Neue AKW könnten die Schweiz unabhängiger machen – wenn sie rechtzeitig kommen

Die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung hat mögliche Szenarien für die Schweizer Stromversorgung bis 2070 modelliert. Die Kernkraft kann weiterhin helfen – unter bestimmten Bedingungen.

27.10.2026, 10.00 Uhr

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Atomkraftwerke wie dasjenige in Gösgen könnten die Versorgung unterstützen, aber nicht die erneuerbaren Energien ersetzen, besagt eine neue Studie.

Atomkraftwerke wie dasjenige in Gösgen könnten die Versorgung unterstützen, aber nicht die erneuerbaren Energien ersetzen, besagt eine neue Studie.

Alessandro Della Bella / Keystone

Keine zehn Jahre ist es her, dass sich das Schweizer Stimmvolk gegen den Neubau von Atomkraftwerken aussprach. Seit jener Abstimmung von 2017 gilt, dass zusätzliche Anlagen für Kernenergie nicht gebaut werden dürfen. Das Parlament will das nun angesichts der geopolitischen Lage und der fragilen Versorgungslage ändern. Im vergangenen Juni stimmte es dafür, das Neubauverbot aufzuheben. Bereits Anfang dieses Monats reichten AKW-Gegner wiederum mehr als 130 000 Unterschriften ein, um das mit einem Referendum zu verhindern. Kurz: Die Atomkraft beschäftigt Politik und Bevölkerung.

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Und auch die Wissenschaft, wie etwa die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss). Diese hat eine Studie zur Zukunft der Atomenergie in der Schweiz durchgeführt. Die Ergebnisse präsentierte sie an diesem Dienstagmorgen in Bern. Fazit: «Neue Kernkraftwerke könnten in der Schweiz unter bestimmten Bedingungen einen Beitrag zum Energiesystem leisten.» Wichtige Voraussetzungen dafür seien allerdings die frühzeitige Verfügbarkeit neuer Anlagen, tragbare Kosten bei gesicherter Finanzierung, adäquate rechtliche Rahmenbedingungen sowie die Einbettung der Nuklearenergie in eine Gesamtstrategie, schreibt die Stiftung in einer Medienmitteilung.

Mehr Strom im Winter, weniger Importe

Die Autorinnen und Autoren der Studie haben erstmals drei verschiedene Szenarien für das schweizerische Energiesystem bis 2070 modelliert und dabei besonders den möglichen Beitrag der Kernenergie untersucht. Diese Projektionen stellten sie mit drei verschiedenen Reaktorklassen an: mit grossen und kleinen wassergekühlten Reaktoren, fortgeschrittenen modularen Reaktoren oder mit dem Langzeitbetrieb bestehender Anlagen.

Neue Kernkraftwerke könnten laut der Studie die Abhängigkeit der Schweiz von Stromimporten verringern, die Elektrifizierung vorantreiben und mehr CO₂-armen Strom bereitstellen. Besonders gross wäre ihr Beitrag zur Versorgung im Winter, wenn sie frühzeitig ans Netz gingen – idealerweise vor 2050.

Beim Bau neuer Kernkraftwerke stellt sich stets die Frage, wie lange Planung und Bau dauern würden. Auch die TA-Swiss-Studie verweist auf den hohen Zeitbedarf – und auf die Kosten: Wie bei anderen Technologien wäre auch ein Neubau eines Atomkraftwerks kaum ohne eine spezifische staatliche Förderung möglich. Wichtige Fragen rund um Finanzierung, Haftung und Risiken müssten zuvor geklärt werden. Als problematisch bezeichnet die Studie auch die altbekannten Herausforderungen im Zusammenhang mit den AKW: die sichere Beschaffung, Lagerung und Entsorgung von Brennstoffen.

Ob Kernkraft «Ja» oder Kernkraft «Nein, danke»: Grundsätzlich hält die Studie fest, dass Stromnetze, Speichermöglichkeiten und nachhaltige Stromproduktion in der Schweiz ohnehin deutlich ausgebaut werden müssen. Nur so liessen sich die gesellschaftlich und politisch festgelegten Ziele erreichen. Eine kohärente Energiestrategie sei unabdingbar – unabhängig davon, ob neue Kernkraftwerke gebaut würden oder nicht.

Lücken in der Produktion und beim Wissen

Mit Blick auf die Nachhaltigkeit kommen die Autorinnen und Autoren der Studie zu einem zentralen Befund: Kernenergie könnte zwar dazu beitragen, den Energiesektor zu einer CO2-freien Versorgung hin zu transformieren. Den Ausbau der erneuerbaren Energien könne sie aber nicht ersetzen.

Gingen aber die bestehenden Anlagen vom Netz, entstehe eine Produktionslücke. «Ein Weiterbetrieb der bestehenden Kraftwerke bis zu einem Alter von 70 Jahren würde in der Gesamtbetrachtung Kosten von rund zehn Milliarden Franken sparen», schreibt TA-Swiss.

Die Lücke würde nicht nur auf der Produktionsseite bestehen: Die Studie weist auch auf eine drohende Wissenslücke hin, die sich bei Nukleartechnologien in Forschung, Entwicklung und Betrieb ergeben könnte. Es sei wichtig, dass das technische und fachliche Wissen in der Schweiz erhalten bleibe, um die bestehenden Anlagen zu betreiben und allenfalls neue bauen zu können.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michele Coviello

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