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Erneut gingen am Wochenende Hunderttausende auf die Strasse. Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann erklärt, was die Probleme Frankreichs für die Europäische Union bedeuten.
Tobias Straumann
Wirtschaftshistoriker
Tobias Straumann ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Fachgebieten gehören die Schweizer Wirtschaftsgeschichte und -politik sowie die europäische Geld- und Finanzgeschichte.
SRF News: In vielen Ländern ist der Unmut unter den Jugendlichen gross. Geht es dieser Generation schlechter als vorherigen Generationen?
Tobias Straumann: Dieser Generation geht es sicher nicht generell schlechter. Es sind wenige und vor allem die grossen Länder, die ungelöste innenpolitische Probleme haben: Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, auch Grossbritannien. Die haben etwa ganz schlechte Bildungssysteme. Das hat eigentlich nichts mit der heutigen Situation zu tun. Gerade in Frankreich ist die Jugendarbeitslosigkeit schon lange sehr hoch, weil die Leute alle an die Uni gehen und nachher keinen Job finden.
Punkto Wirtschaftsleistung war Frankreich in den letzten Jahren weder Überflieger noch Problemfall innerhalb Europas. Seit 2019 wuchs das Reale Bruttoinlandprodukt pro Kopf um 3.2 Prozent. Das ist zwar weniger Wachstum, als die Eurozone im Schnitt verzeichnete, aber die deutsche Wirtschaft beispielsweise schrumpfte in diesem Zeitraum leicht.
Auch die Langzeitarbeitslosenquote konnte Frankreich in den letzten sechs Jahren von 2.3 auf 1.8 Prozent senken. Somit ist die Quote der Erwerbstätigen, die seit mindestens 12 Monaten keinen Job haben, tiefer als in der Eurozone, aber immer noch deutlich höher als in Deutschland.
Die Quote der arbeitslosen Jugendlichen ist in Frankreich hingegen gestiegen, auf 12.9 Prozent, während sie in der Eurozone im Schnitt auf tiefere 11 Prozent sank. In Deutschland ist sie ebenfalls gestiegen, aber heute immer noch deutlich tiefer.
Gleichzeitig litt die Bevölkerung Frankreichs vor allem in den Jahren nach der Covid-Pandemie unter einer starken Teuerung. Heute sind die Preise in Frankreich mehr als 18 Prozent höher als vor der Pandemie. Allerdings: In der Eurozone und in Deutschland war der Preisschub noch stärker.
Weshalb gehen die Leute gerade jetzt auf die Strasse?
Zwei Themen lösen Unmut aus: die Wohnungsnot und die steigenden Preise. In den Städten findet man kaum mehr erschwingliche Wohnungen, vor allem in den grossen Zentren. Zudem ist die Inflation gestiegen: Die Leute – nicht nur die Jugendlichen – spüren, dass das Benzin wieder teurer wird wegen des Kriegs im Iran. Und die Ukraine belastet immer noch.
Könnten die Proteste zu einer chronischen Krise in Europa führen?
Europa ist seit der Eurokrise in einer schwierigen Situation. Das Wachstum ist im Durchschnitt schwach. Wir haben enorme Probleme in der Industrie wegen der Konkurrenz aus China. Da schwelen verschiedene Krisenherde. Aber es ist nicht so, dass man befürchten muss, dass in den nächsten Monaten eine grosse Krise ausbrechen wird.
Ich glaube nicht, dass man die gleichen Fehler macht wie vor 15 Jahren, als die Eurokrise ausbrach.
Am verwundbarsten ist Frankreich. Dort sieht man auf den Finanzmärkten, dass das Vertrauen in die französische Politik bezüglich Budgetpolitik immer mehr schwindet. Dies drückt sich in sinkenden Kursen beziehungsweise steigenden Renditen auf Staatsanleihen aus. Das macht die Staatsfinanzierung immer teurer. Das ist ein Problem.
Vor 30 Jahren lagen Frankreichs Staatsschulden noch bei rund 65 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Danach stiegen sie mehr oder weniger kontinuierlich auf heute 116 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit hat sich Frankreich von Deutschland entkoppelt, wo die Schuldenquote relativ stabil blieb. Und näherte sich dem ebenfalls hoch verschuldeten Italien an.
Auch die Kosten für diese Schulden sind zuletzt deutlich gestiegen, auf aktuell knapp fünf Prozent. Bei deutschen Staatsanleihen betrug die Rendite für die Investoren heute Mittag 3.4 Prozent – also rund 1.6 Prozentpunkte weniger.
Aber ich glaube nicht, dass man wieder die gleichen Fehler macht wie vor 15 Jahren, als die Eurokrise ausbrach und man zu viel Zeit gebraucht hat, bis die Europäische Zentralbank reagierte. Wenn es wirklich bedrohlich wird, wird die Zentralbank eingreifen und dann wird sich das wieder beruhigen.
Inwiefern hat Europa ein Problem?
Ganz spezifisch hat die Europäische Währungsunion ein Problem. Das ist ein Währungsraum – das sagt auch Brüssel selber –, in dem wichtige Elemente nicht umgesetzt werden. Man hat die gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Finanzpolitik und keine gemeinsame politische Union.
Die nächsten fünf, zehn Jahre wird es sehr schwierig für das Projekt EU und Euro.
Die Schweiz hat das: Wir haben eine gemeinsame Finanzpolitik auf Bundesebene. Wir haben gewisse Ausgleichsmechanismen, damit die schwächeren Regionen nicht völlig abgehängt werden, und wir haben vor allem eine hohe Mobilität der Arbeitskräfte. Das alles fehlt im Euroraum und darum ist das immer wieder ein sehr verletzliches Konstrukt.
Wie sieht Ihre Prognose aus?
Ich glaube, die nächsten fünf, zehn Jahre wird es sehr schwierig für das Projekt EU und Euro. Neu ist, dass vor allem Deutschland schwächer geworden ist. Frankreich war immer weniger stark als Deutschland, aber wenn beide Probleme haben, wird das Schwierigkeiten geben für den gesamten europäischen Raum. Frankreich hat keinen Spielraum mehr, weil es so verschuldet ist. Das ist das Schlimmste an der Verschuldung: dass man keine staatlichen Mittel mehr hat, wenn man sie in einer Krisensituation wirklich bräuchte.
Das Interview führte Sina Freiermuth.
Eco Talk, 26.10.2026, 22:25 Uhr ; srf/horl;flal
Source: SRF · 27.10.2026, 07:28
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