Das traditionsreichste Festival für zeitgenössische Musik ist vielfältiger und zugänglicher, seit Lydia Rilling die Leitung übernommen hat. In dieser insgesamt starken Saison prallen geglückte Werke und unausgegorene Konzepte hart aufeinander.
Georg Rudiger, Donaueschingen21.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
In der Video-Performance «UR!» von Simon Steen-Andersen nach der «Ursonate» von Kurt Schwitters tritt der Sänger Michael Schmid gegen seinen eigenen, digital erzeugten Doppelgänger an.
Donaueschinger Musiktage / SWR
Normalerweise beginnt jedes klassische Konzert mit der Aufforderung, das Mobiltelefon auszuschalten. Bei Brigitta Muntendorfs «Last Show» darf es dagegen nicht nur eingeschaltet bleiben, es wird sogar zum Abstimmungs-Tool bei einer Live-Umfrage. Wo im Körper man die Musik fühle, wird man auf Englisch gefragt. Im Kopf und in der Brust (22 Prozent) oder irgendwo sonst (13 Prozent)? Worauf man achte beim Hören? Auf Rhythmus und Melodie (19 Prozent) oder Wiederholungen und Wechsel (35 Prozent)?
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Eine weiblich tönende KI-Stimme möchte vom Menschen das konzentrierte Hören lernen. Nach repetitiven Musikschnipseln, die vom Ensemble Modern unter Xizi Wang live gespielt werden, fragt sie deshalb das Publikum ab. Unterdessen entführen KI-generierte Traumlandschaften in ein Regenwald-Retreat. Am Ende übernimmt die künstliche Intelligenz auch das Komponieren: Das Ensemble Modern intoniert einen flachen Pop-Song. Diese kühle, künstlerisch arme Versuchsanordnung sorgt für Empörung: Teile des Publikums machen ihrem Ärger mit einem Buhkonzert Luft. «So etwas gab es hier schon lange nicht mehr», kommentiert die im Publikum sitzende Lydia Rilling den spürbar hohen Grad der Erregung.
Bei Brigitta Muntendorfs «Last Show» ist das Publikum aufgefordert, per Handy an einer Live-Umfrage teilzunehmen.
Donaueschinger Musiktage / SWR
Vielstimmig, aber unpolitisch
Seit die Musikwissenschafterin 2022 die Leitung der Donaueschinger Musiktage übernommen hat, gibt sich das traditionsreichste und immer noch wichtigste Festival für zeitgenössische Musik vielfältiger und zugänglicher. Die stilistische Bandbreite wurde erweitert, die Vermittlungsarbeit ausgebaut. Bei der Auftragsvergabe kommen mehr Komponistinnen zum Zuge. Mit Kooperationen werden Kosten gespart, Netzwerke geknüpft und die Chancen erhöht, dass die uraufgeführten Stücke nicht sogleich wieder in der Versenkung verschwinden.
Lydia Rilling ist seit 2022 künstlerische Leiterin der Donaueschinger Musiktage.
Musiktage /
SWR
Das diesjährige Motto «Polyphonies» soll, so Rilling, «unterschiedlichste Spielarten von Polyfonie in der zeitgenössischen Musik» vereinen. Das meint einerseits die Vielstimmigkeit der Linien in einem Werk wie Ann Cleares fragilem, auf Dauer aber zu kontrastarmem «Dream Machine». Oder in Rebecca Saunders’ wunderbar vielschichtiger Komposition «thirst», die, ebenfalls von den achtzehn Streichern des Ensemble Resonanz unter der Leitung von Enno Poppe, so durchsichtig wie präzise gespielt wird.
«Polyphonies» meint andererseits aber auch die Vielfalt unterschiedlicher künstlerischer Mittel: Bei der handwerklich perfekt umgesetzten Bühnen- und Video-Performance «UR!» von Simon Steen-Andersen kann man das eindringlich erleben. Michael Schmid tritt hier in Kontakt mit seinem eigenen, digital erzeugten Doppelgänger, um die berühmte «Ursonate» von Kurt Schwitters lebendig werden zu lassen. Grossartig, wie Schmid im virtuosen Wechsel zwischen live und digital die Wahrnehmungsgrenzen verschiebt und das aus Lauten und Geräuschen bestehende Schlüsselwerk des Dadaismus mal rappt, mal wie ein Kunstlied intoniert, dabei von sich selbst (!) im Video am Klavier begleitet.
