Nach dem Rücktritt des Verkehrsministers werden in Spanien die Tragödien verrechnet
Der angeschlagene Regierungschef Sánchez verliert mit Óscar Puente einen engen Vertrauten. Jetzt will er den gescheiterten Verkehrspolitiker im Wahlkampf als leuchtendes Beispiel präsentieren.
Florian Haupt, Madrid04.11.2026, 14.06 Uhr
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Am Dienstag versuchte Óscar Puente dem Parlament zu erklären, wie es zum zweiten schweren Zugunglück innert zehn Monaten auf Spaniens Schiene hatte kommen können. Am Abend trat er dann zurück.
Juan Barbosa/Reuters
In Spanien steht die Politik gerade im Zeichen des Wahlkampfs. Dieser hat am Dienstagabend eine neue Wendung erhalten, als der sozialistische Regierungschef Pedro Sánchez einen seiner wichtigsten Mitstreiter verlor. Verkehrsminister Óscar Puente erklärte eine Woche nach dem Zugunglück von Urda mit 69 Toten seinen Rücktritt. Unter Bezugnahme auch auf die Tragödie von Adamuz im Januar mit 46 Toten auf derselben Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Sevilla räsonierte Puente: «Ein Transportverantwortlicher kann nach zwei so schweren Unfällen in weniger als einem Jahr nicht weitermachen.»
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Genau so sah es eine breite Mehrheit im ganzen Land schon seit der Tragödie – und das will auch Puente bereits unmittelbar nach dem Unglück gedacht haben. Warum er dann noch tagelang Zeit verstreichen liess? Puente wollte dies als Ausdruck seiner Verantwortung und als Grundlage für die Einleitung von Sofortmassnahmen zur Verbesserung der Sicherheit verstanden wissen. Manche Kritiker vermuten allerdings, dass ihm bei einer Parlamentsanhörung klar wurde, wie wenig Rückhalt er noch hatte. Ausser seiner eigenen sozialistischen Partei (PSOE) und den baskischen Linksseparatisten von Bildu wollte ihn offenbar kaum noch jemand im Amt sehen.
Ein «trauriger Moment» für Sánchez
Die Umstände der Demission dürfen mindestens als ungewöhnlich gelten. Am Dienstag gab Puente erst noch der Presse lang Auskunft über seine Reformvorschläge, die vor allem eine Verbesserung der Überwachung betreffen, mehr Lotsen unter besseren Arbeitsbedingungen, unterstützt von aufgerüsteter Technologie und künstlicher Intelligenz. Dann stellte er sich vier Stunden lang den Abgeordneten. Inmitten der besten Nachrichtenzeit des Fernsehens verkündete er dann um kurz nach 21 Uhr seinen Entschluss.
Seinem Chef Sánchez teilte er ihn erst wenige Minuten zuvor mit, wie Puente beim Verlassen des Parlaments erklärte. «Ich weiss, dass das ein trauriger Moment für ihn ist, ein weiterer auf diesem Weg von Licht und Schatten des politischen Lebens». Puente verzichtet auch auf einen erneuten Listenplatz für die Parlamentswahlen am 29. November.
Wenige Wochen vor dem vorgezogenen Urnengang und angesichts einer starken Wechselstimmung im Land wird der Weg für Sánchez damit immer dunkler. Fast schon drehbuchartig fielen in den letzten Jahren die Dominosteine um den Regierungschef. Allen voran Puentes Amtsvorgänger José Luis Ábalos, zugleich Parteisekretär, der wegen Korruption zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde. Auch die Karriere von dessen Nachfolger als PSOE-Organisator, Santos Cerdán, zerschellte an Korruptionsermittlungen, wie auch die Laufbahnen weiterer Minister und Abgeordnete an diversen Affären.
Übrig blieb Puente, der ein bewährter Agitator und Speerspitze seiner Partei in den sozialen Netzwerken war. Andererseits hätte man mit ihm zum gegenwärtigen Zeitpunkt gewiss keine Wahl mehr gewonnen. Die Analysten werteten den Rücktritt daher als Befreiung für Sánchez, die ihm seine kleinen Restchancen für den 29. November wahrt – oder jedenfalls die Aussichten, ein Debakel zu verhindern. Derzeit liegen seine Sozialisten in den Umfragen hinter der konservativen PP. Auf Platz drei folgt die rechtsnationale Vox. Dabei ist die Reaktion der Bevölkerung auf das Zugunglück in diesen Umfragen noch gar nicht berücksichtigt.
Wir sind nicht alle gleich
Die Strategen der Sozialisten wollen den Abgang des Ministers nun dafür nutzen, der konservativen PP den Spiegel vorzuhalten. Nach den schweren Überschwemmungen mit 234 Toten vor zwei Jahren in der Region Valencia klammerte sich der dortige PP-Regierungschef Carlos Mazón, unterstützt von der Madrider Parteizentrale, trotz offenkundiger Versäumnisse noch über ein Jahr an sein Amt. Erst wiederholte Massenproteste und Unmutsbekundungen von Opferangehörigen gegen ihn beim Staatsbegräbnis ein Jahr nach der Katastrophe zwangen ihn letztlich zum Rücktritt. Sein Abgeordnetenmandat aber behielt er, und damit die Immunität für die Gerichtsprozesse zu den Vorfällen.
Demgegenüber geben sich die skandalumwitterten Sozialisten nun als Wahrer der politischen Kultur. «Wir sind nicht alle gleich», gab Sánchez die neue Wahlkampflosung aus. Gegenseitige Aufrechnung von Unglücken lautet bis zum 29. November beiderseitig die Strategie im Land der zuletzt so vielen Tragödien.
Die Verantwortung für das marode Verkehrswesen übernimmt derweil Vize-Regierungschef Carlos Cuerpo. Der parteilose Wirtschaftsminister ist laut Umfragen das beliebteste Kabinettsmitglied.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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