Eine neue Studie zeigt: US-Druck auf die Medikamentenpreise könnte die Schweiz jährlich Hunderte Millionen Franken kosten.

02.11.2026, 05:50

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Die Schweizer Arzneimittelpreise gehören zu den höchsten weltweit. Doch mit Abstand am höchsten sind sie in den USA. Das möchte die US-Regierung ändern und setzt die Pharmaindustrie unter Druck, neue Medikamente in den USA günstiger anzubieten. Für Pharmafirmen wie Roche und Novartis sind das auf den ersten Blick schlechte Nachrichten: Tiefere Preise auf dem grössten Absatzmarkt der Welt heissen weniger Ertrag.

Die Pharmaindustrie gibt den Druck an andere Länder weiter und verlangt höhere Preise. Eine neue Studie der ETH und Uni Zürich zeigt nun: Wenn die Schweiz und andere Länder diesem Druck nachgeben und die Preise erhöhen, kostet das die Prämienzahlerinnen und -zahler in der Schweiz jährlich zusätzlich hunderte Millionen Franken. Studien-Co-Autorin Kerstin Vokinger sagt: «Die Schweiz muss sich überlegen, wie sie mit diesem Druck aus den USA umgeht.»

Günstig zu sein, ist riskant

Die USA wollen zur «most-favored nation», also zur Nation mit den besten Bedingungen, werden. Dazu vergleichen sie ihre Preise neu mit Referenzländern, darunter auch die Schweiz. Für die Pharma heisst das: Je höher die Preise in diesen Ländern sind, desto höher jene in den USA. Und umgekehrt: Wenn ein Land diesem Preisdruck nicht nachgibt, kann es für die Pharmafirma lukrativer sein, ein Medikament dort gar nicht anzubieten.

Legende: Die Schweizer Arzneimittelpreise gehören zu den höchsten weltweit. KEYSTONE / Gaetan Bally

Kein Land möchte jenes mit den tiefsten Preisen sein und damit möglicherweise keinen Zugang zu neuen innovativen Medikamenten haben. «Das kann dazu führen, dass sich die Länder gegenseitig mit höheren Preisen überbieten», sagt Vokinger.

Patienteninteresse vs. Prämienzahlerinnen

Noch ist unklar, wie die USA künftig Medikamentenpreise bestimmen werden. Die Drohkulisse ist aber bereits Tatsache: René Buholzer, Geschäftsführer von Interpharma, dem Verband der grossen Pharmaunternehmen in der Schweiz, sagt: «Weil der Preis im kleinen Schweizer Markt für den grossen amerikanischen Markt bestimmend werden kann, müssen wir uns anpassen.» Was bedeutet: Die Preise müssen erhöht werden, sonst würden innovative Medikamente in der Schweiz nicht mehr angeboten.

Die Situation in den USA verändert sich laufend. Die Studie basiert auf der Situation im Dezember 2025. In der Zwischenzeit ist klar: Von den Preismodellen Globe und Guard sind viel weniger Arzneimittel betroffen als damals angenommen.

Dafür gibt es mehr geheime Verträge zwischen Pharmafirmen und der US‑Regierung. Bei diesen Generous-Modellen ist kaum etwas über deren Inhalt bekannt. Ein Teil ist dank einem Einsichtsgesuch der Konsumentenschutzorganisation Public Citizen öffentlich zugänglich.

Noch ist unsicher, ob die USA die Most-Favored-Nation-Modelle überhaupt umsetzen werden. Gegen eines der Modelle setzt sich die Pharmalobby aktuell vor Gericht zur Wehr.

So würde auch bereits in Preisverhandlungen argumentiert, schreibt das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage. Doch es sei falsch, die Preise generell zu erhöhen. Denn es sei unsicher, ob die US-Preismodelle überhaupt langfristig umgesetzt würden.

Vokinger gibt zudem zu bedenken: «Stand heute sind die Schweizer Preise gar nicht so bestimmend für die USA, weil sie im Median nicht zu den tiefsten gehören.» Das heisst: Erst wenn andere Länder ihre Preise erhöhen würden, hätten die Schweizer Preise Einfluss auf jene in den USA.

Die Unternehmen würden aber bereits reagieren, sagt Buholzer: Eine Umfrage bei den Mitglieder von Interpharma habe ergeben, dass bereits heute ein Drittel der zugelassenen Medikamente nicht mehr beim BAG zur Vergütung eingereicht würden. Das BAG gibt an: Bis jetzt würden ähnlich viele Anträge eingereicht, wie im letzten Jahr, schreibt das Amt.

Klar ist: Der Zugang zu innovativen Medikamenten ist für die Patientinnen und Patienten in der Schweiz zentral. Ob ein Pharmaunternehmen diesen beantragt oder nicht, entscheidet allein das Unternehmen – Preisdruck hin oder her.

Austausch statt Preiskampf

Juristin und Medizinerin Vokinger empfiehlt der Schweiz, mit anderen Ländern gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Denn ihre Studie zeigt auch: Im Fall eines extremen Preiskampfs sinken die Preise in den USA gar nicht, sondern steigen in den anderen Ländern. Dann würde statt der US-Patienten einzig die Pharmaindustrie profitieren.

Echo der Zeit, 29.10.2026, 18 Uhr;liea

Source: SRF · Nora Meuli

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