«Nicht mehr zeitgemässes Führungsverständnis»: Die FDP-Politikerin Raffaela Fehr geht mit der Universität Zürich hart ins Gericht

Wenig Transparenz, wenig Informationen, zweifelhafte Zustände am Zentrum für Zahnmedizin: Die Präsidentin der Oberaufsicht kritisiert die Hochschule – und die Doppelrolle der Bildungsdirektorin Silvia Steiner.

24.10.2026, 05.04 Uhr

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Der Turm der Universität Zürich spiegelt sich in einem Fenster: Das Kontrollgremium des Kantonsrats ist nicht zufrieden mit der Hochschule.

Der Turm der Universität Zürich spiegelt sich in einem Fenster: Das Kontrollgremium des Kantonsrats ist nicht zufrieden mit der Hochschule.

Alessandro Della Bella / Keystone

«Not amused.» – «So nicht.» – «Bitte nachsitzen. Das ist durchaus als Warnung zu verstehen.»

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Solche oder ähnliche Gedanken dürften den Verfassern durch den Kopf gegangen sein, als sie einen 20-seitigen Bericht über die Universität Zürich zu Papier brachten. Für die grösste Hochschule des Landes und deren Leitungsgremien ist das Dokument sehr unvorteilhaft.

Die Empfehlungen vom letzten Mal hätten wenig Beachtung gefunden, heisst es darin. Die Antworten der Universität seien unzureichend gewesen. Es sei nicht ersichtlich, dass die Universitätsleitung ausreichend handle. Man habe es mit einem «nicht mehr zeitgemässen Führungsverständnis» zu tun. Die Mängel, die man festgestellt habe, seien schwerwiegend.

Kurz: Das Kontrollgremium des Kantonsrats, die Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit (ABG), ist nicht zufrieden mit der Universität Zürich. Und auch nicht mit dem Universitätsrat, dem strategischen Führungsorgan der Hochschule, das diese direkt zu beaufsichtigen hat. Die Zusammenarbeit zwischen Aufsicht und Oberaufsicht über die Hochschule – der ABG – müsse zwingend verbessert werden, moniert die Aufsichtskommission in ihrem Bericht zuhanden des Parlaments.

Und nicht nur das: Raffaela Fehr von der FDP, die Präsidentin der ABG, empfiehlt den Jahresbericht der Universität zur Ablehnung, genauso wie ihr Parteikollege Andreas Juchli. Von dieser Schmach dürfte die Universität nach derzeitigem Stand der Dinge verschont bleiben. Fehr und Juchli sind die beiden einzigen Mitglieder der Aufsichtskommission, die der Hochschule nicht die gelbe, sondern die rote Karte zeigen wollen.

Aber das Signal ist dennoch bemerkenswert. Die harte Kritik an der Universität werde von der gesamten Kommission mitgetragen. «Das wird einen gewissen Druck erzeugen auf die Hochschule und ihre Entscheidungsträger», sagte Fehr am Freitag zur NZZ.

Tappen im Dunkeln

Der Text der ABG enthält eine lange Mängelliste. So weisen Fehr und ihre Kollegen zwar darauf hin, dass der Anteil der von der Universität Zürich eingeworbenen oder erhaltenen Drittmittel weiterhin zunehme. Wachsende Fördergelder sind ein Zeichen dafür, dass an der Universität viele interessante Forschungsprojekte durchgeführt werden. So verzeichnete die UZH Foundation im vergangenen Jahr 75 Millionen Franken an privaten Spenden, so viel wie noch nie. Die Quellen dieser Gelder seien jedoch transparent auszuweisen, fordert die ABG.

Raffaela Fehr (FDP), Präsidentin der Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit.

Raffaela Fehr (FDP), Präsidentin der Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit.

PD

Im Dunkeln tappte die Kommission nach eigenen Angaben auch, was die Kosten der Universität pro Studiengang angeht. Gegenüber der Universitätsleitung müssen die Fakultäten dies jeweils rapportieren. Ein Medizinstudium kostet bekanntlich mehr als eines in Filmwissenschaft oder Indologie. Die Kommission des Kantonsrats hingegen – der Kanton Zürich ist immerhin der wichtigste Geldgeber der Hochschule – hatte sich mit globalen Angaben zu begnügen: Ein Student oder eine Studentin der Universität Zürich kostet im Durchschnitt gut 27 000 Franken pro Jahr, 610 Franken mehr als im Jahr davor.

Man sei erstaunt darüber, dass die Universität hier keine Transparenz herstelle, heisst es im ABG-Bericht weiter. Der Einwand klingt verständlich. Wie sollen Fehr und die weiteren Controller des Parlaments nachvollziehen können, wie sich die einzelnen Studiengänge finanziell entwickelt haben, wenn sie die erforderlichen Zahlen dazu gar nicht kennen?

Das Zentrum für Zahnmedizin tut immer noch weh

Schwer tut sich die Universität Zürich offenbar weiterhin mit dem Thema sexuelle Belästigung. Zahlen der bei den eigenen Anlaufstellen gemeldeten Fälle hatte die Hochschule lange zurückgehalten. Von dieser Praxis verabschiedete man sich erst, nachdem die NZZ 2024 einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt hatte.

