Neonazis provozieren an einem Konzert in Tuggen – ein Mann stirbt. Nun nehmen Rechtsextreme das nächste Konzert ins Visier

Ein 27-jähriger Deutscher kommt nach einer Schlägerei ums Leben. Der Tatverdächtige soll aus dem Umfeld des militanten Neonazi-Netzwerks Blood and Honour stammen.

28.10.2026, 05.01 Uhr

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Hitler-Grüsse, ein tödlicher Schlag, nun eine Mobilisierung gegen ein Konzert in Zürich: Die Neonazi-Szene sorgt für Schlagzeilen. (Symbolbild)

Hitler-Grüsse, ein tödlicher Schlag, nun eine Mobilisierung gegen ein Konzert in Zürich: Die Neonazi-Szene sorgt für Schlagzeilen. (Symbolbild)

Siggi Bucher / Reuters

Ein Samstagabend in Tuggen im Kanton Schwyz. In der Industriezone des Ortes befindet sich das Partylokal «The Bandits». Manchmal wird hier zu Schlager getanzt, an dem Abend vor zwei Wochen sind andere Töne zu hören. Es spielen die Krawallbrüder, eine Punkband aus Deutschland. Konzertbesucher beschreiben ihre Musik als unpolitisch.

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Doch unter das Publikum haben sich auch Neonazis gemischt. Sie provozieren mit Hitlergrüssen, rempeln andere Gäste an. Eine Gruppe fällt besonders auf: Die Männer tragen T-Shirts mit der Aufschrift «Blood and Honour Zürich». Manche sind durchtrainiert und stellen ihre rechtsextreme Gesinnung mit Tätowierungen offen zur Schau, wie Konzertbesucher später in sozialen Netzwerken berichten.

Um 23 Uhr ist das Konzert vorbei, und eine Afterparty beginnt. Sie wird verheerend enden.

Neonazis wünschen sich beim DJ ein Lied einer rechtsextremen Band. Erneut zeigen sie Hitlergrüsse. Andere Gäste schreiten ein, es kommt zu einem Tumult. Bei der anschliessenden Schlägerei wird ein 27-jähriger Deutscher mit einem Schlag niedergestreckt.

Er stürzt zu Boden und bleibt liegen. Gäste versuchen, ihn zu reanimieren. Ein Rettungshelikopter bringt den Schwerverletzten ins Spital, wo er wenig später seinen schweren Kopfverletzungen erliegt.

Am Sonntagabend verhaftet die Polizei einen 42-jährigen Schweizer. Er steht im Verdacht, den tödlichen Schlag ausgeführt zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Delikten gegen Leib und Leben. Das Schwyzer Zwangsmassnahmengericht ordnet Untersuchungshaft an.

Wie der «Sonntags-Blick» berichtet, soll der Tatverdächtige seit Jahren der militanten Neonazi-Szene angehören. Er sei Teil einer Gruppe von Rechtsextremen gewesen, die an dem Konzert mit Hitlergrüssen provoziert und andere Besucher angerempelt hätten. Auch die Schwyzer Staatsanwaltschaft bestätigt, dass die tödliche Auseinandersetzung mutmasslich durch Hitlergrüsse ausgelöst worden sei.

Sollte sich bestätigen, dass der 27-Jährige aus rechtsextremen Motiven getötet wurde, wäre es der erste solche Todesfall in der Schweiz seit einem Vierteljahrhundert. Im Januar 2001 erschlugen Neonazis einen Mann aus den eigenen Reihen und versenkten seine Leiche im Thunersee bei den Beatushöhlen.

Ein Netzwerk im Verborgenen

Der Fall von Tuggen wirft ein Schlaglicht auf eine Szene, die in der Schweiz nur selten öffentlich in Erscheinung tritt. Verschwunden ist sie allerdings nie. Während die Ermittlungen zu dem tödlichen Vorfall noch laufen, mobilisieren rechtsextreme Gruppierungen bereits gegen das nächste Konzert. Diesmal gegen eines in Zürich, wo am Mittwoch der deutsche Musiker Danger Dan auftritt. Das zeigen Recherchen der NZZ.