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Dass die Komponistinnen und Komponisten in diesem Jahr auch «die Erschütterungen und Krisen unserer Gegenwart künstlerisch greifbar machen und transformieren», wie Rilling im Abschluss-Statement konstatiert, ist dagegen eher im Programmheft zu lesen als konkret zu hören. Stefan Prins’ «Madness Machines» beispielsweise soll Schwellenwerte überschreiten und Entwicklungen ausser Kontrolle geraten lassen. Im Eröffnungskonzert mit dem Experimentalstudio und dem Symphonieorchester des SWR erschöpft sich das Stück aber in Dauererregung.
Auch die Klanginstallationen von Yann Leguay und Miles Jefferson Friday sind eher verspielt als politisch ambitioniert. Gwendoline Robin sorgt bei «Coexistences #2» im Museum Art.Plus mit ihrer bedeutungsvoll aufgeladenen Performance, bei der sie Glaskugeln rollt und Keramikketten schwingt, für die erwartbare Geräuschkulisse – einschliesslich eines ohrenbetäubenden Endes.
Wohlfühlstücke – und ein Widerspruch
Was man beim diesjährigen Festival-Jahrgang freilich auch erleben kann, ist eine neue Lust am (schönen) Klang. Wunderbar, wie kraftvoll die in der Stadtkirche St. Johann postierten Blechbläser von Onceim in Marina Rosenfelds «XY» die Orgelklänge beantworten. Auch die tranceähnlichen Improvisationen von Susana Santos Silva (Trompete) und Aisha Orazbayeva (Violine) in der Christuskirche spannen grosse musikalische Bögen.
Selbst beim Abschlusskonzert des SWR-Symphonieorchesters unter François-Xavier Roth, der wohl wegen der zwei Jahre zurückliegenden #MeToo-Vorwürfe mit einigen Protest- und Buhrufen empfangen wird, ist ein echtes Wohlfühlstück dabei: Clara Iannottas «into a world that is pure blue» wirkt mit seinen raffinierten Klangmischungen, Naturgeräuschen und hellen Liegetönen ein wenig wie Entspannungsmusik in der Sauna.
Ein Widerspruch aber bleibt: Einerseits wird beim Festival der Dokumentarfilm «Dear Lara» gezeigt, der sich mit sexueller Belästigung in der Musikbranche beschäftigt. Andererseits steht hier in Gestalt von Roth ein Dirigent auf der Bühne, der in der Vergangenheit eine solche Grenzüberschreitung eingeräumt und sich dafür entschuldigt hat. Harmonisch zusammen geht das nicht.
Musikalisch ist François-Xavier Roth in Donaueschingen über jeden Zweifel erhaben. Sicher hat er Noriko Babas «Bestiarium Musicale VI» im Griff, das im Schlagzeug eine Gummiente quietschen und für den Zitterrochen Bratschen schaben lässt. Geradezu tänzerisch führt er durch die hohe Reizdichte von Fabien Lévys «Que reste-t-il? – Hindewhu Extinction». Und auch Mauro Lanzas rhythmisch komplexes, meist in hinkenden Viertakt-Loops organisiertes Stück «we’ve actually been in this place before», das sich mit dem Phänomen des Déjà-vu beschäftigt, dirigiert Roth mit freier, sinnstiftender Gestik. Das Werk erhält am Ende den Orchesterpreis.
Überreicht wird der Preis vom Hornisten Benno Trautmann, der nach 45 Dienstjahren das SWR-Orchester mit einem Appell verlässt. «Wir müssen laut werden und uns wehren», sagt er angesichts der drohenden Kürzungen bei den ARD-Klangkörpern und der Infragestellung des öffentlichrechtlichen Rundfunks in Deutschland durch die AfD. Unversehens werden die Donaueschinger Musiktage da doch noch politisch. Und wollen sich im nächsten Jahr die Frage stellen: Wie viel Harmonie verträgt die Neue Musik?
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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