Es ist ein weites Feld. Sexuelle Belästigung, aber auch Stalking, Diskriminierung, Machtmissbrauch und Mobbing gehören zu einem Minenfeld, mit dem hierarchische Riesenbetriebe wie die Universität Zürich mit knapp 29 000 Studentinnen und Studenten immer wieder zu kämpfen haben. Vergangenes Jahr wurden der Hochschule nach Angaben der ABG 38 Fälle von sexueller Belästigung gemeldet. 2024 waren es 32, im Jahr davor 36.

Die Universität bemühe sich zwar um einheitliche Kriterien für all ihre Angehörigen, schreiben Fehr und ihre Mitstreiter in ihrem Bericht. Eine erstmalige ganzheitliche Erfassung sämtlicher Formen von Verletzungen der persönlichen Integrität sei für 2027 vorgesehen. Auch das sei zu begrüssen.

Man bedauere jedoch, dass dies derart spät geschehe, heisst es weiter. Und: Seit dem letzten Bericht der ABG habe sich wenig geändert, obwohl man damals bereits mehr Transparenz und eine Verbesserung bei der Erhebung der Fallzahlen gefordert habe. Das erschwere es weiterhin, ein aussagekräftiges Bild zu erhalten.

Wenig Informationen – ein Leitmotiv in dem Papier – erhielt die Parlamentskommission nach eigenen Angaben auch zu den krankheits- oder anderswie begründeten Absenzen der Mitarbeitenden der Universität. Es sei nicht erkennbar, dass die Hochschule (mit über 10 000 Angestellten) diesen Aspekt als Bestandteil ihrer Führungsaufgabe begriffen habe, schreiben Fehr und die anderen Kommissionsmitglieder.

Nicht sonderlich gut weg kommt in dem Bericht schliesslich auch das Zentrum für Zahnmedizin (ZZM). Dieses hatte in den vergangenen Jahren verschiedentlich mit dem Umstand zu kämpfen, dass Zahnärzte am ZZM nicht nur Studierende ausbilden, sondern auch eigene Praxen unterhalten und Patienten auf eigene Rechnung behandeln. Dieser Umstand hatte der «NZZ am Sonntag» 2020 zu einer unvorteilhaften Recherche über einen früheren Klinikdirektor verholfen, der sich auf Kosten des Universitätsspitals bereichert haben soll.

Dieses Problem am ZZM ist aus Sicht der ABG noch nicht ausgestanden. Ein Revisionsbericht der Universität vom Januar 2025 habe «systematische Verstösse gegen interne Abrechnungsregeln» festgestellt, hält der Bericht der Aufsichtskommission fest. Das lasse Zweifel aufkommen, wie stark ethisch korrektes Verhalten am Zentrum für Zahnmedizin verankert sei. Man habe den Eindruck, dass die Universität Zürich dies «nicht konsequent einfordert und durchsetzt».

Allmächtige Bildungsdirektorin?

Die Hochschule wollte sich am Freitag nicht zum Bericht der Parlamentskommission äussern. Der Jahresbericht der Universität sei vom Kantonsrat noch nicht genehmigt, in einem laufenden Prozess könne man daher keine Stellung nehmen, hiess es auf Anfrage. Silvia Steiner, Präsidentin des Universitätsrats und Bildungsdirektorin in einer Person, verzichtete aus denselben Gründen auf einen Kommentar.

Silvia Steiner (Mitte), Bildungsdirektorin und Präsidentin des Universitätsrats

Silvia Steiner (Mitte), Bildungsdirektorin und Präsidentin des Universitätsrats

PD

Für Raffaela Fehr ist klar: Die von der ABG angesprochenen Probleme haben auch mit der Doppelrolle der abtretenden Mitte-Regierungsrätin zu tun – ein Umstand allerdings, den Fehrs eigene Partei nicht ändern wollte, nachdem man zunächst noch dafür plädiert hatte: Eine parlamentarische Initiative der (nicht mit der ABG zu verwechselnden) Bildungskommission hätte verhindern wollen, dass Regierungsräte gleichzeitig den Universitätsrat präsidieren dürfen. Der Vorstoss wurde im vergangenen Juni abgelehnt, auch mit den Stimmen der FDP.

Aber ohne jene von Raffaela Fehr. Die ABG-Präsidentin hatte den Saal bei der Abstimmung verlassen. Fehr sagt: «Ich bin überzeugt, dass die Universität Zürich lernfähig ist.» Ein Kulturwandel brauche Zeit. Zumal es keine Anzeichen gebe, dass die von ihrer Kommission angeführten Kritikpunkte den Kernauftrag der Hochschule – Forschung und Lehre – massgeblich tangieren würden. Und diesen erfülle die Universität. «Die meisten Mitarbeitenden leisten gute Arbeit», sagt Fehr.

Fortsetzung folgt am 9. November. Dann wird der Kantonsrat über den Jahresbericht der Hochschule zu befinden haben. Und damit auch über den Bericht der Aufsichtskommission.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Robin Schwarzenbach

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