Pro Artikel
Putin übt «Vergeltung» indem er Schulen, Spitäler und Supermärkte bombardiert. Doch das wird ihm nichts nützen
Die Angriffe der Russen richteten sich zuletzt häufig auf zivile Ziele. Die Ukrainer würden das überstehen, weil sie die Nachkommen jenes «neuen Typs Mensch» seien, der von den Kommunisten gezüchtet wurde, schreibt der Schriftsteller Sergei Gerasimow aus Charkiw.
Sergei Gerasimow26.10.2026, 05.30 Uhr
8 Leseminuten
«Es ist klar, dass der Kreml beabsichtigt, die Büchse der Pandora so weit wie möglich zu öffnen»: Trauer nach einem Angriff in Charkiw, September 2026.
Sofiia Gatilova / Reuters
«Sie haben damit angefangen», erklärte der Diktator im Kreml kürzlich. «Nun müssen sie die Wucht der russischen Vergeltung zu spüren bekommen.»
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Die vierzigtägige Militäroperation der Ukraine gegen halb zivile Ziele, die Russland zum Frieden zwingen sollte, begann im Juni. Im Juli folgten spektakuläre Angriffe auf russische Online-Warenlager, sie endeten ohne grosses Aufsehen. Das Ergebnis war vorhersehbar. Weder die Bombardierung Londons noch jene von Dresden oder von Tokio hatte die betroffene Partei zur Aufgabe bewegen können. Es war kaum zu erwarten, dass das Abbrennen der Wildberries-Lagerhäuser und die schwere Beschädigung eines Dutzends russischer Ölraffinerien durchschlagende Wirkung haben würden.
Die Operation ist vorbei, doch hat Moskau auf Geheiss Putins mit Vergeltungsmassnahmen begonnen.
Heute wollte ich Futter für meine Katze kaufen und stellte fest, dass Russland das Lager, in dem das Katzenfutter gelagert wird, bereits achtmal angegriffen hat. Was für ein erstaunlicher Hass auf unsere Katzen.
Putin folgt einer simplen Logik: Als Reaktion auf den Versuch der Ukraine, Russland zum Frieden zu zwingen, startet der Kreml nun eine symmetrische Kampagne, um die Ukraine zu unterwerfen. Na gut, vielleicht nicht ganz symmetrisch, aber dennoch: Wenn ihr unsere «zivilen» Ziele angreift, sagt er sich (wobei die Wildberries-Website mehr als 200 000 für Russlands «militärische Sonderoperation» taugliche Produkte anbot), dann greifen wir die euren an.
Aber es reicht, nachts durch die Strassen von Charkiw zu fahren, um zu erkennen, dass mit der Idee der «Vergeltung» etwas grundlegend nicht stimmt.
Eine grosse Kiste auf Rädern
Es ist Nacht. In Charkiw herrscht Ausgangssperre. Scheinwerfer lassen Bäume, Kioske und Kandelaber scharf aus der Dunkelheit hervortreten. Alles liegt schwarz und regungslos, es ist vollkommen still – bis die Luftschutzsirene heult. Unbeeindruckt überquert ein Igel die Strasse. Nachts tummeln sie sich im Zentrum der 1,5-Millionen-Stadt. Sie wissen, dass keiner in der Nähe ist, und fühlen sich sicher.
Auf beiden Seiten der Strasse, entlang der Gehwege, unter Bäumen, stehen dunkle Kuben von Trolleybussen. Verstreut und mit reichlich Abstand zueinander, überdauern sie hier die Nacht. Nur so entkommen sie möglichen Angriffen. Ein Trolleybus ist nur eine grosse Kiste auf Rädern mit einem Elektromotor. Für Russland ergibt es aus wirtschaftlichen Gründen keinen Sinn, eine ganze Shahed-Drohne für ein solches Gefährt zu verschwenden, das obendrein leer ist.
Die Busse fahren schon lange nicht mehr ins Depot, weil Russland sie im Visier hat. Der letzte Angriff datiert vom Mai 2025. Damals trafen acht Shaheds das Trolleybus-Depot Nr. 2 in Charkiw. Achtzehn Trolleybusse verbrannten, kaum einer blieb fahrtüchtig. Wenn man durch eine Lücke im verkohlten Metallzaun in die leere Halle späht, erblickt man verstreut Überreste sowie Unkraut, das dazwischen in die Höhe wächst.
Trolleybus-Depots sind zivile Ziele. Und Moskau hat sie schon angegriffen, lange bevor die Ukraine überhaupt daran dachte, russische Online-Lagerhäuser zu attackieren. Putins «Ihr habt doch damit angefangen» klingt wie die Ausrede eines Kindergarten-Tyrannen.
Übrigens wurden laut dem Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte in den ersten dreissig Tagen des Krieges 1035 ukrainische Zivilisten getötet. Davon waren 214 Männer, 160 Frauen, 14 Mädchen und 28 Knaben, während das Geschlecht von 48 Kindern und 571 Erwachsenen nicht festgestellt werden konnte.
