Mutterliebe für das Vaterland: Der Ukraine-Krieg erreicht die Opernbühne

Das Musiktheater «Mothers of Kherson» handelt von ukrainischen Müttern, die ihre verschleppten Kinder suchen. Die Koproduktion der Polnischen Nationaloper und der New Yorker Met orientiert sich an realen Schicksalen. Gut gemacht oder bloss gut gemeint?

Corina Kolbe01.11.2026, 17.00 Uhr

4 Leseminuten


Tausende Kilometer reisen die ukrainischen Mütter nach Russland, um ihre verschleppten Kinder nach Hause zu holen: Szene aus der Oper «Mothers of Kherson» von Maxim Kolomiiets und George Brant im Teatr Wielki in Warschau.

Tausende Kilometer reisen die ukrainischen Mütter nach Russland, um ihre verschleppten Kinder nach Hause zu holen: Szene aus der Oper «Mothers of Kherson» von Maxim Kolomiiets und George Brant im Teatr Wielki in Warschau.

Arte

In einem Schutzbunker irren Menschen umher, begleitet von bedrohlicher Musik, die wie Gefechtslärm klingt. Russische Truppen sind in die Stadt eingefallen, viele Gebäude liegen in Trümmern. Kateryna hält ihre Tochter Lilia eng umschlungen und singt ihr ein Wiegenlied. Mit emotionaler Wucht beginnt die Oper «Mothers of Kherson», die kürzlich im Teatr Wielki in Warschau szenisch uraufgeführt wurde. Kateryna und andere Mütter müssen erleben, wie ihre Kinder in ein angebliches Ferienlager auf der Krim gelockt und dort festgehalten werden. Als die Besatzungstruppen aus Cherson vertrieben sind, brechen die Frauen zu einer riskanten Reise auf, um die Entführten nach Hause zu bringen.

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Das Libretto des amerikanischen Dramatikers George Brant, das der ukrainische Komponist Maxim Kolomiiets vertont hat, beruht auf wahren Begebenheiten. Die Opernfiguren haben Vorbilder, etwa Julia Radsewilowa, die mit ihrem Sohn Maxim im besetzten Cherson lebte. «Abends gab es Ausgangssperren, ständig wurde geschossen», berichtet sie in einer Dokumentation auf Arte. Die Schule bot an, Maxim zur Erholung in ein Camp auf der nahen Krim zu schicken. Wie andere besorgte Mütter willigte Radsewilowa ein – obwohl die Kinder damit in die Obhut des Feindes gegeben wurden. «Was hat ukrainische Eltern dazu bewogen?», fragt sich die Ukrainerin Sasha Andrusyk, die die Hintergründe für das Opernprojekt recherchiert hat. «Wenn um einen herum alles explodiert, erscheint plötzlich sogar die Krim als gute Option.»

«Ein Phantomschmerz»

Seit Beginn des russischen Angriffs im Februar 2022 wurden gemäss ukrainischen Angaben mehr als 20 000 Kinder aus den besetzten Gebieten verschleppt. Weniger als 3000 sind bis anhin zurückgekehrt. Julia Radsewilowa konnte anfangs noch mit Betreuern ihres Sohnes telefonieren, dann brach der Kontakt ab. Später erfuhr sie, dass man die Kinder einer Gehirnwäsche unterzog, um sie zu mustergültigen russischen Staatsbürgern zu erziehen. Viele kamen in Pflegefamilien in Moskau und anderen Städten. In einer Szene der Oper, die in dem Lager mit dem zynischen Namen «Freundschaft» spielt, werden die Kinder darauf vorbereitet, bald die russische Nationalhymne zu singen. «Die Ukraine ist ein Phantomschmerz», redet ihnen der Leiter des Camps ein. «Ihr spürt sie noch, aber sie ist schon nicht mehr da.»

