Nach den Ausschreitungen von Mailand: Schlagabtausch in Italiens Rapper-Szene

Italiens Rapper dienen vielen jungen Chaoten als Vorbilder. Nun ist unter ihnen ein Streit über den Gewaltausbruch von Mailand und ihre Mitverantwortung entbrannt.

22.10.2026, 05.30 Uhr

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Das teure Apple-Handy, die Spiderman-Maske und der Kapuzenpulli: Insignien der Jugendszene in Italiens Städten.

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Francesco Enriquez / Imago

Es ist der Soundtrack der Revolte von Mailand: der Sprechgesang der Rapper aus Mailands Vorstädten. Sie heissen Marracash, Fedez, Ghali oder Sayf und dienen den Kindern und Jugendlichen als musikalische und ästhetische Vorbilder.

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In ihren Songs singen und reden sie vom Treiben auf den Strassen, von Drogen, Geld, toxischen Beziehungen und von der «galera», den Aufenthalten in den Gefängnissen der Stadt. Das Leben: ein einziger Kampf.

Mit ihren weit geschnittenen Trainingsanzügen aus glänzendem Polyester, ihren Sneakers, den Tattoos, schweren Gliederketten und ihrem glitzernden Zahnschmuck sind sie so ziemlich das Gegenteil dessen, was einem in Mailands eleganter Innenstadt begegnet. Ihre Uniformen haben wenig mit dem Chic und der Klasse der Via Montenapoleone zu tun, der teuersten Einkaufsstrasse Italiens.

Und doch nehmen sie optische Anleihen beim Luxussegment. Wer es geschafft hat, trägt auch einmal Accessoires von Gucci oder Louis Vuitton, Symbole des sozialen Aufstiegs – und darf sich an den Laufstegen der Mailänder Modewoche oder, wie Marracash vor einigen Jahren, an der Seite von Bürgermeister Beppe Sala bei der Saisoneröffnung der Scala zeigen.

Viele der Kinder und Jugendlichen, die am vergangenen Wochenende marodierend durch Mailand und andere norditalienische Städte gezogen sind, bewegen sich in diesen Spannungsfeldern – zwischen dem Luxus der Zentren und der Armut der Peripherie. «Holen wir uns alles, es ist gratis», so zitierten die grossen Zeitungen einen der jungen Chaoten vom Wochenende. Es ist, als wären die Plünderungen die Fortsetzung der Raps mit anderen Mitteln.

Kundenpflege der besonderen Art

Inzwischen treiben die Unruhen auch deren Autoren selbst um. Den Anstoss zu einer heftigen Debatte über die Rolle der Musiker gab Marracash. Der 47-Jährige, mit bürgerlichem Namen Fabio Bartolo Rizzo und aufgewachsen im Mailänder Problemviertel Barona, gilt heute als eines der Schwergewichte der Szene. Laut Kennern verfügt er über eine besonders hohe Street-Credibility bei den Jungen. Gleichzeitig wird er vom italienischen Feuilleton als ernstzunehmender Intellektueller respektiert.

«Mit guten Worten änderst du nichts», schrieb er am Montag auf seinem Instagram-Profil, einen Tag nachdem in Mailand die Scheiben zu Bruch gegangen waren. Er habe schon lange auf diese Reaktion gewartet. «Wir stehen erst am Anfang», ergänzte er.

Seine Worte wurden in den italienischen Medien sogleich aufgegriffen und als Beweis dafür gewertet, dass Mailands Rapper-Szene Öl ins Feuer giessen wolle und sich mit den Plünderern solidarisiere.

Marracash blieb nicht allein. Auch sein Kollege Ghali übte sich in Kundenpflege, wenn auch in etwas milderen Worten. «Kämpft weiter für das, woran ihr glaubt», schrieb der 33-jährige Musiker, der mit bürgerlichem Namen Ghali Amdouni heisst und im Mailänder Vorort Baggio aufwuchs, woher nach jetzigem Kenntnisstand viele der Krawallanten stammen.

Aufgeschreckt durch die heftigen Reaktionen von Politikern, die Marracash und ihm eine Mitschuld an der Gewalt gaben, schob er einen Tag später bei einem Auftritt am Rand des Römer Filmfestivals nach, man müsse zwischen denjenigen, die Gewalt anwendeten, und der breiten Masse von Jugendlichen unterscheiden, die für eine bessere Zukunft und gegen die Ausgrenzung auf die Strasse gingen.

In der ersten Reihe bei Louis Vuitton

Eine ganz andere Sicht auf die Dinge hat derweil Fedez alias Federico Leonardo Lucia, 37 Jahre alt, aus Buccinasco, einer Gemeinde an der südwestlichen Peripherie von Mailand. Fedez ist in Italien ein Medienstar, dessen Bekanntheit weit über die Rapper-Szene hinausgeht. Er bewegt sich am Schlagerfestival von Sanremo ebenso gewandt wie in der Mailänder Haute Volée.

Während acht Jahren lebte Fedez in einer Beziehung mit Chiara Ferragni, dem Superstar der italienischen Influencer-Szene mit einem Publikum von weit mehr als 27 Millionen Followern auf Instagram. Ihre Ehe, die 2024 in die Brüche ging, spielte sich weitgehend vor den Augen der Öffentlichkeit ab.

Gegenüber seinen Kollegen nahm Fedez kein Blatt vor den Mund. Ihre Solidarität mit den Jugendlichen hält er für heuchlerisch. Er kenne die Frustration der Menschen in den Vororten aus eigener Erfahrung nur allzu gut. Doch Marracash, Ghali und die anderen unterstützten einen Protest gegen Konsummodelle, zu deren Förderung sie selbst beitrügen.

Und an die Adresse der Jugendlichen gerichtet, schrieb Fedez: «Letztlich wird euer Lieblingsrapper wieder in der ersten Reihe bei den Modeschauen von Louis Vuitton sitzen, und ihr, auf der anderen Seite des Schaufensters, werdet nicht einmal bemerken, dass er zum Teil auch dazu beigetragen hat, diesen Klassenhass zu schüren.»

Ob Fedez’ Hinweis bei der Jugend von Mailand verfängt, ist offen. Für das kommende Wochenende sind in verschiedenen Städten Italiens wieder Demonstrationen angekündigt. Die Angst vor neuen Saubannerzügen ist gross.

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Am Wochenende kam es wie in Frankreich auch in einzelnen norditalienischen Städten zu Gewaltausbrüchen. Jetzt zeigt sich: 80 Prozent der Chaoten von Mailand sind minderjährig und haben keine politischen Anliegen. Die italienische Politik su

Source: Neue Zürcher Zeitung · Luzi Bernet

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