Was genau muss man Kindern antun, damit es unmöglich wird, ihr Geschlecht anhand ihrer Überreste zu bestimmen? Das sollte man mitbedenken, wenn man fragt, wer im Krieg als Erster zivile Ziele unter Beschuss genommen hat.
Nach Belieben zuschlagen
In Charkiw gibt es zwei Epicentr-Hypermärkte. Der erste wurde im Mai 2024 von Raketen getroffen, sechzehn Menschen, die dort einkaufen wollten, kamen ums Leben. Zwei Jahre später begann die Ukraine, russische Wildberries unter Feuer zu nehmen. Als Reaktion darauf – was sonst? – griff Moskau den zweiten Epicentr-Hypermarkt in Charkiw an.
Es ist sinnlos, zu fragen, wer angefangen hat. Die Antwort liegt auf der Hand. Besser und wichtiger ist es, die Unterschiede zu benennen.
Im Jahr 2024 behauptete Russland noch dreist, im Hypermarkt von Charkiw sei ein Munitionsdepot untergebracht gewesen. 2026 griff es nochmals einen Hypermarkt an und machte sich diesmal nicht mehr die Mühe, eine Lüge zu erfinden, um dies zu rechtfertigen. Nach den Attacken auf Wildberries fühlte es sich berechtigt, nach Belieben überall zuzuschlagen.
Die zivilisierte Welt scheint sich mittlerweile kaum noch daran zu stossen. Russische Terrorschläge gegen ukrainische Zivilisten sind kein Gegenstand der Erregung und Empörung mehr. Der Horror ist alltäglich geworden, alles im normalen Bereich. Krieg ist eben Krieg.
«Lasst uns das grösste und schwerwiegendste Problem der Menschheit zum G-20-Gipfel einladen», vernimmt man aus dem Weissen Haus, «und dort werden die Staats- und Regierungschefs der zivilisierten Staaten mit diesem Problem auf Augenhöhe sprechen.» Wer wird dem Herr des Kremls die blutige Hand schütteln? Die Welt war noch nie so heuchlerisch.
Es brennt lichterloh
Schulen, Spitäler, Tankstellen und Supermärkte gehen in Flammen auf. Medienhäuser, Rechenzentren und Hochspannungsmasten kommen unter Feuer, desgleichen Bahnhöfe. Das Gebäude der Akademie der Wissenschaften brennt lichterloh, Mitarbeiter suchen sich zu retten, klettern aus den Fenstern und hangeln sich wie Superhelden den Hauswänden entlang. Auch Regierungsgebäude bleiben nicht verschont.
Ukrainische Bibliotheken wurden zu Rauch und Asche. In nur wenigen Wochen hat Russland zwölf Millionen Bücher zerstört.
Russland greift die Wasserversorgung, das Verkehrswesen und die Kommunikationsinfrastruktur an. Es greift Häfen, Fabriken und Schienenfahrzeuge an.
Lagerhäuser für medizinische Güter stehen ganz oben auf der Vernichtungsliste, sie werden besonders hartnäckig attackiert. Allein am 3. September in vier Fällen. Und auch die Arzneimittelproduktion steht unter Beschuss. Drei Anlagen von Darnytsia, dem grössten ukrainischen Pharmahersteller, brannten innerhalb von sechs Tagen nieder.
Was ist bedrohlich an Gemüsedepots? In der Region Charkiw töteten russische Drohnen sechs Leute, die auf einem Bauernhof Kartoffeln und Karotten sortierten.
Und was an ganz normalen Wohnhäusern? In Kiew traf es einen vierzehnjährigen Knaben, der gerade seine Hausaufgaben zum Thema «gerechte Gesetze» machte. Nun ist er nicht mehr da, aber sein Heft mit den unvollendeten Hausaufgaben blieb. Ja, ja, offenbar gibt es überall gerechte Gesetze, aber Gerechtigkeit ist nirgends in Sicht.
Die Brücken über den Dnipro stehen unter Beschuss – oder besser gesagt: Es sind Menschen, welche diese Brücken benutzen, Ziel der Angriffe. Irgendein blutrünstiger Wahnsinniger in Russland denkt, dass es schwierig und teuer ist, eine Brücke zu zerstören, dabei ist es doch viel einfacher, Passanten ins Jenseits zu befördern. Nach ein paar Angriffen werden die Leute die Brücke einfach nicht mehr benutzen. Und wenn doch, ist das ihre eigene Schuld.
In Charkiw stürzte sich eine russische Drohne in ein Wandgemälde, das den Helden der Ukraine Stas Partala ehrte. Die ukrainische Kultur war den Invasoren schon immer ein besonderer Dorn im Auge, mehr als 2000 Kulturgüter oder Kulturstätten wurden Ziel von Angriffen. Das Kunstmuseum von Charkiw kam an die Reihe, noch bevor die vierzigtägige ukrainische Militäroperation, Russland zum Frieden zu zwingen, überhaupt begonnen hatte.
