Müssen Grosseltern vor einer Umarmung die Zustimmung der Enkel einholen? Eine Videokampagne erregt Irland
Eine staatlich geförderte Organisation hat mit einem Aufklärungsfilm eine Debatte über die Grenzen der grosselterlichen Zuneigung ausgelöst. Politiker zeigen sich empört. Doch es gibt auch Gegenstimmen.
Claudia Wanner, London24.10.2026, 05.30 Uhr
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Eine Grossmutter umarmt ihre Enkelin: Wird hier eine Grenze überschritten, wenn das Kind vorher nicht zugestimmt hat?
Cavan Images / Getty
Es klingelt, die Haustür geht auf. Draussen steht ein älteres Ehepaar, ein Bub fällt den beiden in die Arme und begrüsst die Grosseltern überschwänglich. Dem Teenager im Hintergrund ist es dagegen deutlich unangenehm, als sich Oma und Opa ihr zuwenden, um sie zu herzen. «Nicht jeder mag eine Umarmung. Auch nicht von den Menschen, die einen lieben», heisst es nach dem Schnitt in dem Video.
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🇮🇪 The Irish state has published an advert discouraging grandparents from hugging their grandchildren, as part of a campaign designed to promote "consent". pic.twitter.com/mQKRn8Dvu3
— Europa.com (@europa) October 21, 2026
Der Clip wurde von der irischen Kampagne «We-Consent» («Wir stimmen zu») produziert. Er ist Teil eines Programms des Dublin Rape Crisis Centre (DRCC), einer Hilfsorganisation, die sich den Folgen von sexueller Gewalt widmet. Die Kampagne soll die Öffentlichkeit über Grenzüberschreitungen aufklären. Doch das Video hat eine derart hitzige Debatte ausgelöst, dass das DRCC es vom Netz genommen hat.
Heftige Kritik
Darauf hatte auch Justizminister Jim O’Callaghan gedrängt, der das Video als «unangebracht und abwertend gegenüber Grosseltern» bezeichnete. «Es versteht sich von selbst, dass liebevolle Grosseltern im Leben eines Kindes etwas unglaublich Positives sind», betonte er. Zwar sei es unerlässlich, das Konzept des gegenseitigen Einvernehmens in sexuellen Beziehungen schon Kindern zu vermitteln. Diese Kampagne sei aber kontraproduktiv.
«Warum fordert der Staat Omas dazu auf, ihr eigenes Handeln in Zweifel zu ziehen, wenn es darum geht, die Enkelkinder zu umarmen?», fragte Paul Lawless, Abgeordneter der konservativen Aontú-Partei, im Parlament. Fragen von sexueller Gewalt würden mit der liebevollen Zuneigung von Grosseltern vermischt, rügte er.
Die Videokampagne, zu der zwei weitere Clips gehören, läuft seit Mitte September. Die Inhalte wurden laut dem DRCC auf der Grundlage von mehr als zwanzig Workshops mit Teilnehmern unterschiedlicher Altersgruppen erstellt. «Im Rahmen der Workshops sprachen die Teilnehmenden über eigene Erfahrungen mit Situationen, in denen sie sich unwohl gefühlt haben. Die dargestellten Szenen kamen in allen Workshops sehr häufig zur Sprache.»
Das DRCC verwies darauf, dass die Videos mit einem geringen Budget produziert worden seien. Aufgetreten seien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Freiwillige. Die Hilfsorganisation ist privatwirtschaftlich organisiert, sie erhält aber auch staatliche Unterstützung. Das Projekt «We-Consent» wird durch Cuan gefördert, eine staatliche Einrichtung, die das Ziel hat, auf häusliche, sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt im Land aufmerksam zu machen und sie zu reduzieren.
«Jeder hat andere Bedürfnisse»
Das Thema hat auch international Wellen geschlagen. Unter anderem die «New York Post» hat das Video aufgegriffen und berichtet, die irische Regierung dränge Grosseltern, ihre Enkel nicht ohne deren Zustimmung zu umarmen. Solche Schlagzeilen sollten nicht von der Arbeit des Zentrums ablenken, sagte das DRCC. Vorrangig gehe es darum, «Betroffene und Überlebende zu unterstützen sowie das Bewusstsein für diese wichtigen Themen in der gesamten Gesellschaft zu schärfen».
Zweifel an der Ausrichtung der Consent-Kampagne äusserte auch Aussenministerin Helen McEntee, die die Agentur Cuan in ihrer Zeit als Justizministerin ins Leben gerufen hatte. Der Schwerpunkt solle vor allem auf häuslicher und sexueller Gewalt liegen, sagte McEntee. Eine Umarmung der Grosseltern sehe sie dabei nicht als notwendigen Schwerpunkt. Unerlässlich sei es aber, eine offene und ehrliche Diskussion über Zustimmung zu führen. Denn häusliche und sexuelle Gewalt seien nach wie vor im Land weit verbreitet.
Andere verteidigten die Kampagne: Menschliche Normen und Erwartungen seien unterschiedlich, sagte der Psychologe John Francis Leader in einem Radiointerview. Jeder habe andere Bedürfnisse. Das Video bilde dies ab: «Es zeigt eine Umarmung, die jemand schätzt, und es zeigt jemanden, der die Umarmung nicht schätzt.» Damit müsse sich eine Gesellschaft auseinandersetzen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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