Nach palästinensischem Terrorangriff im Westjordanland vertreibt Israel zweitausend Menschen

Benjamin Netanyahu hat eine der grössten Militäroperationen seit Jahrzehnten in dem besetzten Gebiet angekündigt. Alle Übergänge nach Israel sind geschlossen.

25.10.2026, 14.46 Uhr

4 Leseminuten


Ein palästinensischer Anwohner beobachtet, wie sein Haus in Hebron von israelischen Soldaten zerstört wird.

Ein palästinensischer Anwohner beobachtet, wie sein Haus in Hebron von israelischen Soldaten zerstört wird.

Mussa Qawasma / Reuters

Bei für einen Terrorangriff wurden am Freitag im Westjordanland zwei israelische Soldaten getötet und drei weitere verletzt. Nun müssen dafür Hunderte Palästinenser in Hebron büssen: Laut Verteidigungsminister Israel Katz wurden 2000 Menschen in der palästinensischen Stadt gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Israels Armee hat daraufhin damit begonnen, mehrere angeblich illegal errichtete Häuser in dem Gebiet zu zerstören. Die israelische Zeitung «Haaretz» berichtet unter Berufung auf Hebrons Bürgermeister sogar von 2231 Vertriebenen.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Es handelt sich um das Quartier, in dem die beiden Attentäter lebten, die am Freitag auf die israelischen Soldaten schossen.  Die palästinensischen Schützen wurden sofort nach der Tat getötet. Die Hamas hat das Attentat gelobt, sich aber nicht dazu bekannt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu kündigte bereits am Freitag in Hebron an, eine der grössten Militäroperationen im Westjordanland seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 durchzuführen.

In der Nacht auf Sonntag verkündete Israels Armee, dass palästinensische Arbeiter bis Montag keine israelischen Siedlungen im Westjordanland mehr betreten dürfen. Ausserdem werden alle Landübergänge zwischen dem besetzten Gebiet und Israel bis einschliesslich Dienstag geschlossen bleiben. An diesem Tag wird in Israel ein neues Parlament gewählt.

Israels hartes Vorgehen im Westjordanland

In Hebron zeigt sich, dass Israel jetzt auch im Süden des Westjordanlands eine ähnliche Strategie wie im Norden des Territoriums verfolgt. Zu Beginn des Jahres 2025 begannen israelische Soldaten dort mit der Operation «Eiserne Mauer», in deren Rahmen das Militär in die sogenannten Flüchtlingslager in Jenin, Tulkarem und Tubas einrückte, die Einwohner vertrieb, Häuser zerstörte und die Quartiere bis heute besetzt hält.

Einst befanden sich dort Flüchtlingslager für Palästinenser, die 1948 aus dem heutigen Staatsgebiet Israels vertrieben wurden. Über die Zeit sind dort Quartiere mit eng gedrängten Häusern aus Beton entstanden, die Bezeichnung Flüchtlingslager behielten die Ortschaften trotzdem. Laut der Uno wurden bei der Operation 40 000 Palästinenser vertrieben, sie konnten bis jetzt nicht zurückkehren.

Ambulanzen in der Nähe des Attentats auf die israelischen Soldaten am Freitag.

Ambulanzen in der Nähe des Attentats auf die israelischen Soldaten am Freitag.

Ammar Awad / Reuters

Bewohner der nördlichen Stadt Jenin hatten damals berichtet, dass die israelischen Soldaten das Feuer auf jeden eröffneten, der sich dem Flüchtlingslager näherte. Sogar in Richtung von ausländischen Diplomaten schossen die israelischen Soldaten, als die internationalen Vertreter sich im Frühjahr 2025 während einer Delegationsreise in Jenin befanden.

Israels Verteidigungsminister Katz schrieb am Samstag auf X, das Modell des «Flüchtlingslagers» von Jenin werde jetzt auch Hebron erreichen. «Das ist die einzige Sprache, die der jihadistische Terror versteht», sagte Katz. «Wie in Gaza, wie in Libanon.» Im Gazastreifen und im Süden des Libanon haben israelische Truppen systematisch Häuser zerstört.

Israels Armee bestreitet jedoch, dass Bewohner in Hebron gezwungen wurden, ihr Haus zu verlassen. Ihnen sei lediglich die Möglichkeit offeriert worden, das Gebiet temporär zu verlassen. Sollte allerdings tatsächlich dieselbe Strategie wie im Norden des Westjordanlands umgesetzt werden – so wie es Katz und auch Netanyahu versprochen haben – dürften auch die rund 2000 Anwohner in Hebron langfristig vertrieben worden sein.

Kritiker des Vorgehens werfen Israel Völkerrechtsbruch und Kollektivstrafen gegen unschuldige Palästinenser vor. Befürworter in Israel halten dem entgegen, dass die Anzahl der Terrorangriffe im Westjordanland so tief liegt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Sie sehen dies als Beweis für die Notwendigkeit und Effizienz noch härterer militärischer Massnahmen.

Auch Eisenkot ist gegen Zweistaatenlösung

Ein weiterer Grund für das Durchgreifen dürfte der Wahlkampf in Israel sein. Die Regierungskoalition von Benjamin Netanyahu wird laut einer aktuellen Umfrage am Dienstag eine Mehrheit klar verfehlen. Der Oppositionsblock um Favorit Gadi Eisenkot kommt demgemäss zwar auf mehr Sitze im Parlament, kann aber ebenfalls nicht die Mehrheit von 61 der 120 Knesset-Mandate gewinnen.

Israels Polizeiminister Itamar Ben-Gvir spricht in der Nähe von Hebron mit Journalisten.

Israels Polizeiminister Itamar Ben-Gvir spricht in der Nähe von Hebron mit Journalisten.

Ammar Awad / Reuters

Das Rennen ist knapp, und so versuchen gerade die rechten bis extrem rechten israelischen Kandidaten noch kurz vor dem Wahlgang politisches Kapital aus dem Terrorangriff und den Gegenmassnahmen zu schlagen.

Der extremistische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir etwa forderte ein Ende der Bewegungsfreiheit für die über drei Millionen Palästinenser im Westjordanland. Ausserdem solle die Palästinensische Autonomiebehörde unter Führung von Mahmud Abbas zerschlagen werden.

Während vor allem die extrem rechten Minister Ben Gvir und Bezalel Smotrich auf einer härteren Gangart im Westjordanland bestehen und den Siedlungsausbau massiv forcieren, dürfte auch mit einer neuen Regierung in Israel kein fundamentaler Wechsel der Besetzungspolitik einhergehen. Gadi Eisenkot hat sich in der Vergangenheit zwar gegen grössere, besonders kontroverse Siedlungsprojekte im Westjordanland ausgesprochen. Aber auch er nannte eine Zweistaatenlösung «wahnhaft».

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Rewert Hoffer

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira