmafirmen, die in Deutschland investieren, produzieren sowie Forschung und Entwicklung betreiben, zumindest einen Teil der neu verlangten zusätzlichen Abschläge auf Medikamentenpreise ausgleichen können. «Die Vorschläge sind ein wichtiger Perspektivwechsel, den wir begrüssen.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominik Feldges
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