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Nach den Krawallen in Frankreich sieht sich der Osten Europas in seiner restriktiven Migrationspolitik bestärkt

Für Ostmitteleuropa sind die Ausschreitungen in Frankreich und Italien ein Warnzeichen. Die Staaten wollen die Fehler des Westens nicht wiederholen und halten an ihren Gesellschaftsvorstellungen fest.

22.10.2026, 05.30 Uhr

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Rauchwolken in Mailand: Krawalle erschütterten am Wochenende nicht nur Frankreich, sondern auch Italien.

Rauchwolken in Mailand: Krawalle erschütterten am Wochenende nicht nur Frankreich, sondern auch Italien.

Andrea Carrubba / Anadolu via Getty

Die Bilder vom vergangenen Wochenende aus Frankreich und Italien haben auch den Osten Europas aufgerüttelt. In den ostmitteleuropäischen Staaten und erst recht in Russland ist die Einschätzung weit verbreitet, der klassische Westen habe abgewirtschaftet und seine Werte verraten. Ausschreitungen, brennende Rathäuser, geplünderte Geschäfte und Szenen roher Gewalt sind dafür der beste Beleg. Reflexartig wird für den angeblichen Niedergang und dessen Auswüchse die Migrationspolitik verantwortlich gemacht.

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Die Regierungschefs von Polen und Ungarn, Donald Tusk und Peter Magyar, kommentierten die Nachrichten aus Frankreich sofort in diesem Sinne, Magyar noch schärfer als Tusk. Er schrieb auf X, nun sei vielleicht jedem klar, weshalb Ungarn die härtestmögliche Haltung in der Migrationsfrage einnehme. Die Mehrheit der westeuropäischen Staaten sei nun auch endlich aufgewacht. Auch Tusk fühlte sich zur Rechtfertigung der harten polnischen Asylpolitik bemüssigt. Polen werde die Fehler anderer europäischer Staaten nicht wiederholen und auch nicht für sie bezahlen.

Gesellschaften wollen homogen bleiben

Weder Magyar noch Tusk wiesen darauf hin, dass die Ursache der Gewaltausbrüche nicht allein mit dem Streit um die illegale Migration nach Europa der vergangenen Jahre zu erklären ist. Ihre Wortmeldungen nahmen vor allem konservative Medien in Polen und Ungarn gerne auf. Weiter links stehende Publikationen rückten die soziale Komponente und die Unzufriedenheit der jüngeren Generationen stärker in den Vordergrund. Dass das Migrationsthema in der ostmitteleuropäischen Rezeption besonders dominiert, ist kein Zufall. Im Osten Europas trifft es auf eine sehr empfindliche Stelle.

Ungarns Ministerpräsident Peter Magyar nahm die Ausschreitungen in Frankreich zum Anlass dafür, die ungarische Migrationspolitik zu bekräftigen.

Ungarns Ministerpräsident Peter Magyar nahm die Ausschreitungen in Frankreich zum Anlass dafür, die ungarische Migrationspolitik zu bekräftigen.

Tibor Illyes / AP

Im Kern geht es darum, wie homogen eine Gesellschaft sein und bleiben soll und wie viel Einfluss die Europäische Union auf die Politik ihrer Mitgliedstaaten haben soll. Als sich während der Flüchtlingskrise vor zehn Jahren gerade die Staaten mit geringem Ausländeranteil besonders heftig gegen die Aufnahme von Asylsuchenden wehrten, rief das im Westen des Kontinents Verwunderung, mitunter Empörung und den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit hervor.

Historiker und Soziologen wiesen schon damals darauf hin, dass diese Abwehrreaktion gar nicht so paradox sei, wie sie manchen auf den ersten Blick erscheine. Wer ethnische Diversität nicht kennt, schreckt vor ihr zurück. Wer schwere gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Verwerfungen hinter sich hat, sorgt sich um die Stabilität und Sicherheit der eigenen Lage. Beides trifft auf die ostmitteleuropäischen Staaten zu.

