Nach Brand im Kehlsteinhaus Hitlers Teehaus: Zwischen Wiederaufbau und «Das geht gar nicht»

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Ein Grossbrand sorgte für Schlagzeilen: Am Wochenende ist das Kehlsteinhaus in Bayern abgebrannt. Das Gebäude gehörte zum sogenannten Führersperrgebiet Obersalzberg und wurde auf Anweisung von Adolf Hitler errichtet. Nun gibt es eine Kontroverse darum, ob es wieder aufgebaut werden soll. Journalist Thies Marsen ordnet ein.

Thies Marsen

Journalist

Thies Marsen ist seit 1998 freier Mitarbeiter beim Hörfunk des Bayerischen Rundfunks und arbeitet dort als Reporter, Autor, Sprecher und Moderator. Als Journalist beschäftigt er sich mit der NS-Vergangenheit und dem Neofaschismus in Deutschland.

Bild: ARD / BR

SRF: Wer plädiert für einen Wiederaufbau?

Thies Marsen: Mehrere bayerische Minister haben sich sehr schnell zu Wort gemeldet und gesagt: Das muss wieder aufgebaut werden. Auch Kommunalpolitikerinnen und -politiker vor Ort sagen das. Denn der Tourismus am Kehlsteinhaus spült ordentlich Geld in die Taschen des Landkreises. Da geht es um Millionen. Auch wenn jeder weiss, dass da wohl auch einige Hitler-Touristen darunter sind, auch Rechtsextremisten, die sozusagen auf den Spuren des Führers wandeln wollen. Jetzt soll es ganz schnell gehen: Man hat die Bildung einer Expertenkommission gefordert, um einen Wiederaufbau voranzubringen.

Legende: Das von den Nationalsozialisten errichtete Kehlsteinhaus am Obersalzberg in Berchtesgaden ist in der Nacht zum 24. Oktober durch ein Feuer weitgehend zerstört worden. Jetzt steht die Frage nach dem Wiederaufbau im Raum. KEYSTONE/DPA/Kilian Pfeiffer

Nicht alle wollen einen Wiederaufbau. Es gibt auch kritische Stimmen.

Durchaus und das sind auch sehr gewichtige Stimmen. Jens Christian Wagner, der Leiter der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, hat sich gegen einen Wiederaufbau ausgesprochen. Sven Keller, der Leiter der Dokumentationsstelle Obersalzberg, sagt: Eins zu eins aufbauen, das geht gar nicht. Denn es darf seiner Meinung nach nicht sein, dass man diese protzige Überwältigungsarchitektur der Nazis wiederherstellt. Er sagt: Lieber ein moderner Bau, der die Geschichte mit aufnimmt.

Legende: Das Museum «Dokumentation Obersalzberg» unterhalb des Kehlsteinhauses beschränkt sich wegen der Funktion und Bedeutung des Ortes nicht auf die Ortsgeschichte, sondern verbindet sie mit einer Darstellung zentraler Erscheinungsformen der NS-Diktatur. IMAGO/Camera4

Wie wurde das Haus von den Nazis genutzt?

Es sollte vor allem dazu dienen, Staatsgäste, Diplomaten und ausländische Journalisten, zu beeindrucken. Hitler hatte am Obersalzberg seine zweite Machtzentrale bauen lassen. Während des Krieges hat er sich hier regelrecht eingeigelt: Das ganze Gebiet wurde künstlich vernebelt, damit es von alliierten Fliegern nicht bombardiert werden konnte. Aber vor dem Krieg hat er dort auch Staatsgäste empfangen, wie den britischen Premier Chamberlain. Das Kehlsteinhaus sollte den Besuchern zeigen: Seht her, wir Nazis machen uns alles untertan, auch die Berge.

Legende: Machtzentrale am Obersalzberg: Der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain (Mitte) wird 1938 in Berchtesgaden von Adolf Hitler empfangen. Getty Images/Hulton Deutsch

Wie ging es nach dem Zweiten Weltkrieg weiter?

Nach dem Krieg hat die US‑Army das ganze Areal Obersalzberg als Erholungs-Resort für die Soldaten genutzt. Unter anderem auch, damit es nicht zur Hitler-Wallfahrtsstätte wird. Trotzdem wurden Teile der Bunkeranlagen von Hitler-Fans und Neonazis besucht. Ab den 50er-Jahren war das Kehlsteinhaus dann schon ein Ausflugslokal. Viele Besuchende wurden von der Nazigeschichte des Gebäudes angelockt. Das sieht man auch daran, dass einschlägige Rechtsextremisten nach dem Brand ihre Erinnerungsfotos vom Ausflug aufs Kehlsteinhaus im Netz gepostet haben.

Der Umgang mit Bauten des NS-Regimes ist heikel. Was zeigt die Diskussion um den Wiederaufbau?

Ich würde sagen, das ist eine Diskussion, die ein bisschen exemplarisch ist. Es gibt in Bayern schon länger Diskussionen über den Umgang mit sogenannten Täter- und Opferorten. Kritikerinnen und Kritiker beklagen schon länger, dass die Staatsregierung zu viel Geld in Täterorte investiert. Im Gegensatz zu den Opferorten – etwa der KZ‑Gedenkstätte Dachau. Dort waren Gebäude zeitweise einsturzgefährdet und bei zentralen Projekten geht es schon lange nicht vorwärts. Im Fall des abgebrannten Hauses hat die bayerische Staatsregierung jetzt ganz schnell reagiert und angekündigt: Das wird wieder aufgebaut. Und das wird sicher Millionen kosten.

Das Gespräch führte Irene Grüter.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 29.10.2026, 17:10 Uhr ;  grui/gert

Source: SRF · 29.10.2026, 16:49

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