Pluto bekommt Gesellschaft: Das Vera-Rubin-Observatorium entdeckt einen mutmasslichen Zwergplaneten
Nichts Neues unter der Sonne? Wer das glaubt, wird durch das neue Grossteleskop in Chile eines Besseren belehrt.
29.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Das Bild zeigt die aus verschiedenen Bildern rekonstruierte Bahn des mutmasslichen Zwergplaneten zwischen dem 3. März und dem 11. Juli.
NSF’s Noirlab
Wenn Astronomen mit neuen Teleskopen in den Himmel schauen, interessieren sie sich vor allem für die fernen Gefilde des Weltalls. Das Licht, das von dort kommt, wurde bereits vor vielen Milliarden Jahren abgestrahlt. Es verrät daher, wie unser Universum entstanden ist und wie es sich in jungen Jahren entwickelt hat.
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Auch das Vera-Rubin-Observatorium, das vor gut einem Jahr in Chile den Betrieb aufgenommen hat, lässt den Blick in die Ferne schweifen, um die grossräumige Struktur des Universums zu kartieren. Das Teleskop kann aber noch mehr: Es enthüllt auch, was sich quasi vor unserer Haustüre abspielt. So haben Astronomen mit dem Teleskop einen 600 bis 1500 Kilometer grossen Himmelskörper entdeckt, der jenseits des Neptuns um die Sonne kreist.
Die Grösse ist noch mit Unsicherheiten behaftet. Sollte sie sich durch nachfolgende Beobachtungen bestätigen lassen, wäre das Objekt mit der Bezeichnung 2026 ED138 ein Kandidat für den sechsten Zwergplaneten in unserem Sonnensystem. Der bekannteste Zwergplanet ist Pluto mit einem Durchmesser von 2374 Kilometern.
Die Familie der Zwergplaneten könnte bald Zuwachs erhalten.
Nasa
Das Vera-Rubin-Observatorium punktet durch Schnelligkeit
Mit einem Spiegeldurchmesser von 8,4 Metern ist das Vera-Rubin-Observatorium ein grosses Teleskop. Es spielt in der gleichen Liga wie das Very Large Telescope in Chile und andere Grossteleskope auf der Erde. Eins kann das Vera-Rubin-Observatorium jedoch besonders gut. Mit ihm lassen sich grosse Bereiche des Himmels sehr schnell kartieren. In nur drei Tagen kann es den gesamten südlichen Sternenhimmel erfassen. Danach beginnt es mit der nächsten Durchmusterung. Dank dieser Schnelligkeit lassen sich mit dem Teleskop bisher unbekannte Objekte erkennen, die sich durchs Sonnensystem bewegen und dadurch ihre Position in den Bildern verändern.
Die Entdeckung des neuen Himmelskörpers gelang mit einem Algorithmus, der die Aufnahmen des Vera-Rubin-Observatoriums analysiert. Der Algorithmus vergleicht Bilder von bewegten Objekten und erkennt, ob diese das gleiche Objekt zeigen. Mit dieser Methode identifizierte Matthew Holman vom Harvard & Smithsonian Center for Astrophysics am 13. Oktober einen ungewöhnlich grossen Himmelskörper im äusseren Sonnensystem. «Meine erste Reaktion war eine Mischung aus Begeisterung und Ungläubigkeit», wird Holman in einer Pressemitteilung des Observatoriums zitiert.
Um sicherzugehen, durchforsteten Holman und seine Mitarbeiter ältere Aufnahmen des Vera-Rubin-Observatoriums. Sie wurden fündig. Die Astronomen entdeckten das Objekt auf dreissig Aufnahmen, die zwischen dem 4. März und dem 11. Juli 2026 gemacht worden waren. Tatsächlich konnten sie 2026 ED138 sogar auf älteren Aufnahmen eines anderen Teleskops identifizieren. Auf diese Weise liess sich dessen Bahn bis 2016 zurückverfolgen.
Die Animation zeigt die Umlaufbahn von 2026 ED138 im Sonnensystem. Die Bahn ist um 30 Grad gegen die Ebene geneigt, in der die Planeten um die Sonne kreisen. Das deutet auf eine Störung der Umlaufbahn durch den Planeten Neptun hin.
Derzeit ist 2026 ED138 etwa 40-mal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde. Der Himmelskörper gehört damit zu den transneptunischen Objekten im äusseren Sonnensystem, von denen man in den letzten Jahren eine ganze Menge entdeckt hat. Welches davon von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) in den illustren Kreis der Zwergplaneten aufgenommen wird, ist letztlich eine Frage der Grösse.
Die Definition verlangt, dass ein Himmelskörper so gross und massereich sein muss, dass er unter dem Einfluss der eigenen Schwerkraft eine nahezu runde Gestalt annimmt. Bei einem Durchmesser zwischen 600 und 1500 Kilometern sollte die Masse dafür ausreichen. Allerdings muss die Grösse noch durch Beobachtungen im infraroten Wellenlängenbereich bestätigt werden.
Die Entdeckung von 2026 ED138 liefert einen Vorgeschmack auf das, was vom Vera-Rubin-Observatorium noch zu erwarten ist. Denn der reguläre Beobachtungsbetrieb hat gerade erst begonnen. Er soll zehn Jahre dauern. Unter anderem wollen Astronomen nach einem Planeten von der Grösse der Erde suchen, den manche Forscher jenseits des Neptuns vermuten.
Suche nach potenziell gefährlichen Objekten
Mit dem Vera-Rubin-Observatorium suchen Astronomen aber nicht nur nach grossen Objekten im Sonnensystem. Vor einigen Monaten wurde bekanntgegeben, das Teleskop habe mehr als 11 000 Asteroiden entdeckt, darunter 33 Objekte, die der Erde nahe kommen. Auch das ist erst ein Anfang. Es wird erwartet, dass das Teleskop in den nächsten zehn Jahren bis zu fünf Millionen neue Objekte im Sonnensystem aufspüren wird, darunter etwa 90 000 erdnahe.
Dieses Modell des Sonnensystems zeigt die Verteilung der neu entdeckten Asteroiden (in Hellblau). Die meisten befinden sich im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. In Dunkelblau die bereits bekannte Population.
NSF–DOE Vera C. Rubin Observatory
Ein besonderes Augenmerk gilt dabei Objekten, die grösser als 140 Meter sind und sich der Erdbahn auf weniger als 7,5 Millionen Kilometer nähern. Diese Objekte gelten als potenziell gefährlich. Je nach Grösse können sie auf der Erde regional bis global Verwüstungen anrichten. Derzeit kennt man nur 40 Prozent dieser potenziell gefährlichen Objekte. Mit dem Vera-Rubin-Observatorium sollte sich die Dunkelziffer halbieren lassen.
Das Teleskop verspricht also nicht nur neue Erkenntnisse über das Universum. Es dient auch dem Schutz der Erde. Denn Abwehrmassnahmen lassen sich nur dann einleiten, wenn man gefährliche Erdbahnkreuzer Jahre im Voraus erkennt.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Speicher
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