Nationale Souveränität verteidigen

Ostmitteleuropa war bis zum Zweiten Weltkrieg zwar besonders multikulturell gewesen. Der Holocaust sowie Aus- und Umsiedlungen während des Krieges und nach der Neuordnung Europas 1945 führten aber zu einer ethnischen Homogenisierung der in neuen Grenzen entstandenen Staaten im östlichen Europa. Im Zuge der Verheerungen des Krieges war der Kontinent zum «Verschiebebahnhof Europas» geworden, wie es der Osteuropahistoriker Karl Schlögel nannte. Für die aus den Folgen dieser Völkerverschiebungen hervorgegangenen Gesellschaften wurde diese Homogenität zur Normalität, zumal hinter dem Eisernen Vorhang Reisen über die Grenzen hinweg verhältnismässig selten waren.

Als 1989 der Ostblock zusammenbrach, wurde der Austausch zwar erleichtert. Gleichzeitig war das aber auch ein Moment des nationalen Erwachens und der Wiederherstellung der nationalen Souveränität nach Jahrzehnten unter dem Einfluss der Sowjetunion. Der Nationalstaat bekam eine neue Bedeutung. Zuwanderung drohte in diesem Verständnis das soeben Erreichte und die selbstbestimmte Sicherheit zu gefährden. Gerade umgekehrt dazu begannen im Westen des Kontinents die nationalen Grenzen mit der Vertiefung der EU-Integration immer mehr zu verfliessen.

In seinem 2017 erschienenen Essay «Europadämmerung» verwies der bulgarische Politologe Ivan Krastev auf diese Entwicklungen. Die Skepsis gegenüber dem Kosmopolitismus nährt sich seiner Ansicht nach nicht nur aus den Folgen der Nachkriegsordnung, sondern auch aus der Abgrenzung zum Kommunismus. Dessen kosmopolitische Schlagworte hatten die ostmitteleuropäischen Gesellschaften nach der Wende satt. Sie stürzten sich auf die nationale Idee, die der Westen gerade dabei war abzustreifen.

Polen greift hart durch gegen illegale Migration. An der Grenze zu Weissrussland wurde ein Grenzzaun errichtet.

Polen greift hart durch gegen illegale Migration. An der Grenze zu Weissrussland wurde ein Grenzzaun errichtet.

Aleksander Kalka / Nurphoto / Imago

Zugleich erfuhren sie Migration zunächst primär als Auswanderung. Auch die Emigration in den Westen aus wirtschaftlichen Gründen wirkte sich negativ auf die nationale Identität und die demografische Entwicklung aus. Auf die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und aus Vorderasien reagierten sie auch aus diesem Grund besonders empfindlich. Das Vertrauen in die Politik, die Migration gut zu bewältigen, fehlt laut Krastev ebenfalls.

Angst vor dem Identitätsverlust

Auch andere historische Gründe mögen eine Rolle spielen: In Ungarn etwa ist der Abwehrkampf gegen die Türken und die Ablehnung von deren Fremdherrschaft tief verankert. Das christliche Fundament der Gesellschaft besitzt gerade in Ungarn und Polen eine viel grössere Bedeutung als in den stärker säkularisierten Gesellschaften des westlichen Europas. Jahrhunderte der wiederkehrenden Fremdherrschaft haben die Furcht vor der Zerstörung der eigenen kulturellen Grundlagen im Osten Europas stark geprägt.

Deshalb ist auch der Reflex, die EU als neue Erscheinung dieser Fremdherrschaft zu sehen, im Zusammenhang mit der Migrationspolitik besonders stark. Die ostmitteleuropäischen Staaten wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie mit ihrem Sicherheitsbedürfnis umzugehen haben.

Mit dieser Abwehrhaltung, dem Festhalten an der nationalen Souveränität trotz EU-Mitgliedschaft und an der Vorstellung von nationaler Identität und Gesellschaftsform ist Ungarn unter dem im Frühjahr abgetretenen Ministerpräsidenten Viktor Orban zum Feindbild vieler EU-Staaten, aber zum Vorbild rechter europäischer und amerikanischer Politiker geworden. Das spricht auch aus der Reaktion Letzterer auf die Bilder aus Frankreich. Das Verhalten Tusks und des Orban-Gegners Magyar zeigt aber auch, wie sehr die unterschiedlichen Vorstellungen innerhalb Europas weiterhin eine Rolle spielen – unabhängig davon, wer gerade in Warschau oder Budapest an der Macht ist.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Markus Ackeret

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