Fest entschlossen, ihr Kind zu retten, nahm Radsewilowa Kontakt zu der NGO Save Ukraine auf. Mit deren Unterstützung reiste sie im Frühjahr 2023 mit einer Gruppe von Frauen über Polen und Weissrussland nach Russland. In der Oper fahren die Frauen, von der polnischen Regisseurin Barbara Wysocka bildmächtig in Szene gesetzt, in einem alten Bus durch kriegszerstörte Städte und endlose Landschaften. Polen feiern die erschöpften Mütter als «letzten sicheren Hafen», als ihr Bus die Grenze passiert. «Als Nächstes kommt das brutale Belarus, dann Russland selbst. Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr», singt Kateryna, die von der Sopranistin Izabela Matuła ausdrucksstark verkörpert wird.

Die persönlichen Schicksale, von denen sich Brant inspirieren liess, bleiben hier nicht privat. Emotionen werden immer wieder mit politischer Bedeutung aufgeladen. Der eiserne Durchhaltewille der Frauen steht offenbar auch für die heroische Widerständigkeit der Bevölkerung in Kriegszeiten. Patriotismus wird mit grossem Pathos zelebriert, zum Beispiel wenn der Chor der Mütter nach der Befreiung von Cherson ein Loblied auf die ukrainische Armee darbringt: «Unsere Soldaten haben gesiegt, sie sind stark und mutig, in ihren Adern fliesst Kosakenblut», heisst es. «Verbrennt Moskaus Fahne, die Ukraine wird diesen Krieg gewinnen!»

In «Mothers of Kherson» dominieren grosse, fast religiös anmutende Chorszenen und Solopartien, die diese Oper in die Nähe eines Oratoriums rücken, wobei die stereotype Darstellung opferbereiter Frauen auch Unbehagen auslösen kann. Kateryna und ihre Mitstreiterinnen werfen sich unablässig vor, ihre Kinder nicht ausreichend geschützt zu haben, und nehmen die Schuld auf sich.

Nach vielen Schikanen bei Grenzkontrollen erreichen sie am Ende der 5000 Kilometer langen Reise die Krim. Kateryna beruft sich auf Zusicherungen von Putins Kinderrechtsbeauftragter Maria Lwowa-Belowa, um ihre Tochter Lilia freizubekommen. Vorher tritt Lwowa-Belowa bei einer als Propagandaaktion inszenierten Pressekonferenz im Kreml auf, wo sie verspricht, dass Eltern ihre Kinder persönlich abholen könnten. Für viele Mütter wird es allerdings kein Happy End geben, auch nicht auf der Opernbühne.

«Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr», singt Kateryna (Izabela Matuła): Wie die anderen Mütter setzt sie bei der Rettung der Kinder alles auf eine Karte.

Arte

Die Musik soll allen nahegehen

Maxim Kolomiiets, der seit 2022 in Leipzig lebt, wünscht sich, dass die ukrainische Kultur «ein Teil von Europa» werde. International wurde er mit experimentellen, avantgardistischen Stücken bekannt. Die Klangsprache von «Mothers of Kherson» ist hingegen leicht zugänglich und orientiert sich auch an ukrainischen Musiktraditionen. «Diese Musik soll allen Zuhörern nahegehen», sagt er. Die Metropolitan Opera in New York, die das Werk gemeinsam mit der Polnischen Nationaloper produziert hat, wählte Kolomiiets unter mehr als siebzig ukrainischen Bewerbern aus.

Der Intendant der Met, Peter Gelb, hatte der Ukraine gleich nach Kriegsbeginn Unterstützung zugesagt. Als Zeichen der Solidarität erklang in seinem Opernhaus die ukrainische Nationalhymne. Seine Ehefrau Keri-Lynn Wilson, die selbst familiäre Wurzeln in der Ukraine hat, steht bei «Mothers of Kherson» am Dirigentenpult. Vor mehr als vier Jahren gründete sie das Ukrainian Freedom Orchestra, das bereits am Lucerne Festival gastierte. «Heute möchte ich der ukrainischen Musik eine Stimme geben», erklärte Wilson, als im Juni in Kiew Auszüge aus der Oper konzertant präsentiert wurden. Die Premiere an der Met ist für Frühjahr 2028 angekündigt. Das Schicksal vieler verschwundener Kinder dürfte auch dann noch ungewiss sein.

Eine Aufzeichnung der Uraufführung ist bis 6. November in der Arte-Mediathek abrufbar.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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