Im Zentrum dieser Szene steht unter anderem das internationale Netzwerk Blood and Honour. Es gehört zu den ältesten und militantesten Strukturen der rechtsextremen Szene. Anders als Gruppierungen wie die Junge Tat, die mit öffentlichen Aufmärschen, politischen Aktionen und in den sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit suchen, bewegt es sich häufig im Verborgenen. Dass Männer mit Blood-and-Honour-T-Shirts an einem Konzert auftreten und ihre Gesinnung offen zur Schau stellen, ist ungewöhnlich.

Seine Angehörigen organisieren Treffen, pflegen seit Jahrzehnten Kontakte nach Deutschland und sind insbesondere in der Region zwischen dem oberen Zürichsee und dem Zürcher Oberland verankert. Wie aktiv diese Verbindungen sind, zeigte sich vor einigen Jahren im Zürcher Oberland.

Im Juni 2022 wird die Gemeinde Rüti zum Schauplatz eines der grössten Neonazi-Treffen der vergangenen Jahre in der Schweiz. Eine Gruppe, die sich als «Wandergruppe Züger» ausgibt, mietet sich im örtlichen Pfadiheim ein. Bald hallen «Sieg Heil»-Rufe durch das angrenzende Wohnquartier.

Als die Polizei einschreitet, trifft sie auf mehr als fünfzig Neonazis aus der Schweiz und Deutschland. Hinter der Veranstaltung steht das Blood-and-Honour-Netzwerk.

Im Januar 2025 beschäftigte das Treffen das Bezirksgericht Hinwil. Auf der Anklagebank sitzt ein damals 30-jähriger Schweizer aus dem Kanton Schwyz, der den Aufmarsch organisiert hatte. Es ist einer der seltenen Prozesse der vergangenen Jahre gegen Exponenten der militanten Schweizer Neonazi-Szene.

Das Treffen in Rüti ist kein Einzelfall geblieben. Auch 2026 kommen Rechtsextreme in der Schweiz zu einem Treffen zusammen. Im Frühjahr findet in Thusis im Kanton Graubünden ein Konzert aus dem Umfeld von Blood and Honour statt, an dem laut Medienberichten rund 150 Personen teilnehmen.

Die Veranstaltungen zeigen, dass das Netzwerk und dessen Umfeld in der Lage sind, Anhänger aus der Schweiz und dem Ausland zusammenzubringen.

Deutsche Rechtsterroristen

Unter den Teilnehmern des Treffens in Rüti befinden sich zentrale Figuren der deutschen Neonazi-Szene. Dazu gehört auch die Band Oidoxie, die im rechtsextremen Milieu seit Jahren bekannt ist.

Die Gruppe unterhält Verbindungen zu Combat 18, einer militanten Neonazi-Organisation, deren Name als Zahlencode für «Kampftruppe Adolf Hitler» steht. In Deutschland wurde Combat 18 verboten, weil sich die Vereinigung gegen die verfassungsmässige Ordnung richtet.

Die Kontakte der Band reichen auch in die Schweiz. Zu ihrem Umfeld gehört unter anderem der mehrfach verurteilte Neonazi Kevin G. aus dem Zürcher Oberland.

Seit Jahrzehnten in der Schweiz aktiv: Rechtsextreme demonstrieren 2007 mit Symbolen des Neonazi-Netzwerks Blood and Honour. Die Organisation ist bis heute Teil der militanten rechtsextremen Szene.

Seit Jahrzehnten in der Schweiz aktiv: Rechtsextreme demonstrieren 2007 mit Symbolen des Neonazi-Netzwerks Blood and Honour. Die Organisation ist bis heute Teil der militanten rechtsextremen Szene.

Steffen Schmidt / Keystone

Die deutsche Neonazi-Szene ist seit Jahren breit vernetzt. So bewegten sich Angehörige des internationalen Blood-and-Honour-Netzwerks auch im Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Die rechtsterroristische Gruppe ermordete zwischen 2000 und 2007 in Deutschland zehn Menschen und verübte zahlreiche weitere Straftaten.

Eine Person aus diesem Umfeld war wohl auch am Konzert in Tuggen.

Am Konzert im «Bandits» soll sich ein Mann aufgehalten haben, der in der deutschen Neonazi-Szene unter dem Decknamen «Primus» bekannt wurde. Von 1992 bis 2002 war er als V-Mann für den deutschen Verfassungsschutz tätig und bewegte sich im Umfeld jener Rechtsextremen, aus denen später der NSU hervorging.