«Sie haben alles angefangen», wird Putin nicht müde zu wiederholen, während die im Saal versammelten Menschen ihm ernst und intelligent dreinblickend zuhören. Einige nicken gar. «Die Ukraine hat die Büchse der Pandora geöffnet.»
Die russische Produktion von düsengetriebenen Shaheds begann auf der Basis der iranischen Jet-Drohne Shahed-238 und expandiert nun in beispiellosem Tempo. Das Werk in Tatarstan, das sie herstellt, erhöht laufend seine Kapazität. Neue Gebäude werden gebaut, es ist Grosses im Gang.
Der Kreml verfügt nun über eine Waffe, mit der er fast alles in der Ukraine nahezu ungestraft angreifen kann. Es ist klar, dass er beabsichtigt, diese Büchse der Pandora so weit wie möglich zu öffnen. Weil er es kann.
Unsere Sowjetgene
Wir werden all das überstehen. Denn wir sind Nachkommen jenes «neuen Typs Mensch», der von den Kommunisten gezüchtet wurde. Der Homo sovieticus verfügte über eine weit grössere Fähigkeit, alle möglichen Schwierigkeiten, Entbehrungen und Nöte zu ertragen als der ganz gewöhnliche darwinistische Homo sapiens. Wir tragen noch immer einige dieser Gene in uns.
Heute traf eine gelenkte Gleitbombe ein Haus etwa sechzig Meter von mir entfernt. Ich befinde mich draussen, als ich ein lautes, Lähmung verbreitendes Pfeifen höre. Eine Sekunde später lässt die Explosion mich leicht vom Boden abheben. Ein Wasserglas fällt wie in Zeitlupe aus dem sechzehnstöckigen Gebäude neben mir herab, bevor sein Inhalt explodiert. Ein schwarzer Geländewagen biegt um die Ecke. Er ist unbeschädigt, aber voller Glas, als wäre es Schnee.
Zerschmetterte Fenster, zerrissene Balkone. Ein Dutzend Autos stehen zerknittert, als bestünden sie aus Papier und hätte sie jemand in seiner Faust zerdrückt. Eine Betonmauer ist mit tiefen Kratern übersät. Ein Mensch liegt tot auf dem Rasen, leicht mit trockener Erde bedeckt. Das ist das erste Mal seit fünf Jahren, dass ich jemanden, der von den Russen ermordet wurde, aus solcher Nähe sehe.
«Mama, bitte antworte! Mama, bitte antworte!», tönt es aus dem Handy. Doch Mama antwortet nicht.
«Das Wichtigste ist, dass die Kinder am Leben geblieben sind. Das Wichtigste ist, dass die Kinder leben», wiederholt eine andere Frau ununterbrochen. Jemand sucht nach einer Decke, um den Leichnam damit zu bedecken. Die Aprikosenbäume und Pappeln stehen kahl, die Druckwelle hat ihnen alle Blätter abgerissen. So überleben wir. Die Russen zerstören Charkiw genauso, wie sie Kiew zerstören.
Übrigens besitzen auch die Russen das Sowjetgen. Entbehrung und Not können ihnen nichts anhaben. Im Juni, als die Ukraine alles in ihrer Macht Stehende tat, um die Krim zu isolieren, reisten immer noch Hunderttausende Russen in die Gefahrenzone, um im Meer zu schwimmen. Die 5-Sterne-Hotels waren zu 42 Prozent ausgelastet – welche Idiotie.
Ein Land wie Russland lässt sich nicht durch die Bombardierung von Online-Lagerhallen aufhalten. Und auch nicht durch die Bombardierung von Ölraffinerien oder durch den Heldenmut der ukrainischen Verteidiger an der Front. Ein solches Land kann nur durch das Zusammenstehen einer Welt aufgehalten werden, die aufgehört hat, heuchlerisch oder gierig, dumm oder feige zu sein.
Unerträglich müde
Es ist früher Morgen. Die Ausgangssperre für Charkiw ist aufgehoben. Ein Soldat wartet an der Trolley-Haltestelle. Er ist etwa fünfzig. Ruhiges Gesicht, kurzes graues Haar. Er steht da und schwankt leicht, weil seine Augen geschlossen sind. Es sieht aus, als würde er im Stehen schlafen, wie ein Pferd. Er döst weiter, bis zu dem Moment, in dem sich die Türen des vor ihm einfahrenden Trolleybusses öffnen. Dann hebt er mit einer schnellen Bewegung zwei schwarze Taschen auf, die etwas Schweres enthalten, und steigt ein.
So lebt das ganze Land. Wir alle sind unerträglich müde, aber wir tun weiterhin, was wir tun müssen. Wir tun es, und wir werden es weiterhin tun, egal, wie lange es dauert. Heute ist die Ukraine das neue Thermopylai, und dreissig Millionen ukrainische Spartaner werden hinter ihren Schilden die Stellung halten, um ihre Welt vor dem Einfall der Dunkelheit zu schützen – was immer daraus entstehen wird.
Sergei Gerasimow lebt als Schriftsteller in der Grossstadt Charkiw, die nach wie vor von den Russen beschossen wird. – Aus dem Englischen von A. Bn.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira