Pierre Alain Schnegg war Unternehmer, jetzt will er Bundesrat werden. Er sagt: «Wenn Sie es allen recht machen wollen, haben Sie keinen Erfolg»

Der Bernjurassier ist seit über zehn Jahren Regierungsrat des Kantons Bern. Mit fast 64 Jahren ist er nun Bundesratskandidat.

29.10.2026, 05.30 Uhr

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Pierre Alain Schnegg ist seit über zehn Jahren Regierungsrat im Kanton Bern.

Pierre Alain Schnegg ist seit über zehn Jahren Regierungsrat im Kanton Bern.

Christian Beutler / Keystone

Der Berner Regierungspräsident Pierre Alain Schnegg gilt als einer der Favoriten für den frei werdenden Bundesratssitz der SVP. Als Bernjurassier ist er auch Westschweizer – und damit eine Alternative zur Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz, die die Parteileitung offenbar auf dem Ticket verhindern will.

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Schnegg hat eine IT-Firma aufgebaut und jahrzehntelang geführt. Mit ihm könnte erstmals seit Johann Schneider-Ammann wieder ein ehemaliger Unternehmer in die Landesregierung einziehen. Das Arbeitsethos des Firmengründers hat Schnegg nie mehr ablegen können: Er sagt, er stehe jeden Morgen um 4 Uhr auf. Für Freizeit bleibt wenig Zeit. Im Sommer schaut er zu den Bienen seiner Tochter, im Winter fährt er gelegentlich Ski. Arbeiten mache ihn glücklich, sagt Schnegg, der vier Tage nach der Bundesratswahl 64 Jahre alt wird.

Sein Büro, in dem er zum Gespräch lädt, ist karg eingerichtet. Ein paar Bücher, viele Wasserflaschen, ein einziges Bild. Vor dem Fenster verdeckt eine nahe Hausfassade das Sonnenlicht. Hier wird man nicht abgelenkt.

Frage: Herr Schnegg, für die Westschweizer SVP ist klar, dass ein Romand Nachfolger von Guy Parmelin werden soll. Kandidieren Sie ausdrücklich als Romand?

Antwort: Ja, ich fühle mich als Romand, meine Muttersprache ist Französisch. Ich finde es richtig, wenn die Westschweiz weiterhin zwei Vertreter im Bundesrat hat. Trifft dies nicht ein, ist das kein Weltuntergang. Aber es ist wichtig, dass die Minderheiten unterstützt und repräsentiert werden. Das merke ich auch in meinem Kanton, wo wir Bernjurassier einen garantierten Sitz in der Regierung haben.

Frage: Diesen Sitz besetzen Sie. Sie als Romand unter Deutschschweizern: Was unterscheidet die beiden Sprachregionen voneinander?

Antwort: Beide Landesteile wurden geprägt vom Ausland. Die Romandie durch den französischen Zentralismus, durch einen Staat, der viel entscheiden soll. Je weiter östlich man geht, desto wichtiger werden Föderalismus und Eigenverantwortung, was eher von Deutschland kommt. Während der Corona-Pandemie haben sich die Westschweizer Gesundheitsdirektoren fast jede Woche getroffen, um Massnahmen zu koordinieren. Gleichzeitig war ich Mitglied der Nordwestschweizer Gesundheitsdirektorenkonferenz. Dort erliess man in Eigenregie Massnahmen, ohne zu diskutieren, dass es einheitliche Regeln geben soll. Der eine Weg war nicht besser als der andere, in der Romandie starben nicht mehr oder weniger Leute an Covid als in der Deutschschweiz. Es sind einfach verschiedene Perspektiven.

Frage: Und welche Perspektive ist Ihnen lieber?

Antwort: Sprachlich und kulturell bin ich ein Romand. Politisch habe ich eher eine Deutschschweizer Mentalität.

Frage: In Bundesbern sagt man, Sie seien der Westschweizer Kandidat für all jene, die die Genferin Céline Amaudruz verhindern wollten.

Antwort: Nein, das sehe ich nicht so. Es ist gut, wenn die Westschweiz eine Auswahl präsentiert.

Frage: Wurden Sie von der Parteileitung zur Kandidatur überredet?

Antwort: Ich bin von verschiedenen Seiten kontaktiert worden. Dann begann ich zu überlegen, im Austausch mit meiner Familie und Vertrauenspersonen. Und ich bin zum Schluss gekommen: Ja, ich stelle mich zur Verfügung.

Frage: Als es um eine weitere Amtszeit als Regierungsrat ging, zögerten Sie. Und jetzt wollen Sie mit fast 64 Jahren Bundesrat werden?

Antwort: Wenn Sie ein solches Amt anstreben, ist es wichtig zu prüfen: Will ich das machen? Bin ich bereit? Auch bei einer Wiederwahl? Schon als ich 2016 in den Regierungsrat kam, scherzten viele, ich würde schon nach zwei Jahren wieder aufhören. Aber ich bin gesund, und solange ich gesund bleibe, möchte ich mich weiterhin engagieren. Auch im Bundesrat würde ich eine vernünftige Zeit lang bleiben.

Frage: Mit Albert Rösti ist schon ein anderer Berner Bundesrat, dazu noch ein Parteikollege aus der SVP.

Antwort: Das ist sicher kein Vorteil für mich. Aber die Kantonsklausel wurde vor über zwanzig Jahren abgeschafft. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Kanton zwei Bundesräte stellen würde. Wichtig ist, dass die kompetentesten Leute gewählt werden.

Frage: Sie sind erst Ende 2013, im Alter von 51 Jahren, der SVP beigetreten. Wie kam es zu diesem Entscheid?

Antwort: Es ist schon etwas erstaunlich, denn zwei meiner vier Kinder traten vor mir der SVP bei. Mein Bruder war SVP-Grossrat in Bern. Ich stand politisch immer der SVP nahe, ich war und bin gesellschaftlich konservativ und wirtschaftlich liberal eingestellt. Aber ich gründete in jungen Jahren eine IT-Firma und führte diese jahrzehntelang. Dann verkauften wir das Unternehmen, und ich hatte mehr Zeit. Ich trat der SVP bei und wurde gefragt, ob ich für den bernischen Grossrat kandidieren wolle.

Frage: Hatten Sie eigentlich ein Vorbild in der Politik?

Antwort: Die Art, wie Adolf Ogi die Leute mit seinen Projekten mitnehmen konnte, bodenständig und doch mit klarer Linie, hat mich beeindruckt. Er hat seine Ziele immer vor Augen gehabt.

Frage: Im Bundesrat müssten Sie womöglich das Verteidigungs- oder das Justizdepartement übernehmen. Das glaubt zumindest die SVP. Sind Sie gerüstet?

Antwort: Über die Departementsverteilung wird viel spekuliert. Am Ende entscheidet der Gesamtbundesrat, und man staunt oft, wie es herauskommt.

Frage: Als Regierungsrat beschäftigen Sie sich bereits mit dem Asyldossier. Was würden Sie anders machen als der Justizminister Beat Jans?

Antwort: Zunächst einmal: Man kann als einzelnes Bundesratsmitglied zwar Einfluss nehmen, doch am Ende entscheidet das Gremium. Aber klar habe ich Ideen. Wir haben in Bern zum Beispiel zwei Ausbildungszentren eröffnet, die Asylsuchende und Flüchtlinge sofort für zwanzig Monate besuchen müssen, sobald sie im Kanton sind. Dort erhalten sie Intensivsprachkurse, machen ein Praktikum und einen Pflegehelferkurs des Roten Kreuzes. Die Linke kritisierte zuerst, es sei unmöglich, traumatisierte Leute in Intensivkurse zu schicken. Gerade diese Woche haben wir gesehen, dass 90 Prozent der Teilnehmer einen Arbeitsvertrag erhalten haben. In der Schweiz haben wir viel zu lange Prozesse, die Asylsuchenden und Flüchtlinge sind deutlich zu lange ohne Beschäftigung. Ein echter Flüchtling, der um sein Leben fürchtet, macht da gerne mit. Die anderen, die nur von unserem System profitieren wollen, müssen wir viel früher aussortieren und ausschaffen. Es kann nicht sein, dass man hierherkommt, um Straftaten zu begehen, um dann über zwanzig Rekursmöglichkeiten doch noch in der Schweiz bleiben zu dürfen. Das schadet auch den echten Flüchtlingen, die unseren Schutz brauchen.