Der Mann soll die späteren Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Beate Zschäpe Anfang der nuller Jahre in seiner damaligen Baufirma beschäftigt haben. Auch er gehörte zum Blood-and-Honour-Netzwerk.

2013 wurde seine Tätigkeit als V-Mann öffentlich bekannt, zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits ins Sarganserland abgesetzt, wo er bis heute lebt. Ein deutsches Auslieferungsgesuch lehnte die Schweiz 2016 ab.

Einen Tag nach dem Konzert in Tuggen hinterliess der ehemalige V-Mann beim «Bandits» eine Google-Bewertung. Er vergab fünf Sterne und schrieb: «War eine fette Party gestern.»

Ein Lokal mit Vorgeschichte

Dass sich Angehörige der Neonazi-Szene ausgerechnet im «Bandits» aufhalten, ist offenbar kein Zufall. Das Konzertlokal in der Industriezone von Tuggen hatte bereits in der Vergangenheit Probleme mit Rechtsextremen.

Nach Übergriffen im Jahr 2014 erklärte ein Betreiber gegenüber den Medien, dass Neonazis im Lokal regelmässig Schwierigkeiten bereitet hätten. Eine schwarze Liste sollte damals verhindern, dass bekannte Rechtsextreme weiterhin Zutritt erhielten.

Mehr als ein Jahrzehnt später scheint das Problem nicht verschwunden zu sein.

Konzertbesucher schildern der NZZ, dass am Abend der tödlichen Auseinandersetzung mehrfach Personen mit Blood-and-Honour-Shirts aus dem Lokal gewiesen worden seien. Diese hätten jedoch über Nebeneingänge wieder Zutritt gefunden. Die Rechtsextremen hätten offensichtlich ihr Revier markieren wollen, sagt ein Besucher.

Der Betreiber zeichnet ein anderes Bild. Ein Sprecher des Lokals erklärt auf Anfrage der NZZ, das Sicherheitspersonal habe Störenfriede hinaus- und bis auf den Parkplatz begleitet. Dass Extremisten regelmässig im «Bandits» verkehrten, sei längst kein Thema mehr. Seit den Vorfällen von 2014 habe man die Situation im Griff.

Nach dem Todesfall rückte auch das internationale Blood-and-Honour-Netzwerk erneut in den Fokus der Ermittlungsbehörden. Wie Recherchen der NZZ zeigen, kam es im Nachgang zu vorübergehenden Festnahmen. Die Staatsanwaltschaft Schwyz macht auf Nachfrage keine weiteren Angaben zu den Ermittlungen.

Nächstes Konzert im Visier

Während die Ermittlungen zum Todesfall von Tuggen laufen, mobilisieren rechtsextreme Gruppierungen aus dem Umfeld von Blood and Honour gegen ein Konzert des deutschen Rappers und Pianisten Danger Dan am Mittwoch in Zürich.

Der Musiker machte kürzlich mit einem Song Schlagzeilen, der als Aufruf zum militanten Widerstand gegen rechts verstanden werden kann. Das Lied beschreibt die Gründung einer Antifa-Zelle. Die AfD einerseits und militante Neonazis andererseits begreift der Rapper hierbei als zwei Seiten derselben Medaille. Das ZDF verweigerte die Ausstrahlung des Songs.

Die rechtsextreme Nationale Aktionsfront, die in der Vergangenheit am oberen Zürichsee Treffen mit Hunderten von Neonazis organisiert hatte, ruft in den sozialen Netzwerken «alle Patrioten und Nationalisten» dazu auf, am Mittwoch zum Zürcher Volkshaus zu kommen. Die Gruppierung schreibt, man werde das Konzert «nicht tatenlos hinnehmen». Man wolle ein «klares Zeichen gegen linke Gewalt» setzen.

Auch eine rechtsextreme Kampfsportgruppe mobilisiert gegen den Anlass. Sie posiert in den sozialen Netzwerken martialisch mit einem Banner von Blood and Honour und Combat 18.

Was die Rechtsextremen am Mittwoch konkret vorhaben, lassen sie offen. Die Aufrufe zeigen jedoch, wie selbstverständlich sich das militante Neonazi-Milieu neuerdings öffentlich bemerkbar macht.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Tobias Marti

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