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Netanyahu und das verlorene Vertrauen seiner früheren Partner
Angesichts des Wahlergebnisses wird in Israel spekuliert, ob eine grosse Koalition unter der Führung von Netanyahu ein mögliches Ergebnis sein könnte. Doch die Oppositionspolitiker haben viele Gründe, dem Ministerpräsidenten zu misstrauen.
Richard C. Schneider29.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Um Benjamin Netanyahu wird es einsam. Politische Weggefährten werden von ihm fallen gelassen, wenn sie nicht mehr in seine Machtspiele passen. Bild: Nach der Likud-Wahlparty am 28. Oktober.
Chris McGrath / Getty
Benjamin Netanyahu hat ein ganz besonderes Problem: Selbst Politiker, die lange mit ihm zusammengearbeitet haben und unter ihm Minister waren, wollen kaum noch mit ihm regieren. Die führenden Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot, Avigdor Lieberman, Naftali Bennett und Yair Lapid kommen aus unterschiedlichen politischen Lagern. Was sie verbindet, ist die Überzeugung, dass Netanyahu politische Vereinbarungen seinen persönlichen Machtinteressen unterordnet. Für die Möglichkeit, eine Koalition der nationalen Einheit zu bilden, ist dieses Misstrauen vielleicht noch entscheidender, als es die inhaltlichen Differenzen sind.
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Avigdor Lieberman kennt Netanyahu seit Jahrzehnten. Zeitweise war er dessen Stabschef, später wurde er Aussenminister und 2016 Verteidigungsminister. Doch die Zusammenarbeit zerbrach wiederholt wegen grundlegender Differenzen. 2018 trat Lieberman als Verteidigungsminister zurück, nachdem er Netanyahus Waffenstillstandspolitik gegenüber der Hamas als «Kapitulation vor dem Terror» kritisiert hatte. Hinzu kamen grundsätzliche Konflikte mit Netanyahus engsten Verbündeten, den ultraorthodoxen Parteien, deren Einfluss der säkulare Lieberman radikal beschneiden will. Eine Koalition mit Netanyahu würde ihn erneut von Kräften abhängig machen, die er politisch bekämpft.
Widersacher Lapid und Livni abrupt entlassen
Auch Yair Lapid hat erlebt, wie schnell eine Partnerschaft mit Netanyahu enden kann. 2013 zog seine Partei Yesh Atid in die Regierung ein, Lapid wurde Finanzminister. Er wollte wirtschaftliche Reformen und eine stärkere Beteiligung der Ultraorthodoxen am Militärdienst durchsetzen. Doch die Koalition wurde zunehmend von Konflikten bestimmt. So waren Lapid und die Justizministerin Tzipi Livni auch gegen das geplante «Nationalstaatsgesetz», das die arabische Bevölkerung benachteiligte und die Gleichheit aller Bürger – im Gegensatz zur Unabhängigkeitserklärung von 1948 – nicht erwähnte. Ende 2014 entliess Netanyahu seine Widersacher. Er behauptete, Lapid und Livni hätten gegen ihn revoltieren wollen.
Es kam zu Neuwahlen. Lapid hatte seine Lektion gelernt: Netanyahu war bereit, lieber eine gemeinsame Regierung platzen zu lassen, als ein Zerwürfnis mit den Ultraorthodoxen zu riskieren. Seitdem tritt Lapid als Vertreter des liberalen Israel und Gegner von Netanyahus Abhängigkeit von religiösen Parteien auf. Eine erneute Koalition wäre für ihn nicht nur eine Vertrauensfrage, sie würde seine eigene politische Glaubwürdigkeit gefährden.
Tiefes Zerwürfnis mit Bennett
Naftali Bennett wiederum stand Netanyahu ideologisch besonders nahe. Als früherer Leiter von Netanyahus Büro und späterer Minister für Wirtschaft, Bildung und Verteidigung gehörte er lange zum rechten politischen Lager des Ministerpräsidenten. Dennoch entwickelte sich ein tiefes Zerwürfnis. Netanyahu behandelte Bennett zunehmend als Konkurrenten und versuchte, dessen politischen Aufstieg zu behindern.
2021 gelang Bennett schliesslich, was zuvor kaum jemand für möglich gehalten hatte: Er führte eine Regierung an, die Netanyahu nach zwölf aufeinanderfolgenden Jahren als Ministerpräsidenten ablöste. Gemeinsam mit Lapid und Parteien von rechts bis links sowie einer arabischen Partei entstand eine ungewöhnlich breite Koalition. Bennett übernahm zunächst das Amt des Regierungschefs, Lapid sollte später folgen. Das Bündnis hielt nur rund anderthalb Jahre. Doch es bewies, dass Netanyahus Ablösung möglich war – und verstärkte damit den persönlichen Konflikt. Bennett weiss, dass ihn eine Koalition mit Netanyahu erneut zum Juniorpartner eines Politikers machen würde, der Rivalen gerne schwächt und ausschaltet.
Fehlende Zukunftsstrategie für Gaza
Yair Golan, der Führer der linksliberalen «Demokraten», war dagegen noch nie in einer Regierung mit Netanyahu. Auch Gadi Eisenkot unterscheidet sich da von den früheren Koalitionären des Ministerpräsidenten. Als ehemaliger Generalstabschef war er kein politischer Partner Netanyahus, sondern trat nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 als Vertreter der nationalen Einheit in die Notstandsregierung ein. Er wurde Beobachter im Kriegskabinett, in dem die Entscheidungen über den Gaza-Krieg getroffen wurden.
Im Juni 2024 verliess er gemeinsam mit Benny Gantz die Regierung. Seine Begründung war vernichtend: Netanyahu weigere sich, eine klare Strategie für das Kriegsende und die Zukunft des Gazastreifens festzulegen. Eisenkot warf ihm vor, militärische Entscheidungen der politischen Agenda seiner rechtsextremen Koalitionspartner unterzuordnen. Netanyahu, so Eisenkots Anklage, vernachlässige damit die langfristigen Sicherheitsbedürfnisse Israels. Eisenkot warf Netanyahu auch vor, dass er die Verhandlungen über ein Geiselabkommen monatelang hinausgezögert habe. Er war überzeugt, dass die israelischen Geiseln nicht allein durch Militärgewalt befreit werden könnten, sondern nur durch ein Abkommen mit einer Feuerpause.
Ein weiterer Grund für die Animositäten aller ist Netanyahus Justizreform. Seit 2023 versucht seine Regierung, die Macht des Obersten Gerichts und anderer unabhängiger Institutionen zu beschneiden. Die Reform löste Massenproteste aus und vertiefte die Spaltung der Gesellschaft. Für Lapid geht es dabei um die Frage, ob Israel eine liberale Demokratie bleibt. Auch Lieberman und Bennett, die politisch rechts stehen, ebenso wie Eisenkot, wollen verhindern, dass Netanyahu seine Macht auf Kosten der Gewaltenteilung ausbaut. Die Auseinandersetzung ist deshalb nicht einfach ein Streit zwischen links und rechts. Es geht um die Spielregeln des politischen Systems: Ein Regierungschef hat die Grenzen seiner Macht zu respektieren.
Der Krieg hat diese Konflikte verschärft. Netanyahu lehnt beispielsweise weiterhin eine politische Perspektive für Gaza ab. Seine Koalition ist auf rechtsextreme Politiker wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich angewiesen, die sogar eine Wiederbesiedlung Gazas einfordern. Zugleich verlangen die ultraorthodoxen Parteien, dass ihre Gemeinschaften von der allgemeinen Wehrpflicht ausgenommen bleiben. Für die Opposition und viele andere Kritiker ist das nicht nur ungerecht gegenüber den Soldaten und ihren Familien. Es verhindert auch eine faire Verteilung der Last und erschwert eine langfristige Sicherheitsstrategie.
Persönlicher Machtkampf Netanyahus
Netanyahu wiederum sieht seine Gegner nicht bloss als politische Konkurrenten, sondern stellt ihre Positionen gern als Gefahr für die nationale Sicherheit dar. Gerade diese Polarisierung erschwert einen Kompromiss. Wer mit ihm koaliert, muss befürchten, dass Netanyahu bei Konflikten die Verantwortung auf seine Partner abwälzt, sie öffentlich diskreditiert oder die Regierung aufkündigt, sobald es seinen Interessen dient. Wer sich ihm widersetzt, wird von seinem Lager als verantwortungslos oder illoyal dargestellt. Das ist kein politischer Wettbewerb, sondern ein persönlicher Machtkampf, bei dem Vertrauen kaum noch entstehen kann.
Netanyahus Problem ist deshalb paradox: Er selbst verfügt weiterhin über eine treue Wählerschaft, hat aber das Vertrauen zahlreicher Politiker verloren, mit denen er früher regieren konnte. Eine grosse Koalition unter Netanyahu scheint – zumindest derzeit – unwahrscheinlich. Doch solange seine Gegner keine tragfähige Alternative aufbieten können, kann er erst einmal weiter an der Macht bleiben.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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