Frage: Sie gehören der Freikirche Gemeinde für Christus an. Wie oft gehen Sie in die Kirche?

Antwort: Wenn ich keine anderen Verpflichtungen habe, gehe ich am Sonntag in die Kirche.

Frage: Wie beeinflusst der Glaube Ihre Politik?

Antwort: In der Politik wie im Leben kann man nicht alles kontrollieren. Es gibt eine Gottesmacht, die alles in den Händen hat. Ich probiere jeden Tag, das Beste zu machen, im Bewusstsein, dass ich nur ein Mensch bin. Mein Glaube hilft mir, sowohl gute wie schlechte Momente zu relativieren. Man gewinnt und verliert, aber es gibt Wichtigeres im Leben.

Frage: Gehört der Islam für Sie zur Schweiz?

Antwort: Wir haben in der Schweiz Religionsfreiheit, und diese gilt es zu verteidigen. Keine Religion darf aber zu einem politischen System werden. In muslimischen Ländern sind Religion und Staat oft sehr eng miteinander verbunden. In christlichen Ländern war das früher ähnlich. Aber heute sind Kirche und Staat getrennt, das Christentum ist heute kein politisches System mehr, sondern ein Wertesystem.

Frage: Die Welt ist im Umbruch, wir erleben die Rückkehr der Machtpolitik. Wie kann sich die Schweiz behaupten?

Antwort: Am Ende müssen wir auf uns selber vertrauen. Das haben wir während der Pandemie erlebt. Wir hatten Verträge, Abmachungen, trotzdem wurden im Ausland Lastwagen mit Schutzmaterial blockiert. Ich werfe das niemandem vor, in der Not schaut man zuerst auf sich selbst. Es ist wichtig, gute Beziehungen zu anderen Ländern zu haben, aber wir dürfen nicht abhängig sein von jemandem.

Frage: Sie waren lange Zeit Unternehmer. Verstehen Sie Unternehmer, die für die EU-Verträge sind?

Antwort: Klar müssen wir darum kämpfen, einen guten Marktzugang zu haben. Aber wir dürfen nicht abhängig sein von Europa. Schauen Sie unsere Nachbarländer an, denen geht es nicht besonders gut. Wir brauchen deshalb auch gute Wirtschaftsbeziehungen zu den USA, zu China, Afrika oder Südamerika.

Frage: Aber Europa bleibt der wichtigste Absatzmarkt. Wie stehen Sie zum EU-Vertragspaket?

Antwort: Ich habe das Gesundheitsabkommen im Detail gelesen, weil das meine Direktion betrifft. Und ich muss Ihnen sagen: Keine zehn Prozent der Bevölkerung würden im Privatleben einen solchen Vertrag unterschreiben. Der Gesundheit sind nur ungefähr fünf Seiten gewidmet, und dann folgen etwa neunzig Seiten, auf denen abgehandelt wird, was passiert, wenn wir unseren Verpflichtungen nicht nachkommen.

Frage: Und doch müssten Sie als Bundesrat die Haltung des Gremiums vertreten – und das Vertragspaket verteidigen.

Antwort: Ich sitze seit über zehn Jahren in der Kantonsregierung. Habe ich das Kollegialitätsprinzip je einmal gebrochen?

Frage: Wann war es besonders schwierig? Während der Pandemie, als Sie von Ihrer Partei kritisiert wurden?

Antwort: Es war schwierig. Aber wir waren in einem Dilemma zwischen Rücksichtnahme und den Freiheitsrechten. Wenn Sie damals die Intensivpflegestation des Berner Inselspitals besuchten, war sie voll von Covid-Patienten, und das waren längst nicht nur Leute, die über 80 Jahre alt waren. Heute würde man gewisse Massnahmen gar nicht mehr oder anders ergreifen. Der schlimmste Fehler war die Schliessung von Pflegeheimen. Wir haben den Schutz der Bewohner höher gewichtet als ihre eigenen Wünsche. Viele hätten sich lieber dem Covid-Risiko ausgesetzt, um ihre Angehörigen weiter sehen zu können. Als Exekutivpolitiker müssen Sie damit umgehen können, dass Sie immer Entscheidungen treffen, mit denen gewisse Leute nicht einverstanden sind.

Frage: Ist das der Unterschied zu Ihrem vorherigen Leben als CEO einer IT-Firma?

Antwort: Ja, ein Unternehmen führt man effizienter, die Entscheidungswege sind kürzer. Aber beim Erlass von Gesetzen ist die Langsamkeit ein Vorteil. Weil sie uns erlaubt, den richtigen Weg zu finden. Weil es Platz für Reifeprozesse gibt. Aber wenn der Kanton zum Beispiel ein Bauprojekt realisieren will, ist die Langsamkeit ein Problem. Bis der Baustart erfolgt, ist die Technologie schon veraltet.

Frage: Ihr Führungsstil stösst auch auf Kritik. Die Geschäftsprüfungskommission warf Ihnen im Frühling vor, Ihre Direktion beziehe Stakeholder und Leistungserbringer zu wenig ein.

Antwort: Wissen Sie, wir arbeiten manchmal mit tausend Partnern zusammen. Und wenn einige von ihnen voll nicht zufrieden sind mit mir, dann kann ich damit umgehen. Wichtig ist, dass wir am Ende alle unsere Ziele erreicht haben. Und so ist es nun einmal in der Politik: Die Leute, die nicht auf Ihrer Linie sind, versuchen immer, Ihnen Steine in den Weg zu legen. Als ich meine Direktion restrukturiert habe, sie von sieben oder acht auf zwei Ämter reduziert habe, gab es unzählige Vorwürfe und Vorstösse. Heute gibt es keine Diskussionen mehr.

Frage: Als Sie die Sozialhilfe kürzen wollten, gab es ein Referendum, das Sie verloren haben. Es hiess, Sie hätten auf die Vernehmlassung verzichtet und die demokratischen Gepflogenheiten missachtet.

Antwort: Das ist wieder so ein Narrativ! Es gab eine Konsultation vor der Abstimmung, und es braucht nun mal nicht zwei Vernehmlassungen. Wir haben die Rückmeldungen ins Gesetz einfliessen lassen, genau wie im politischen Prozess vorgesehen.

Frage: Wir können die Frage ja auch umdrehen: Inwiefern wäre Ihre Erfahrung als CEO in der Privatwirtschaft nützlich als Bundesrat?

Antwort: Ich denke, ein Bundesrat muss bereit sein für den Austausch und den Dialog. Er sollte auch klare Ziele haben, Führungserfahrung mitbringen und den Mut, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Es ist nicht einfach, ein Spital oder eine Geburtenabteilung zu schliessen. Es ist nicht einfach, eine Kollektivunterkunft für Flüchtlinge zu eröffnen. Aber es gibt Dinge, die nun einmal getan werden müssen, auch mit Blick auf das Wohl der künftigen Generationen. Wenn Sie es als Unternehmer allen recht machen wollen, haben Sie keinen Erfolg. Das ist in der Politik bei der Schliessung eines Spitals nicht anders. Glauben Sie wirklich, dass in zwanzig Jahren die Spitäler gleich funktionieren werden wie heute? Es wird Veränderungen geben. Ich will die Veränderung lieber aktiv mitgestalten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Niklaus Nuspliger, Renato Schatz

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